Demos und Dialog-Debatten häuften sich

Mauerfall 89: Die "Freie Presse" hat Archivmaterial aus dem Wendeherbst vor 30 Jahren ausgewertet. Es zeigt die Veränderung der Stimmung.

Freiberg/Rochlitz.

Die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 30Jahren war keine Laune der Geschichte - der Druck auf die DDR-Staatsführung war Anfang November 1989 immer mehr angewachsen. Das spiegeln auch die Artikel in der "Freien Presse" aus dieser Zeit wider.

So erfuhren die Leser der "Freien Presse" in Rochlitz am 8. November 1989 - und damit einen Tag vor dem Fall der Mauer - von einer Diskussionsrunde von Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend des Instituts für Lehrerbildung mit dem 1. Sekretär der FDJ-Kreisleitung. Neben Kritik am schlechten Zustand des Wohnheimes und der Verpflegung wurde dem Artikel zufolge dabei auch die Frage geäußert, warum der Biologieunterricht über Wochen ersatzlos ausfalle. Ob man im Fach Marxismus/Leninismus auch so verfahren würde?

In der gleichen Ausgabe wurde für den 16. November eine Dialog-Veranstaltung in Topfseifersdorf angekündigt; ein ähnliches Forum im Sitzungssaal des Rochlitzer Rathauses hatten am 28. Oktober bereits rund 200 Männer und Frauen besucht. Bis auf den letzten Platz besetzte Bürgertreffen hatte es am 3. November auch in den Kulturhäusern in Geringswalde und Lunzenau gegeben.

Die Hainichener "Freie Presse" publizierte am 8. November 1989 unter anderem unter der Überschrift "Vorstellungen zur Neugestaltung und Worte zum Dialog" drei Leserbriefe. Auf der gleichen Seite wird über zwei Demonstrationen in Hainichen und Mittweida am 6. November 1989 berichtet. In der Gellertstadt hätten sich dabei ab 18.15 Uhr hunderte Bürger von der Kirche zum Kreiskulturhaus begeben und von dort den gleichen Weg wie die Demo vom 7. Oktober genommen, die von der Polizei gewaltsam aufgelöst worden war. Auf Transparenten seien Sprüche wie "Rechtssicherheit statt Staatssicherheit" und "Vorwärts zu neuen Rücktritten" zu lesen gewesen.

In Mittweida waren dem Bericht zufolge gut 200 Menschen nach dem Montagsgebet von der Kirche schweigend und mit Kerzen durch die Innenstadt gezogen. "Egon krenz uns nicht aus", habe es auf einem der Schilder geheißen - am Tag darauf wurde die Reisefreiheit verkündet.

Die Freiberger Ausgabe der Lokalzeitung veröffentlichte am 8. November 1989 derweil erstmals Zahlen über die Schadstoffbelastung in der Stadt. Der Kreistag hatte sechs Tage zuvor beschlossen, in regelmäßigen Abständen Umweltdaten zu veröffentlichen. Nun erfuhren die Leser, dass die Bleibelastung im Zentrum den Grenzwert um mehr als 110 Prozent überschritten habe; 1986 sei sogar noch das nahezu 4,8-fache des Grenzwertes gemessen worden. Am 4. November 1989 hatten sich rund 5000 Menschen zu einer Demo auf dem Obermarkt versammelt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...