Schreiben lernen ist wie Sprechen lernen

Ab August lernen die neuen Schulanfänger Lesen und Schreiben. Dabei agieren die Schulen unterschiedlich. "Freie Presse" hat sich die vieldiskutierte "Lesen durch Schreiben"-Methode angeschaut.

Freiberg.

Wenn Kinder in die Schule kommen, haben sie mitunter Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Jahren. "Manche können zur Einschulung schon lesen und schreiben, andere hatten noch nie eine Schere in der Hand", beschreibt Dana Graefling. Sie ist Lehrerin und Untergruppenkoordinatorin an der Freien Gemeinschaftlichen Schule "Maria Montessori" in Freiberg und Verfechterin der vieldiskutierten Lehrmethode "Lesen durch Schreiben" (LdS).

"Anders als beim Lernen mit der Fibel stehen den Kindern von Anfang an alle Buchstaben zur Verfügung. Damit kann ich jedes Wort schreiben, das ich will", erklärt Graefling. Man muss also nicht warten, bis das P dran ist, um Papa zu schreiben. Der Vorteil: "Die Kinder können die Schrift sehr schnell erleben und sind daher hoch motiviert." Zunächst aber sind Buchstaben für Kinder kryptische Zeichen, mit denen sie noch nicht viel anfangen können. Deshalb lernen sie bei der LdS-Methode mit einer Anlauttabelle, auf der zum Beispiel der Buchstabe F neben einem abgebildeten Fisch steht oder der Buchstabe L neben einer abgebildeten Lupe. Anfangs hören die Kinder ein Wort, ordnen es dem Anlaut zu und malen den Buchstaben quasi ab. Mit vielen Übungen werden die Schreibanfänger sicherer. Dann geht es in die lautähnliche Schreibung über. Ziel ist, jedem Laut einen Buchstaben zuordnen zu können. Wenn ein Kind "Ball" schreiben soll und "BAL" schreibt, hat es das Prinzip verstanden, so Graefling. In weiteren Übungen werden Besonderheiten herausgearbeitet; erst danach sind einzelne Rechtschreibstrategien an der Reihe. "Damit können Kinder nicht nur die Wörter schreiben, die sie gelernt haben, sondern sie sind in der Lage, jedes beliebige Wort zu schreiben."

Man kann das Schreibenlernen auch mit dem Sprechenlernen vergleichen. Kinder fangen einfach an, zu sprechen, auch wenn die Aussprache noch nicht korrekt ist. So ist das auch beim Schreiben. "Die Kinder begreifen die Schriftsprache als Kommunikationsmittel und was sich damit für Welten erschließen lassen. An dem Punkt, wenn sie alles mögliche in ihrer Umgebung laut vorlesen, zum Beispiel "Taxi" oder "Stop", hat es Klick gemacht.

An der Grundschule Mulda haben die Lehrer verschiedene Methoden probiert, "wir sind aber wieder bei der klassischen analytisch-synthetischen Methode angekommen, weil wir gemerkt haben, dass die Schüler besser klarkommen damit", sagt Schulleiterin Karola Bertram. Die Anlauttabelle sei auch ein Teil des Lernmaterials und wird zum Beispiel in Fördergruppen benutzt.

Auch in Mittelsaida gibts die Anlauttabelle. "Damit können die Kinder schneller was schreiben. Aber das Gefühl für fehlerfreies Schreiben ist heute nicht mehr ganz so da", schätzt Schulleiter Bernd Erler ein. Manche Fehler seien schwer wieder rauszukriegen, sagt er. Deshalb legen die Kollegen Wert darauf, dass die Kinder ihr Geschriebenes mit dem Wörterbuch kontrollieren.

Fehler gibt es auch bei den Schülern von Dana Graefling. "Früher ist man davon ausgegangen, dass sich Falsches sofort einprägt. Das ist wissenschaftlich widerlegt", sagt sie. "Im Umkehrschluss würde das ja heißen: Wenn man ein richtig geschriebenes Wort sieht, prägt man es sich sofort richtig ein." Dabei passieren Rechtschreibfehler überall. Graefling weiß um den Lernfortschritt jeder ihrer Schüler. "Ich greife dort ein, wo die Kinder stehen."


"Gute Lehrer kombinieren die Methoden"

Michael Krelle ist Professor am Zentrum für Lehrerbildung der TU Chemnitz. Cornelia Schönberg sprach mit ihm über das Lesenlernen.

Freie Presse: Welche Methoden vermitteln Sie den Lehramtsanwärtern an der Universität?

Michael Krelle: Wir vermitteln einen großen Überblick aller Methoden. Gute Lehrer kombinieren diese, je nachdem, was sie für Schüler vor sich haben. Leistungsstärkere Kinder lernen weitgehend unabhängig von der Methode. Leistungsschwächere benötigen eher strukturierten Unterricht.

Wie lange dauert das Lesenlernen?

Das ist so bunt wie das Leben selbst. Es gibt Kinder, die solche Leistungen bereits bei Schuleintritt vollbringen. Andere schaffen das im Laufe der Grundschulzeit. Manche können in der Sekundarstufe noch nicht flüssig lesen. Das ist vor allem dort der Fall, wo das Elternhaus nicht unterstützend oder vorbereitend hilft.

Wie können Eltern unterstützen?

Mit großer Begeisterung deuten Kinder Zeichen im Alltag. Hier entsteht Begeisterung für Schrift. Da bietet es sich im Elternhaus an, Kinder beim Deuten zu unterstützen. Auch das Vorlesen spielt eine zentrale Rolle.

Manche warnen davor, dem Kind vor Schuleintritt schon zu viel beizubringen. Was halten Sie davon?

Wenn ich ein Kind habe, das schon weit vor der Schule ein besonderes Interesse für Sprache hat, warum soll ich es bremsen? Es ist am Lehrer, die unterschiedlichen Lernstände wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Dazu gehört auch, auf besonders Leistungsstarke zu reagieren. cor

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...