Einkaufsmarkt: Betreiber wirft nach acht Jahren das Handtuch

Der Nah-und-Gut-Handel in Lunzenau schließt Ende 2019. Die Bürger bedauern das. Doch sie sind nicht ganz unschuldig an der Entscheidung.

Lunzenau.

Es ist beste Einkaufszeit, um sich mit frischen Waren einzudecken. Doch am Nachmittag ist der Parkplatz des Nah-und-Gut-Marktes an der Schillerstraße in Lunzenau fast verwaist. Im Gebäude herrscht gähnende Leere zwischen den gut bestückten Regalen, Kunden muss man suchen. An der Kühlzeile packt ein Paar Wurst und Käse ein. "Ja, wir haben gehört, dass der Markt schließt. Das ist traurig", sagt die 74-Jährige. Ihr 77-jähriger Mann ergänzt: "Hier in der Gegend wohnen viele Senioren wie wir. Der Markt bietet uns kurze Wege, wir kaufen gern hier ein."

Einen Kilometer Luftlinie weiter: Kunden strömen aus und in den Netto-Markt, der 2018 nach einem Jahr Schließzeit erweitert und modernisiert wiedereröffnete. "Es ist gut, dass wir mit dem Auto noch mobil sind. Aber wenn das mal nicht mehr geht, wäre es schon besser, wenn Nah-und-Gut geblieben wäre", sagt ein 84-Jähriger, der den Kofferraum seines Autos bepackt. Eine junge Frau mit Kind indes geht lieber zu einem Discounter oder kauft auswärts in Chemnitz oder Burgstädt ein. "Da ist es billiger, und man hat von Bäcker bis Fleischer alles unter einem Dach", meint auch ein älteres Ehepaar, das einen vollen Einkaufswagen schiebt.

Dass die Kunden größere Märkte bevorzugen, spürt der Nah-und-Gut-Betreiber Wolfgang Woitschig, der im September 2011 eröffnete. "Für dieses kleine Einzugsgebiet ist ein Privatunternehmen, wie ich es betreibe, wirtschaftlich nicht darstellbar", sagt er. Zudem könne jeder sein Geld nur einmal ausgeben, und die Kaufkraft nehme eher ab, als dass sie steige. Der Mietvertrag für das Gebäude laufe Ende des Jahres aus. "Wir sind beide 64 Jahre alt, eine Verlängerung wollen wir nicht", sagt er - auch im Namen seiner Frau, die an der Kasse arbeitet. "Es rechnet sich nicht. Wir haben eine 60-Stunden-Arbeitswoche und bislang durchgehalten. Nun aber haben wir entschieden, in Lunzenau aufzuhören. Es ist nicht zu schaffen."

Katja Schättin, die in einem Nebengebäude des Marktes ein Schreibwarengeschäft mit Lotto- und Poststelle führt, bedauert die Schließung des Lebensmittelmarktes sehr. Sie hatte die Idee, das Gebäude mit Händlern zu einer Art Ladenstraße zu beleben und sich damit unter anderem an den Gewerbeverein der Stadt gewandt.

"Wir haben das im Vorstand besprochen", sagt der Vorsitzende des Gewerbevereins, Karsten Krumbiegel. Man sehe keine Zukunft für diese Idee. "Denn woher sollen die Geschäfte und vor allem die Kunden kommen?" Es gebe bereits viel Leerstand was das Gewerbe in Lunzenau betreffe. Seit der Wende habe man den Leuten gesagt: "Fahrt nicht fort, kauft im Ort!" Doch so sei es nicht gekommen.

Auch Bürgermeister Ronny Hofmann (CDU) findet es schade, dass die Einkaufsmöglichkeit an der Schillerstraße wegfallen wird. Er wünscht sich, dass wieder Leben in das Gebäude einzieht. "Da ist auch ein Restpostenmarkt die bessere Lösung als Leerstand."


IHK: Kaufkraft für Einzelhandel in Lunzenau unter dem mittelsächsischen Durchschnitt

Laut IHK Chemnitz beträgt die Kaufkraft für den Einzelhandel in Lunzenau pro Kopf und Jahr 6066 Euro. Das liegt unter dem mittelsächsischen Durchschnitt von 6206 Euro.

Die Verkaufsfläche wird in Quadratmeter pro Kopf im Handelsatlas des Freistaates Sachsen erfasst. In ihm werden laut IHK aber nur die Kommunen betrachtet, die eine zentralörtliche Funktion haben, das heißt, die die Versorgung von umliegenden Kommunen mit übernehmen. So sind das für Penig 0,69 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Kopf, für Rochlitz liegt der Wert bei 1,05, für Burgstädt bei 0,93, für Chemnitz bei 0,78. Da Lunzenau keine zentralörtliche Funktion besitzt, werden im Handelsatlas keine diesbezüglichen Angaben gemacht.

Der Handelsatlas wird alle fünf Jahre aktualisiert, was derzeit gerade geschieht. Die genannten Zahlen beziehen sich auf 2015. (bp)

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Nixnuzz
    25.09.2019

    Nur mal so: "«Wir werden mit den Ländern gemeinsam etwa 700, 800 Millionen Euro haben, die vergeben werden müssen», zur Aufforstung der geschädigten Wälder - es sei ihnen gegönnt. Aber was kann für derartige "Sozialprojekte" ebenso in den Kreislauf geworfen werden? Zur Klarstellung: Es geht um einzelne Standorte - nicht um den Gesamtkonzern! Ist z.B. ein Großflächen-Agrarbetrieb wirklich sooo förderungswürdig?

  • 4
    1
    Nixnuzz
    25.09.2019

    @Blackadder: Wenn wir uns nur an der Gewinnwirkung von Geschäften orientieren, haben sie recht. Nur: was wird dort vor Ort noch "produziert"? Welchen ÖPNV gibt es dort - der auch altersgerechte Fahrzeuge hat? Auf der einen Seite sich über das "menschliche Austrockenen" von Regionen aufregen aber bezahlbare Lösungen - nicht nur von den "Grundrentenempfängern" - ermöglichen? Wieviel Geld wird für "Heimunterbringungen" aufgebracht - obwohl kaum einer dort hin will - Ausnahme etc..Wieviel "Desintegrationsmechanismen" werden teuer bezahlt? Ok - unterstützt "den" Supermarkt. Was kann an der Abgabenschraube zum Standorterhalt gedreht werden? Wenn dort Lebensmittel plus x für den täglichen Bedarf verkauft werden und die Anwohneranzahl /-situation es zulässt - warum nicht fördern?? Oder kann sich da kein Politiker mit profilieren?? Kein naheliegender Ortsverein??

  • 2
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    Blackadder
    25.09.2019

    Wie wollen Sie einen Discounter verpflichten, Miese zu machen?

  • 5
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    VaterinSorge
    25.09.2019

    Jeden Tag kann man es mit eigenen Augen sehen, jeden Tag verfallen ländliche Regionen mehr und mehr. Jeder weiß es, die Politik verspricht und verspricht, doch die Vereinsamung in den Dörfern scheint unaufhaltsam. Erst Schulen und Kindergärten, dann Versorgungseinrichtungen der Kommunen, Ärzte, dann Bus- und Bahnlinien, dann die letzten Versorgungseinrichtungen und zum Schluss der Niedergang der Grundstücks- und Gebäudewerte, von Handwerk und Gewerbe ganz zu schweigen. Aber weder jammern noch meckern hilft, sondern handeln! Ich habe mir solche Situationen auf den Dolomiten, den entlegenen Dörfern in Finnland, in Holland, den USA, Griechenland u.v.m. angesehen. Überall das gleiche Thema und überall immer ein möglicher Lösungsansatz nach dem gleichen Schema: Es müssen alle an Änderungen interessierten Bürger ein ganzheitliches Konzept ausarbeiten und umliegende Akteure verpflichten. So könnte ein Discounter verpflichtet werden, eine Filiale in einem Dorf zu betreiben, einer Ärztegemeinschaft stellt man Sprechstundenräume an festgelegten Tagen zur Verfügung, der Gemeindebus fährt regelmäßig die Gemeinden und Dörfer ab, bringt und holt die Schul- und Hortkinder, versorgt ältere Leute und schafft Zugänge zu Mittelzentren. Aber einfach Läden zu schließen und niemanden kümmert es, das ist der Anfang vom Ende. Die Bürgermeister der umliegenden Kreisstädte sollten sich mit R. Hofmann zusammen setzen und gemeinsam über die Erhaltung aller Dörfer beraten. Dann können sie Fördermittel von Bund und Land anfordern, dann sind Fördermittel gut angelegt und werden nicht für städt. Unsinn verplempert. Nur wenn lebenswerte Verhältnisse in den Dörfern geschaffen werden, kann es langfristig zu Entlastungen in den Ballungszentren führen.



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