Sorge um ausländische Mitarbeiter

Die Chefs einer Softwarefirma beklagen fremdenfeindliche Pöbeleien. Der Mittweidaer OB Ralf Schreiber befürchtet Nachteile für den Technologiestandort.

Mittweida.

Es handelt sich bisher wohl um Einzelfälle und doch lassen die Berichte von ausländischen Mitarbeitern des Mittweidaer Technologieunternehmens Slock.it aufhorchen: Offenkundig fremdenfeindlich motivierte, verbale und tätliche Anfeindungen habe es gegeben - in der Kleinstadt Mittweida, die sich sonst mit dem Attribut weltoffen präsentiert.

"Verschiedene Kollegen sind aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Hautfarbe auf der Straße angepöbelt worden", erzählt Steffen Kux, Beratungsleiter bei Slock.it. Ein brasilianischer Mitarbeiter habe sogar Handgreiflichkeiten erlebt. "Wir haben bisher immer gedacht, es seien Einzelfälle", so Kux. Doch seit etwa drei Wochen lebe eine farbige US-amerikanische Angestellte in Mittweida. "Sie hat innerhalb dieser kurzen Zeit schon mehrere fremdenfeindliche Vorfälle miterleben müssen", sagt Kux. Das Tragische dabei: Vorher sei sie in Berlin gewesen und habe noch die Weltoffenheit der Deutschen gelobt.

Bisher habe sich das Unternehmen noch nicht an die Polizei gewandt. Jetzt soll aber weiteren Vorfällen nachgegangen und eventuell rechtliche Schritte eingeleitet werden. Man wolle nicht dramatisieren, aber auch offen damit umgehen, so Slock.it-Sprecherin Antje Urban. Denn: "Wir brauchen die Experten aus dem Ausland. Wenn die sich hier nicht wohlfühlen, kommen sie nicht nach Mittweida", so Urban. "Wir wollen einen Hochtechnologiestandort in Mittweida gründen, dazu brauchen wir internationale Talente", erklärt auch Jork Leonhardt von Slock.it. Jetzt überlege man, diese internationalen Spezialisten in einer Außenstelle in Berlin einzusetzen. Von den 26 Mitarbeitern der Firma seien der größte Teil spezialisierte Softwareentwickler, etwa die Hälfte stamme aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland, so zum Beispiel aus Südamerika, Asien oder den USA.

Dass sich das Unternehmen mit diesen Sorgen an den Mittweidaer Oberbürgermeister Ralf Schreiber (CDU) gewandt hat, kommt nicht von ungefähr. Immerhin hat sich die von den Mittweidaern Christoph und Simon Jentzsch gegründete Firma auf die Anwendung der Internet-Technologie Blockchain spezialisiert. Und die Stadtverwaltung erarbeitet gemeinsam mit Hochschule und Volksbank Mittweida ein Konzept, nach dem die Region künftig eine Vorreiterrolle bei der Anwendung der Blockchain-Technologie einnehmen soll.

Schreiber nimmt die Sorgen bei Slock.it ernst. "Bei vielen Menschen herrscht massive Unsicherheit gegenüber den neuen Bürgern", sieht Schreiber eine Ursache für das fremdenfeindliche Verhalten. Das sei aber nicht zu tolerieren. Es sei schlimm, dass ausländische Mitarbeiter überlegen, ob sie hier leben wollen. "Wir haben derzeit keine aktive rechte Szene, aber rechtes Gedankengut gibt es auch in unserer Stadt", so der OB. Daher überlege man, mit welchen Aktionen die Stadt der fremdenfeindlichen Stimmung entgegenwirken könne. Noch wichtiger ist dem OB, dass die Mittweidaer selbst für Offenheit stehen. "Nichts ist schlimmer für uns, als so eine fremdenfeindliche Stimmung in der Stadt."

Betroffen von den Berichten der Slock.it-Mitarbeiter zeigte sich der Rektor der hiesigen Hochschule: "Ich bin überrascht, denn ich habe von unseren ausländischen Studierenden zumindest in den vergangenen Jahren keine ähnlichen Berichte über fremdenfeindliches Verhalten in Mittweida erfahren", sagte Professor Ludwig Hilmer. Aber die Hochschulleitung sei bei dem Thema sensibilisiert. Etwa 20 Prozent der 6000 Studenten stammen aus dem Ausland und spielten eine "aktive Rolle im akademischen Leben".


"Ich gehe davon aus, dass die Dunkelziffer solcher Vorfälle höher ist"

Christoph Meyer, Professor für Bildung und Kultur

in Mittweida, sprach mit Jan Leißner über Fremdenfeindlichkeit und Grenzen der Toleranz.

Freie Presse: Überrascht Sie die Nachricht von fremdenfeindlichen Aktivitäten in Mittweida?

Christoph Meyer: Nein. Das findet überall statt. Das bekommt man mit, wenn man durch die Stadt geht und hört, was für Sprüche manchmal fallen. Ich gehe davon aus, dass die Dunkelziffer solcher Vorfälle höher ist. Die Hochschule scheint ein geschützter Raum zu sein, aber sie ist keine Insel und auch nur ein Raum unter vielen.

Sie moderieren eine Tagung mit dem Titel "Die Grenzen der Toleranz". Spielen die jüngsten Proteste in Chemnitz eine Rolle?

Natürlich wird Chemnitz ein Thema sein, wir leben ja hier. Eine wissenschaftliche Analyse geht nicht ohne Beispiel.

Ist bei den Demos in Chemnitz eine Grenze der Toleranz überschritten worden und wenn ja, von wem?

Ja, es sind Grenzen der Toleranz überschritten worden, und zwar von allen, die rechtsextreme und menschenverachtende Parolen gerufen haben. In zweiter Linie von all denen, die dazu applaudiert haben. Die Grenze ist die Achtung der Grundrechte eines jeden Menschen, egal wo er oder sie herkommt. Diese Art des Protests führt am Ende nur zu Frust - und zwar bei allen Beteiligten und Betroffenen.

Bei wem und warum?

Bei den Ausländern, die von Parolen betroffen sind, genauso wie bei der schweigenden Mehrheit, für die es nicht motivierend ist. Und bei den Protestierenden, die meinen an der Problemlösung zu arbeiten. Aber: so wird kein soziales Problem und kein Anerkennungsproblem gelöst. Ein ausländerfeindliches Deutschland ist kein schöneres Deutschland.

In welcher Verantwortung steht hier die Wissenschaft?

Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft. Die Hochschule ist ein Ort der Diskussion, der Auseinandersetzung, nicht nur im geschlossenen Seminarbetrieb, sondern eben auch mit der Gesellschaft. Ich denke, hier in Mittweida bekommt die Stadt davon eine Menge mit - und umgekehrt die Hochschule von der Stadt.

Was können diese Initiativen, deren Vertreter sich in Mittweida treffen, tun?

Diese Initiativen für Weltoffenheit und Toleranz zeigen denjenigen, die durch ausländerfeindliche Parolen und Aktionen angegriffen werden: Ihr seid nicht allein. Sie bilden ein gesellschaftliches Gegengewicht zu rechten Hetzern. Wenn es gut geht, schaffen sie einen Ort der Gewalt- und Diskriminierungsfreiheit, des Austausches zwischen Menschen, die für die Wahrung von Demokratie und Menschenrechten eintreten.

Zur Fachtagung "Die Grenzen der Toleranz" werden am heutigen Samstag an der Hochschule Mittweida Vertreter von 100 Initiativen und Organisationen erwartet, die sich unter dem Dach des Netzwerkes "Tolerantes Sachsen" für die Förderung demokratischer Kultur und gegen Rassismus einsetzen.

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