Kühe und andere Zeitgenossen

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Was das Paradeschlafzimmer in Dresden und ein Kuhstall gemeinsam haben.

Zeitgenossen sind Menschen, die die Zeit genießen. Oder besser: die Zeit genossen. Als sie noch welche hatten. Bevor sie ihre Tage damit verbrachten, mit dem Smartphone irgendwelche Apps für besseres Zeitmanagement herunterzuladen.

Zeitgenossen, die das Zeitgenießen verlernt haben, sollten mal wieder Urlaub auf dem Bauernhof machen. Genauer gesagt: im Kuhstall. Jetzt hat ja die Agrargenossenschaft Memmendorf gerade einen Stall in Hartha zum Wellness-Paradies umgebaut. Dort gibt es sogar superbequeme Wasserbetten. Die Kühe scheinen sie jedenfalls bequem zu finden, und die Matten sind ähnlich beliebt wie eine Liege an der Ostsee, wenn in Sachsen mal wieder Ferien sind und das ganze Land überfallartig ans nächstbeste Meer reist. Und auf den Matten machen die Kühe dasselbe wie so mancher Urlauber: wiederkäuen. Nur, dass sie keine alten Geschichten immer wieder erzählen und auf die Art und Weise verarbeiten. Sondern sie verarbeiten das, was sie vorher gefressen haben.

Die Kühe wissen also, was sie zu tun haben. Und was das ist, weiß ja jedes Rindvieh: kauen, wiederkäuen, Milch geben. Wann, dürfen sie neuerdings selbst bestimmen. Denn die Kuh von heute hat einen Melkroboter. Auch ausgemistet wird automatisch. Fehlt nur noch, dass die Rinder ihren eigenen Youtube-Kanal eröffnen oder bei Instagram zeigen, wie sie sich die Hufe lackieren. Oder zum Grasen raus auf die Weide gehen.

Rund 3000 Gäste haben sich jedenfalls am Tag der offenen Tür den Wellness-Tempel für Wiederkäuer und die Umgebung angeschaut. Ähnlich viel Andrang herrschte im Dresdner Residenzschloss in den wiedereröffneten Königlichen Paraderäumen von August dem Halbstarken.

Wenn wir im Erzgebirge "Parade" hören, möchten wir uns natürlich gleich den Bergkittel überstreifen, um trommelnd und blechblasend dem Monarchen unsere große bergmännische Aufwartung zu machen. Doch bei der Lautstärke würde der möglicherweise aus dem Bett fallen. Und so paradieren nur die Besucher durch das Paradeschlafzimmer.

Paradeschlafzimmer, welch gruselige Vorstellung. Man stelle sich vor, da macht man gemütlich sein Vormittags-, Mittags- und Nachmittagsschläfchen, und plötzlich, uf-tataaa, steht der halbe Hofstaat samt Musik auf der Matte. Ein zeremonielles königliches Erwachen gab es übrigens wirklich. Und zwar im Schloss Versailles. Dort hauste ja König Ludwig XIV., den sich so mancher sächsische Sonnchenkönig wohl zum Vorbild genommen hat. Jaja, damals war das morgendliche Aufstehen noch ein würdevolles Ereignis. Da konnte man nicht einfach das Handy gegen die Wand schmeißen, um den Wecker nicht mehr hören zu müssen, und fröhlich weiterdösen bis zur fristlosen Kündigung.

Zurück nach Mittelsachsen, wo wir nur müde lächeln können über die Prunkbauten unausgeschlafener Monarchen, ob in Paris oder Dresden. Schlösser haben wir doch selbst mehr als genug: Bei uns steht ja selten mal eine Tür weit offen. Und wenn doch, dann spazieren gleich die Touristen rein und fragen, wo denn jetzt das Welterbe-Besucherzentrum sei. Antwort: keine Ahnung. Darüber wird noch, äh, diskutiert.

Man kann ja verstehen, dass Oberbürgermeister Sven Krüger es nicht im Krügerhaus haben will. Und der Bahnhof ist auch nicht geeignet - es heißt ja Besucherzentrum und nicht Besuchervergraulzentrum. Da ist das Silbermann-Haus doch die bessere Wahl. Die Silbermann-Gesellschaft schmeißen wir einfach raus und schicken sie zum Beispiel nach Straßburg. Dort ist es ja auch recht hübsch, die Stadt hat auch einen Bezug zum Orgel-Guru, und außerdem schmeckt dort der Flammkuchen besser. Genauer gesagt, es gibt überhaupt welchen. Die vier Freiberger Silbermann-Orgeln schicken wir gleich mit. Dann wird im Dom, in der Petri- und der Jakobikirche auch endlich Platz sein für jeweils ein hübsches, modernes Keyboard mit ein paar leistungsfähigen Lautsprechern.

Wer meint, das wäre jetzt zu laut gesprochen, der sollte es einfach so machen wie die Kühe: Hinlegen, entspannen, und die letzte Mahlzeit noch ein zweites Mal genießen.

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