Ein Mann, der den Raum zum Nachdenken schafft

Frank Richter, Theologe und einstiger Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung hatte zum Dialog gebeten. Nach dem Themenrausch bleiben Fragen offen - ein Gewinn fürs Publikum.

Erlau.

Kein Stuhl im Saal der "Alten Mühle" in Schweikershain ist mehr frei, rund 50 Besucher - aus dem Raum Erlau und Mittweida, aus Frankenberg, aus Dresden - warten an diesem Dienstagabend auf den Referenten. Dann, fünf Minuten nach halb acht, kommt Christoph Körner, Pfarrer im Ruhestand, herein und ruft erleichtert: "Jetzt können Sie klatschen". Der Gast ist da, hat die Mühle schließlich gefunden.

Der Gast - Frank Richter - stellt sich an die Stirnseite der langen Tafel, legt vor sich Brille und Uhr auf den Tisch. "Willkommen liebe Sachsen und Sächsinnen", sagt der Freitaler. An diesem Abend spricht der frühere Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und jetzige Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche im Erlauer Gesprächskreis. Christoph Körner, Vorsitzender des Vereins, hat Richter eingeladen, "als Fachmann, der die Milieus Sachsens sehr gut kennt."

Bekannt geworden ist Frank Richter über die Grenzen des Freistaates hinaus, weil er den Dialog mit der Pegida-Bewegung suchte. Das Attribut "Pegida-Versteher" haftet dem 56-Jährigen an. Ums "Verstehen" geht es auch gleich zu Beginn des Vortrags. "Vor ihnen steht ein nachdenklicher Mensch, der versucht, zu verstehen, was in dieser Gesellschaft los ist", so Richter. Er schließt einer seiner "elementarsten Thesen" an: "Widerspruchsverweigerung ist mangelnde Nächstenliebe. Jemandem offen zu widersprechen, ist Ausdruck von Respekt."

Ein Manuskript hat Richter nicht. Den Kugelschreiber nimmt er mal in die Hand, legt ihn dann wieder auf den Tisch. Zu den Zuhörern sucht er den direkten Blickkontakt. Der geforderte Widerspruch - er bleibt nicht aus. Da wird nicht nur applaudiert, geklopft, gelacht. Die Besucher scheuen sich nicht, Einwände zu rufen, Fragen zu stellen. Richter freut sich: "Wir beide werden noch Freunde heute Abend, weil wir uns aneinander reiben", sagt er zu einem Dialogpartner.

Schlagwörter des Abends sind Freiheit, Ordnung, Herausforderungen des Lebens, ähnlich lautet auch der Titel des Vortrags. "Warum gibt es nach wie vor so viel Skepsis gegenüber der freiheitlich-demokratischen Ordnung?", fragt Richter und geht auf Ursachensuche. Es fallen Sätze wie jener vom "tiefgreifenden Gefühl, dass es in der Gesellschaft ungerecht zugeht" oder: "Wir haben Religionsfreiheit, aber keine Religion steht über dem Grundgesetz".

Fremdes und Fremde, direkte Demokratie, der Islam, Lobbyismus, die Kommunikation zwischen Bürger und Politiker, Familienwahlrecht, die zu große Rolle der Parteien - all das und mehr wird flankiert. Im Themenrausch bleiben Fragen unbeantwortet, aber nicht wirkungslos: "Er hat Denkanstöße gegeben", bestätigt eine Besucherin später.

"Diese Ordnung hat viele Baustellen. Aber es ist die beste, die Deutschland in seiner Geschichte hatte. Wir hatten noch nie so viele Freiheiten wie jetzt", fasst Richter zusammen. Bevor er Freesien als Frühlingsboten und Zeichen des Aufbruchs annimmt, sagt er: "Ich bin ein zutiefst dankbarer Mensch. Das ersetzt nicht das Nachdenken."


In Sachsen geboren und wieder zurückgekehrt

Frank Richter wurde 1960 in Meißen geboren. Nach seinem Abitur 1978 in Großenhain war Richter von 1979 bis 1981 Bausoldat der NVA in Stralsund. Er studierte am Priesterseminar Erfurt und in Neuzelle Theologie und wurde 1987 zum katholischen Priester geweiht. Im Herbst 1989 nahm Richter als Kaplan an der Dresdener Hofkirche an den Demonstrationen gegen das DDR-Regime teil und gründete die "Gruppe der 20" mit. Nach der Wende arbeitete er als Diözesanjugendseelsorger des Bistums Dresden-Meißen, als Pfarrer in Aue und als Referent für Religion und Ethik am Comenius-Institut in Radebeul. 2005 legte er das Priesteramt nieder, um zu heiraten. Richter wechselte zur Altkatholischen Kirche, war für sie als Pfarrer in Offenbach tätig, arbeitete als Lehrer in Hessen. Er konvertierte erneut, ist nun evangelischer Christ.

Von 2009 bis Anfang 2017 wirkte er als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Seit Jahresbeginn ist er Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden. Frank Richter wohnt in Freital. (fmu)

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