Das Zuckerfest hat dieses Jahr einen bitteren Beigeschmack

Mit vielen Freunden, Verwandten und Bekannten feiern die Muslime normalerweise das Ende des Ramadan. Doch die Coronakrise hat alles verändert.

Freiberg.

Wenn das Weihnachtsfest plötzlich nicht mehr so stattfinden könnte, wie es in Deutschland Tradition ist, wäre das für viele Menschen sicherlich ein Problem. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt, so eine Situation gibt es derzeit für Hamada Abdelaziz. Denn der Ramadan, der für Muslime auf der ganzen Welt bedeutsame Fastenmonat, endet am heutigen Samstag. Das bedeutet, dass am morgigen Sonntag das Eid al-Fitr, das Zuckerfest zum Fastenbrechen, gefeiert wird. Eine Tradition, die mit Weihnachten vergleichbar ist. Denn normalerweise treffen sich zum dreitägigen Fastenbrechfest alle Familienmitglieder und Freunde, essen und feiern miteinander, die Kinder bekommen Geschenke. Es gibt viele Sachen zum Naschen, deshalb auch Zuckerfest. Ein Höhepunkt bildet dabei natürlich das gemeinsame Gebet in einer Moschee oder einem Gebetsraum.

All dies kann nun wegen der Coronapandemie in dieser Weise nicht stattfinden. "Jede Familie betet und feiert diesmal für sich allein", sagt Abdelaziz. Der 37-Jährige ist gebürtiger Ägypter, lebt seit 2011 in Deutschland, besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft und ist Vorstandsmitglied sowie Kulturbeauftragter des Kultur- und Bildungszentrums in Freiberg. Er sitzt gemeinsam mit Dr. Nidal Nazrallah im großen Raum des Vereins "Neue Heimat". Nazrallah ist dessen stellvertretender Vorsitzender.

Der studierte Zahnarzt aus Syrien hatte sich ebenfalls auf das Zuckerfest gefreut. Man wollte sich in den Vereinsräumen treffen und feiern. Das geht nun aber nicht. "Das Fest bedeutet eine große Gemeinsamkeit", erklärt Nazrallah. "Alle Muslime kommen zusammen, ganz egal welcher Nationalität sie sind." In Freiberg ist das eine ziemlich große Gruppe. Rechnet man die Studenten der TU Bergakademie mit hinzu, seien das etwa 1400 Muslime, schätzen die beiden Männer. Zu den Abendgebeten im Gebetsraum erscheinen derzeit aber nur sehr wenige. Auch zum Abschluss des Ramadan wird keine große Gläubigerschar erwartet. Zudem gelten coronabedingt strenge Hygieneregeln. "Beispielsweise bringt jeder seinen eigenen Gebetsteppich mit", erzählt Hamada Abdelaziz. Gesichtsmaske ist Pflicht, ebenso der Abstand zueinander, was genauestens kontrolliert wird.

Das Fasten im Ramadan ist für Muslime vor allem ein Akt der Reinigung des Körpers und des Geistes. "Es trainiert die Seele", so Abdelaziz. "Man lernt Geduld." Bis Sonnenuntergang darf ein gläubiger Muslim nichts essen oder trinken. Fällt der Ramadan, der sich nach dem Mondkalender richtet, in die Wintermonate, dann ist das nicht ganz so schlimm. Im Frühling oder Sommer hingegen wird den Fastenden einiges abverlangt. Doch es gibt Ausnahmen. Schwangere, Alte und Kranke etwa müssen nicht fasten. Auch Kinder sind davon ausgenommen, es sei denn, sie möchten es freiwillig tun. Sein Sohn, so Abdelaziz, habe sich für das Fasten entschieden. "Ich gebe ihm aber jeden Tag eine gefüllte Brotbüchse mit in die Schule", sagt er. "Damit er sich stärken kann, wenn er merkt, dass die Konzentration oder die Kräfte nachlassen." Schüler und Studenten in der Prüfungszeit können die Fastentage bei späterer Gelegenheit nachholen.

70 Tage nach Ende des Ramadan folgt das zweite große Fest im Islam: Eid ul-Adha, das Opferfest. Es markiert den Höhepunkt des Haddsch, der rituellen Pilgerfahrt nach Mekka. Lamm- und Rindgerichte kommen dann auf den Tisch, und es wird abermals gefeiert. In diesem Jahr findet es vom 30. Juli bis 3. August statt. Nidal Nazrallah und Hamada Abdelaziz hoffen sehr, dass es, im Gegensatz zum Zuckerfest, wieder in Gemeinschaft begangen werden kann.


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