Kulturhof Kleinvoigtsberg schließt

Monika und Rainer Hageni aus Kleinvoigtsberg wollen keine Veranstaltungen mehr organisieren. Ganz zurückziehen werden sie sich aber nicht.

Kleinvoigtsberg.

16 Jahre lang ist der Kulturhof Kleinvoigtsberg eine feste Institution gewesen. An die 100 Veranstaltungen fanden in dem einstigen Dorfgasthof statt: Konzerte, Lesungen, Vorträge, Aktionen. Doch damit ist es vorbei. Monika und Rainer Hageni haben sich schweren Herzens entschieden, den Veranstaltungsreigen zu beenden. "Wir schaffen es nicht mehr", sagt Monika Hageni. Grund: Rainer Hagenis Herz ist schwach; außerdem hat der 74-Jährige Sehprobleme.

1998 kauften Rainer und Monika Hageni den ehemaligen Gasthof. Der Umzug 2002 aus der Pfarrwohnung in Oederan ins 25Kilometer entfernte Kleinvoigtsberg war ein neuer Lebensabschnitt, denn Rainer Hageni ging zugleich in den Vorruhestand. Er, gelernter Landwirt, war zuvor ab 1973 als Vikar beziehungsweise Pfarrer tätig gewesen - erst in der Freiberger Petrikirche, ab 1975 in Langhennersdorf, ab 1993 in der russischen Stadt Gussew (nahe Kaliningrad) und ab 1994 in Oederan. Sie, studierte Metallkundlerin, hatte bis zur Wende in der Werkstoffforschung im Bergbau- und Hüttenkombinat "Albert Funk" Freiberg gearbeitet und war danach Leiterin des Amtes für Soziales und Gleichstellung in Freiberg. Zur Zeit des Umzuges war sie noch im Rathaus der Bergstadt tätig - bis 2010.

Beim Interview sitzen die Hagenis im Vorraum des Wohnzimmers in ihrem liebevoll restaurierten Haus. Die Idee, einen Ort der Kultur zu etablieren, sei ihnen gekommen, als sie den Saal herrichteten. Monika Hageni dazu: "Der Raum war einfach da, wir wollten ihn nutzen." Ihr älterer Sohn Gabriel baute den Bühnenrahmen (Portikus). Ein Kulturhof-Verein wurde gegründet.

Die Plakate, Flyer und Fotos von den oft proppenvollen Veranstaltungen, zu denen auch Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung kamen, füllen einen dicken Aktenordner. Das erste Konzert am 3. November 2002 war Programm: Neben der Leipziger Sopranistin Maria Fleischhauer und Tenor Frank Unger, heute am Mittelsächsischen Theater, wirkte der frühere Kantor und "Operettenkönig von Sachsen" Gotthold Müller mit. Es folgten Konzerte mit verschiedenen Musikern, am Schluss mit Klarinettistin Anja Bachmann (Mittelsächsische Philharmonie) und ihren Schülern sowie mit Mezzosopranistin Barbora Fritscher (Mittelsächsisches Theater). Es gab Ausstellungen mit Arbeiten des Freiberger Künstlers Volker Benedix, eine Schau zum Siebenlehner Landschaftsmaler Otto Altenkirch (1875-1945), Kunstaktionen im Garten sowie Pantomime mit Siegmar Cholet - Rainer Hageni beteiligt sich seit über 50Jahren am Programm des Freiberger Pantomime-Theaters "Nische". Und es gab ungewöhnliche Aktionen wie eine Bücher- und eine Porzellanvergrabung. Dazu man muss eines wissen: Hagenis haben nicht nur einen Sinn für Kultur und Geschichte, sondern auch eine gehörige Portion Humor. "Unnötige Bücher mit irrwitzigem oder skandalösem Inhalt belasten unser Gewissen", so Rainer Hageni. Deshalb sei angeboten worden, solche mitzubringen und sie auszutauschen. Die übrig gebliebenen Bücher habe man nicht verbrannt, sondern begraben.

Im Kulturhof fanden auch ernsthafte Lesungen, Vorträge und Diskussionsrunden statt. Diese drehten sich zum Beispiel um die Verwüstung der Dörfer während des Dreißigjährigen Krieges, um "500 Jahre Reformation - 100 Jahre Oktoberrevolution", den Islam oder um Elsa Asenijeff, Max Klingers Muse, die 1941 in der damaligen Bräunsdorfer Landesanstalt starb. Auch eine grenzüberschreitende Gesprächsrunde zum 9. November 1989 mit Gästen aus dem tschechischen Litomerice fand statt. Höhepunkte waren die Musikveranstaltungen mit Gotthold Müller. Der Kulturhof organisierte zudem Reisen in Länder Osteuropas. Auch die Besuche des Ensembles Strechanne aus dem weißrussischen Mozyr hinterließen bleibende Erinnerungen. Als Monika Hageni davon erzählt, blickt die 70-Jährige aus dem Fenster. "Es war herrlich, wie die weißrussischen Sängerinnen an den Birken vorbei durch den Garten gelaufen sind", sagt sie, in ihrer Stimme schwingt Wehmut mit.

Doch Nachtrauern ist nicht ihre Art. "Der Verein besteht ja weiter", sagt sie. Auch das Programmkino Krokodil, das Sohn Gabriel in Berlin aufgebaut hat, arbeite weiter in Trägerschaft des Vereins. Und das Ehepaar Hageni hat noch andere Pläne. Rainer Hageni will beispielsweise Regionalgeschichtliches und Erinnerungen zu Papier bringen. Das große Grundstück will genauso gepflegt sein. Und wenn sie doch Langeweile haben, können sie den Fernseher anmachen und ihren Sohn Philipp als Reporter im Sat-1-Frühstücksfernsehen erleben.

Bürgermeister Volkmar Schreiter (FDP) sagt: "Monika und Rainer Hageni haben mit den Veranstaltungen im Kulturhof Kleinvoigtsberg dazu beigetragen, diesen Ort und unser Stadtgebiet überregional bekannt zu machen." Mit Intelligenz und einem humoristischen Augenzwinkern habe es Rainer Hageni verstanden, das Publikum zu begeistern und Menschen zusammenzuführen. Monika Hageni habe "als gute Seele des Ganzen für den reibungslosen organisatorischen Ablauf" gesorgt. Schreiter: "Wir werden die kulturellen Nachmittage und Abende vermissen. Allerdings zeugt es auch von Weisheit und Einsicht in die Dinge des Lebens, den Schlusspunkt selbst gewählt und zum richtigen Zeitpunkt zu setzen."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...