Bundeswehr-Aktionstag in Frankenberg: Tag beim Heer

Die Bundeswehr ist eine Armee im Übergang. Mit einem Aktionstag und einer Ministerin, die sich für kein Selfie zu schade ist, wirbt sie um Aufmerksamkeit in einer Gesellschaft, die sich unangenehmen Fragen stellen muss.

Frankenberg.

Zwei ältere Herren aus Rossau stehen am Rand des Appellplatzes, zwischen den Kasernen aus der Kaiserzeit, und schauen mit Kennerblick hin. Vor wenigen Minuten sind zwei Helikopter gelandet, daneben schiebt sich gerade ein "Patriot"-Raketenabwehrsystem zusammen. Einer der Männer trägt Shirt und Basecap mit der Aufschrift "70 Jahre D-Day"- die Landung der Alliierten in der Normandie 1944. "Ich war in Frankreich, zwei Mal, auch zur Jubiläumsfeier." Er sei auch in Sewastopol gewesen, erzählt er weiter, auf der Krim. "Dort hat mein Vater sich zu Kriegszeiten einen Lungendurchschuss eingefangen. Ein ziemliches Glück, im Nachhinein. Sonst wäre er in Stalingrad gelandet." Was denkt er über die Rekruten, wie sie heute hier vereidigt wurden? Er schmunzelt. "Na, ob wir mit denen noch was gewinnen werden", sagt er, was bei ihm eher fürsorglich als verächtlich klingt.

An der Ecke des Appellplatzes steht ein Denkmal, das den Toten der Panzergrenadierbrigade 37 "Freistaat Sachsen" gewidmet ist. Wenige zivile Besucher haben dafür einen Blick. Vier Hauptgefreite kamen 2009 in Feyzabad und Kunduz ums Leben - drei von ihnen in einem Transportpanzer, der nach einem Angriff außer Kontrolle geriet und sich überschlug. Die Namen der vier, alle Anfang bis Mitte Zwanzig, sind in Metallplättchen eingraviert, ohne Pathos und Kriegerromantik. Nur ein ebenmäßiges Kreuz aus Birkenstämmen gibt es hier.

Die Bundeswehr, eine deutsche Armee: mit demokratischer Vollmacht legitimiert und einer zwiespältigen Vergangenheit im Gepäck. Eine Projektionsfläche für Extreme, für Pazifismus wie für Ängste vor Aggressivität und Großmannssucht. In Frankenberg sind die Laternen an der Straße zur Kaserne mit Plakaten der Linkspartei behängt: "Frieden statt Bomben". Zufällig im Autoradio bringt der Deutschlandfunk Samstagfrüh eine Reportage aus Kabul, die von der "Stadt der Witwen" handelt: zwei Millionen afghanische Frauen, die im unendlichen Krieg ihre Männer verloren haben. Es war kein deutscher Krieg, bis zum "friedenserzwingend" genannten Isaf-Einsatz unter Zustimmung der Vereinten Nationen, der "Verteidigung unserer Sicherheit auch am Hindukusch".

Die Kaserne belebt sich. 16 Standorte von der Nordsee bis zur Donau öffnen ihre Tore gleichzeitig und präsentieren die Bundeswehr der Öffentlichkeit: in Ostdeutschland in Rostock-Warnemünde, in Erfurt und in Frankenberg. Tausende Soldaten haben das vorbereitet. Das Interesse ist groß. In Frankenberg strömen bis Mittag 7000 Besucher aufs Gelände, am Ende des Tages werden es 13.000 gewesen sein.

Für die Soldaten sei es ein gutes Gefühl, in einer Parlamentsarmee zu dienen, sagt Heereschef Jörg Vollmer, einstiger Kommandeur der Frankenberger Panzergrenadierbrigade, der selbst zwei Mal für das Isaf-Nordkommando in Afghanistan im Einsatz war. Die Legitimation durch den Bundestag, durch die gewählten Abgeordneten, sie trage auch in schweren Stunden.

Kurz nach halb eins trifft Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Frankenberger Kaserne ein. Sie hält eine Rede, die via Satellit zu den anderen Aktionsorten übertragen wird, spricht von "zunehmenden Bedrohungen und Spannungen in der Welt". Deshalb brauche die Bundeswehr in nächster Zeit mehr Personal, mehr Geld und besseres Material sowie Rückhalt in der Öffentlichkeit. Für all das wird an diesem Samstag hier geworben.

Zuerst das feierliche Gelöbnis: 200 junge Rekruten, die ihre dreimonatige Grundausbildung demnächst beenden werden, kommen im Gleichschritt auf den Appellplatz marschiert. Die meisten sind freiwillig Wehrdienstleistende, haben sich für sechs bis 23 Monate verpflichtet, wie Oberleutnant Stefan Kopun erklärt. Sie hätten das Karrierecenter absolviert und wüssten genau, wo sie hin wollten und was sie erwartet. "Ein Riesenunterschied zu alten Wehrpflicht-Zeiten", sagt Kopun.

Das Gelöbnis-Zeremoniell mit dem strengen Paradieren, den Traditionsmärschen des Orchesters und der Truppenfahnensymbolik wirkt wie aus der Zeit gefallen, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass eine moderne Generation junger Leute vorne steht. Einige haben Tattoos und tragen fleischfarbene Plugs im Ohr. Es gibt eine ganze Anzahl Frauen. Der Frauenanteil der Truppe liegt momentan bei elf Prozent, das erklärte Ziel sind 15 Prozent. Und es gibt mehrere Rekruten mit Migrationshintergrund.

Sie alle blicken ernst, erwachsen.

Heereschef Jörg Vollmer spricht. Er erinnert an den Besuch Karl-Theodor zu Guttenbergs vor sechs Jahren in Frankenberg, jenes populären Vorgängers der Frau von der Leyen, dessen Name politisch vor allem mit der Aussetzung der Wehrpflicht verbunden ist. "Eine gute Entscheidung!" lobt Vollmer. Siebzehn Staaten Europas haben seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes, seit 1990, die Wehrpflicht suspendiert oder abgeschafft. Fast auf den Tag genau seit fünf Jahren werden in Deutschland nur noch Freiwillige eingezogen. Im Durchschnitt liegt die Verpflichtungszeit inzwischen bei neun Jahren, sagt Jörg Vollmer, der Heeres-Generalinspekteur. "Das sind professionelle Soldaten, deren Ausbildung sich vielfach auszahlt, für sich selbst wie für uns." Den Neuen in Frankenberg wünscht er "Soldatenglück und Gottes Segen".

Das Gelöbnis der Rekruten wird vom Führer der Paradeformation abgenommen. Für die freiwillig Wehrdienstleistenden weicht die Formel von jener der Zeitsoldaten ab. Die ersteren sagen "Ich gelobe", die letzteren "Ich schwöre". Ein Symbol. In Frankenberg wird am Samstag ganz überwiegend gelobt. Der Rest der Formel heißt gleichlautend für beide Gruppen: "...der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen."

Als der Vormittagsaufzug beendet ist, bleiben die Vereidigten noch fünf Minuten in Formation, damit Eltern und Kinder, Schwestern, Opas und Freunde sie fotografieren können. Eine Schar aufgeregter Zivilisten mit Handys stürzt auf den Platz. Tränen der Rührung fließen. Rekrutinnen fallen Müttern um den Hals. Ein dünnhaariger Alter brüllt "Haltung annehmen!", und dass er stolz auf seinen Neffen sei. Eine junge Frau steckt sich still eine Zigarette an. Indessen rasselt ein Panzer, der die Zeremonie flankiert hat, brüllend davon und stößt dunkle Rauchwolken aus, die sich auf die Leute senken. "Bitte den Platz beräumen", rufen Soldaten in Felduniform. "Hier landen gleich Hubschrauber, das wird Gefahrenbereich!"

Die Menge strömt zu den Vorführungen. Militärfahrzeuge en masse sind aufgefahren, ein ganzer Raubtierzoo: Kampfpanzer Leopard, Führungsfahrzeug Dingo, Spähwagen Fennek, Transportpanzer Fuchs, Schützenpanzer Marder, Pionierpanzer Dachs. Dazu ein Brückenlegepanzer, der Biber heißt. Über dem Einstieg eines Bergepanzers Büffel steht ein Kosename, in blauer Schrift: "Obelix".

Ursula von der Leyen bahnt sich ihren Weg durchs Gewühl, begleitet von Personenschützern, aber höchst kontaktfreudig und keinem Selfie abgeneigt. Eine Art Helene Fischer der Politik - in der Souveränität und Perfektion des Auftritts. Im Zelt der tschechischen 4. Rapid Deployment Brigade, einem Teil der schnellen Nato-Eingreiftruppe, verlangt sie selbst nach einem Bild, um es per Handy dem Ministerkollegen nach Prag zu schicken. Es sind auch Österreicher und US-Amerikaner da, sowie Soldaten aus Afrika, Benin, die eine Schulung absolvieren. Das österreichische Jägerbataillon 17 zitiert auf seiner Fahne den Philosophen Platon: "Wenn die Guten nicht fechten, siegen die Schlechten."

Frau von der Leyen wird am Verladesystem Mammut begrüßt, Abschleppdienst und Mobilitätsgarantie für 60-Tonnen-Kampfpanzer. Die Ministerin heizt die Menge an: "Wollen wir das sehen?" Die erwartbaren "Ja"-Rufe lösen eine Hardrock-Welle aus, AC/DC's "Thunderstruck", bald von einem Panzermotor überdröhnt. Der Leopard rotiert am Fleck, seine Ketten schwärzen den Beton vor der Werkstatt. Dann wird der Panzer von dem Mammut-Schlepper Huckepack genommen.

Die US-Amerikaner vom Zweiten Cavalry Regiment, dem ältesten Kavallerieregiment der USA von 1836, haben ein Sanitätszelt aufgebaut, in dessen Ecke auf der Trage eine Puppe liegt. Die Gliedmaßen zerfetzt, das Gesicht entstellt, ein heraushängender Schlauch simuliert das Gedärm. Die Besucher reagieren verunsichert, viele versuchen es mit bitterem Humor: "Lebt der noch?" Die Soldaten tragen Hüte, wie sie in Mode kamen, als noch zu Pferd gefochten wurde. Von der Leyen stellt sich zum Gruppenfoto auf.

Das Wetter hält. Die Bundeswehr wird am Ende des Tages ein positives Fazit ziehen. Nach Lage der Dinge hat sie sich bestens verkauft. Nur am Abend in der "Tagesschau", kurz vor dem Fußballmatch England gegen Russland, findet der "Tag der Bundeswehr" keine Erwähnung. Dort wird stattdessen die britische Königin gezeigt, die aus Anlass ihres Geburtstages eine "farbenprächtige Militärparade" (Spiegel Online) vom Balkon ihres Palastes abnimmt. Dazu werden begeisterte deutsche Touristen interviewt.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    4
    Schinderhannes
    12.06.2016

    Stelle Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin... Dann kommt der Krieg zu dir...

  • 1
    3
    maxmeiner
    12.06.2016

    Man hat die Glocken bereits läuten gehört. Mit DIESER Truppe ist sowieso kein Blumenstrauß mehr zu gewinnen, mittlerweile besteht der Verein aus egozentrischen, bewaffneten Schülerlotsen mit dem Hang zum verbalen Masochismus (zumindest beim Heer / Berufssoldaten).
    Nicht sein Zitat, der ganze Peter Struck war sinnlos.

  • 3
    2
    EckiWeber
    12.06.2016

    "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen" -Willy Brandt-

    Egal ob die Truppe einen erhöhten Frauenanteil oder Soldaten mit dem Namen Mohammed hat !
    Ich möchte das hier nicht weiter ausführen. Jeder sollte den Artikel genau lesen und sich überlegen, wohin die Reise gehen könnte. Man sollte sich keinen " Sand in die Augen streuen lassen " , denn dieses Thema hat schon unsere Vorfahren sehr stark getroffen und wir sollten um unsertwillen uns in nichts auslöschendes hinheinziehen lassen !
    Peter Strucks Zitat von 2002 war schon sinnlos genug !



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