Die Neuvermessung der Welt

Alexander von Humboldt sammelte und beschrieb wie kein Zweiter das Wissen über die Erde. 250 Jahre nach der Geburt des Universalgelehrten tritt die Bergakademie Freiberg in die Fußstapfen ihres berühmtesten Studenten: Von Humboldt 2.0 über den Amazonas- Regenwald bis in die Weiten Sibiriens.

Freiberg.

Ein Morgen in diesen Tagen in einem Universitätsgebäude in der Freiberger Altstadt: Schüler aus Wuppertal schauen durch Forschungsmikroskope und betrachten Dünnschliffe aus Quarz und Fluorit. Der hundert Jahre alte Werner-Bau in der Nähe des Untermarkts, davon ist man hier überzeugt, ist ein Ort, wie ihn sich Alexander von Humboldt gewünscht hätte: Labore und Seminarräume befinden sich unter einem Dach, Forschung und Lehre sind vorbildlich vereint.

"Humboldt 2.0" heißt die Veranstaltung, zu der die Bergakademie mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums 15 Schulklassen aus ganz Deutschland nach Freiberg holt. "Wir zeigen, wie Humboldt heute wissenschaftlich arbeiten würde", sagt Gerhard Heide, Professor für Allgemeine und Angewandte Mineralogie. Wie? Natürlich digital. Fossilien etwa werden mit dem Smartphone fotografiert, dann erstellt Computersoftware ein 3-D-Modell und der 3-D-Drucker spuckt die Replik aus.

Die Idee hinter "Humboldt 2.0" ist: kleine Fächer - große Potenziale. Nur 20 bis 30 Absolventen gebe es in der Mineralogie in Deutschland pro Jahr, sagt Heide. Doch das Fach als Teil der Geowissenschaften sei ein wichtiges Bindeglied etwa zu Chemie und Physik. Getreu dem Credo Humboldts, der sich nicht an Fächergrenzen hielt: Alles hängt mit allem zusammen.

Alexander von Humboldt (1769 1859), der Wissenschaftsfürst, wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde, dessen Geburtstag sich am Samstag zum 250. Mal jährt, war der berühmteste Student der Bergakademie Freiberg. Zwischen Juni 1791 und Februar 1792 absolvierte er hier in acht Monaten ein montanwissenschaftliches Studium, das sonst drei Jahre dauerte. "Ich lebe hier in Freiberg sehr, sehr zufrieden, wenngleich einsam", schrieb er an einen Freund. Morgens um sechs fuhr er mit Bergleuten in die Gruben im Freiberger Revier ein und lernte den Umgang mit Schlegel und Eisen. In den Stollen fand er Flechten und Pilze, die er als Begründer der Höhlenbotanik später in der Publikation "Floriae Fribergensis specimen" beschrieb. Nachmittags nahm er an bis zu sechs Studienkollegs teil. Fünf Stunden Schlaf genügten dem Genie.

Humboldts wichtigster Lehrer an der Bergakademie war der Mineraloge Abraham Gottlob Werner, der als führender Vertreter der sogenannten Neptunisten daran glaubte, dass alle Gesteine Sedimentgesteine sind, das heißt sich aus dem Wasser der Ozeane abgelagert haben. Ausgerechnet sein bedeutendster Schüler sollte ihn widerlegen - mit seiner Forschungsreise zu den Vulkanen in Südamerika.

Nach seinen Studienjahren hatte der gebürtige Berliner im zu Preußen gehörenden Fürstentum Bayreuth eben erst eine Blitzkarriere im Staatsdienst hingelegt - hier erfand er unter anderem den Humboldtschen Licht-Erhalter, eine Grubenlampe mit windsicherer Flamme, wie sie heute im Historicum der Bergakademie ausgestellt ist -, da plante er bereits seine große Expedition. Mit 27 Jahren schließlich wurde er durch den Tod der Mutter zum vermögenden Erben. Er schied aus dem Staatsdienst aus, um sich als Naturforscher und Wissenschaftler unabhängig zu machen.

Von 1799 bis 1804 reiste Humboldt durch Gebiete der heutigen Länder Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Peru, aber auch durchs spätere Mexiko und Kuba bis in die Vereinigten Staaten. Seine Messungen, Skizzen und Aufzeichnungen, sein tiefes Eindringen in alle Bereiche der Natur, machten ihn zum "wissenschaftlichen Wiederentdecker Amerikas". Der Schriftsteller Daniel Kehlmann machte diese Geschichte 2005 mit seinem Roman "Die Vermessung der Welt" populär.

In Freiberg haben sie das Stück schon vor Jahren auf die Bühne gebracht - am Stadttheater, nur einen Steinwurf entfernt vom Eckhaus Weingasse 2, wo Humboldt ein Zimmer im ersten Stock bewohnte. Freiberg ist heute voller "Humboldt-Stätten", Denkmäler und Gedenktafeln, Ausstellungen und Relikte - über und unter der Erde.

Ausgerechnet im 250. Geburtsjahr Humboldts wurde bei Sanierungsarbeiten am Untermarkt der sogenannte Familienschacht wiederentdeckt, über den der Forscher einst aus der Freiberger Unterwelt wieder ausfuhr. Die Bergsicherung kümmert sich um das Loch in der Straße. Der "Humboldt-Schacht" wurde in 3D digitalisiert, wird aber, weil er zu eng und zu ungünstig gelegen ist, nicht als Besucherbergwerk befahrbar gemacht.

Direkt neben der Baustelle des Familienschachts, im Werner-Bau mit seinen Mikroskopen für "Humboldt 2.0", sitzt Jörg Matschullat. An der Wand seines Büros hängt eine Karte des brasilianischen Bundesstaats Amazonas, auf dem Tisch steht eine Fotografie aus dem Regenwald: die Brettwurzel eines riesigen Baumes im Halbdunkel des Urwalds. "Da schaue ich gerne hin", sagt Matschullat. "Die Dunkelheit steht im übertragenen Sinne für das Nichterkennen, das Nichtverstehen."

Matschullat will Licht ins Dunkel bringen. Der Professor für Geochemie und Geoökologie arbeitet gerade die Ergebnisse einer mehrjährigen Forschungstätigkeit im brasilianischen Urwald auf. In einem riesigen, schwer zugänglichen Gebiet des Amazonasbeckens um die Millionenstadt Manaus untersuchte er, wie Böden Klimagase aufnehmen und abgeben - in einer ähnlichen natürlichen Umgebung, wie sie Humboldt in Südamerika vorfand. Der Universalgelehrte vertrat die Ansicht, dass die Umwelt nur im Zusammenspiel mit dem menschlichen Wirken zu betrachten sei. Genau diesem Zusammenhang widmete sich Matschullat in Brasilien. Er erfasste dort die Folgen großflächiger Entwaldung, wie riesige Farmen entstanden, auf denen die Bodenfruchtbarkeit schnell nachlässt. Und zugleich die Speicherungsfähigkeit für Kohlendioxid.

CO2-Senken, so Matschullat, werden so zu CO2-Quellen. Die Böden können das Klimagas nicht mehr halten und geben es an die Umwelt ab. An Beispielen wiederaufgeforsteten Farmlands konnte er zeigen, dass dieser Prozess aber auch umkehrbar ist. Das Amazonas-Becken, sagt Matschullat angesichts der dort derzeit lodernden Brände, sei "eines der Kippelemente unseres Planeten - mit globalen Konsequenzen".

Die Feldforschung in Brasilien bedeutete körperliche Arbeit bei fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und 40 Grad Celsius. Humboldt, der vor über 200 Jahren unter ähnlichen klimatischen Bedingungen in einer damals nahezu unbekannten Weltgegend arbeitete - ihm zollt Matschullat höchste Anerkennung. Humboldt habe schon damals die beginnende Abholzung des Regenwalds erlebt und den Zusammenhang zwischen Abholzung und Austrocknung der Böden erkannt, sagt er. Der Geoökologe fühlt sich dem großen Naturforscher auch deshalb verbunden, weil dieser den indigenen Kulturen mit Respekt begegnete. Von ihnen habe Humboldt gelernt, wie man Land nachhaltig bewirtschafte, etwa durch Kompostwirtschaft, die den Boden fruchtbar hält.

Nach seiner Südamerika-Expedition war Humboldts Vermögen erheblich geschrumpft. Was blieb, steckte er in die Herausgabe seines 30-bändigen Reisewerkes. Ein Leben im Dienst der Wissenschaft und das freie Streben nach Erkenntnis - unabhängig von der wirtschaftlichen Verwertbarkeit: Für Matschullats Kollegen Gerhard Heide sind das Tugenden, die bis heute größte Bedeutung haben. "Wir wissen nicht, welche Fragen in 50 oder 100 Jahren stehen", sagt er. Deshalb sei die Grundlagenforschung so wichtig.

Im Mai und Juni 2019 begab sich der Freiberger Mineraloge auf die Spuren Humboldts in Sibirien. Dort sollte der große Gelehrte noch im Alter von 60 Jahren mit Geld des Zaren auf einer weiteren Forschungsreise Gold- und Platinvorkommen untersuchen. Auch diese Expedition 1829 nutzte er für umfassende Studien zu Klima, Geologie und Vegetation Zentralasiens. Auf Humboldts Anregung ließ die russische Regierung ein Netz von Messstationen für Luftdruck, Temperatur, Wind und Niederschläge errichten.

So breit wie Humboldts Forschungsfelder, so vielfältig war die deutsch-russische Gruppe, die ihm 190 Jahre später über Moskau nach Westsibirien, den Altai und Ostkasachstan nachfolgte: Mineralogen und Geologen, Historiker, ein Zoologe und ein Experte für Binnengewässer betrieben gemeinsam Feldforschung. Seit einigen Jahren würden Geisteswissenschaftler verstärkt angeregt, mit Naturwissenschaftlern zusammenzuarbeiten, berichtet Heide. So könnten etwa Historiker in Zusammenarbeit mit Geologen herausfinden, wie früher eine Erzhütte funktionierte.

Nicht nur interdisziplinäres, sondern transdisziplinäres Arbeiten, auch das sei ein Humboldtscher Gedanke, sagt der Freiberger Mineralogie-Professor: "Transdisziplinär ist, wenn sich mein eigenes Wissensgebiet verändert. Wenn ich mich als Mineraloge plötzlich für die Napoleonischen Kriege interessiere." Wie der Weltvermesser schon erkannte: Alles hängt mit allem zusammen.

Termin: Freiberg feiert Alexander von Humboldts 250. Geburtstag am Samstag, 17 Uhr, mit einer Bergparade auf Humboldts Spuren durch die Innenstadt. 19 Uhr schließen sich auf dem Obermarkt Feiern zur Verleihung des Welterbetitels an die "Montanregion Erzgebir- ge/Krušnohoří" an. 21 Uhr beginnt der Große Zapfenstreich mit 500 Uniformträgern.

Interview: "Humboldt war ein Mann der Gegensätze"

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