Flüchtlinge aus Mittelsachsen müssen erneut umziehen

Das Landratsamt schließt aus wirtschaftlichen Gründen Einrichtungen im Kreis. In Rochlitz führt dies zu Protesten - bei Asylbewerbern und Betreuern.

Rochlitz.

Sein Deutsch weiter verbessern und dann eine Ausbildung machen - das wünscht sich Shaibullah Sultani. Daher feilt der 20-Jährige mit seinen Kumpels aus dem Rochlitzer Wohnheim bei Integrationskursen und täglich nach der Schule an seinen Sprachkenntnissen. Verständigen kann sich der Afghane ganz gut. Klar artikuliert er auch seine Meinung zum nahenden Umzug der Bewohner nach Freiberg, Hainichen, Lunzenau, Roßwein und Brand-Erbisdorf. "Das ist nicht gut. Ich würde sehr gerne in Rochlitz bleiben. Ich fühle mich wohl, Stimmung und Unterkunft sind gut", betont er.

Die meisten der noch etwa 30 Flüchtlingeerinnern sich mit Grauen an Zustände in Massenunterkünften - sie waren unter anderem in Rossau, Dresden und Leipzig. "Es ist laut, es wird geklaut, das Klima ist rau", unterstreicht Mohamad Jamshi. Nun steht nach etwa einem Jahr in Deutschland der dritte Umzug für viele an. Denn Ende September schließt das Landratsamt unter anderem die 45-Mann-Unterkunft an der Rochlitzer Poststraße - aus wirtschaftlichen Gründen und aufgrund von Überkapazitäten im Kreis, untermauerte ein Behördensprecher. Wie hoch die Kosten sind, sagt das Amt "aus vertragsrechtlichen Gründen" nicht. Eine Kehrtwende wie in Wiederau, als nach Protesten der Umzug verschoben worden war, deutet sich damit nicht an. Etwa 700 Plätze seien aktuell im Landkreis frei. Rückendeckung für diesen Kurs gibt das sächsische Innenministerium. Wirtschaftliche Aspekte müssten beachtet werden, sagt ein Sprecher.

Nicht nur den Flüchtlingen fehlt dafür das Verständnis. Ein Damen-Quartett bringt den Rochlitzer Asylbewerbern täglich Deutsch bei - und das schon seit Monaten. "Es ist sehr traurig und unverständlich. Viele haben Freunde gefunden, sich eingelebt und fühlen sich wohl", schildert Ursula Barz. Einige sind im Fußballverein und spielten Volleyball. "Sie sind auf einem guten Weg, sich zu integrieren. In einer Massenunterkunft wird dies nicht funktionieren", glaubt Barz. Oberbürgermeister Frank Dehne (parteilos) spricht mit Blick auf die Integrationsbemühungen von einem Rückschritt. "In Rochlitz gibt es für die Flüchtlinge heimische Strukturen. Alles ist eingespielt", so Dehne. Wirtschaftliche Aspekte könnten bei diesen Entscheidungen nicht das alleinige Kriterium sein, wenngleich der OB den Kreis in einer Zwickmühle sieht. Das Land müsste für die Unterbringung mehr zahlen. Dies ist auch geplant, Pauschalen sollen steigen, so das Innenministerium.

Die Rochlitzer haben ihre Bedenken Landrat Matthias Damm (CDU) mitgeteilt - auch Mittelsachsens Linke. Für sie ist nicht nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet die funktionierende Einrichtung in Rochlitz geschlossen wird.Sie fordern den Erhalt - oder den Umzug in Wohnungen innerhalb von Rochlitz.

Landespolitikerin Jana Pinka aus Freiberg kritisiert die Zentralisierungspolitik des Landrats. "Die kleinen Pflänzchen von Integration werden damit abrupt herausgerissen." Damm wirft sie eine verfehlte Politik vor, Kontakte würden so "bewusst zerbrochen". Pinka prophezeit: "So wird Integration niemals gelingen können. Wäre es gewollt, hätte man diesen Menschen eine neue Heimat in Rochlitz und Umgebung geben können." Doch neue Wohnungen in der Gegend sollen laut Kreis nicht angemietet werden.

Grünen-Politiker Wolfram Günther aus Königsfeld verweist auf einen Widerspruch. Wenn gesellschaftliches Engagement gefordert werde, müsse dies auch bei Standortentscheidungen berücksichtigt werden. "Das ist ein Schlag ins Gesicht vieler Helfer. Der Landrat hat kein Interesse, diese Aufgaben zu organisieren", so Günther.

Zur Kritik an der Asylpolitik sagte der Landratsamt-Sprecher, dass man nur die untere Unterbringungsbehörde sei. Dennoch setze man sich mit Integration auseinander, helfe Bleibeberechtigten bei der Wohnungssuche und plane Stellen für Integrationshelfer. 2546 Asylsuchende leben im Kreis.


Kommentar: Der Wille fehlt

Das Aus der Rochlitzer Asylunterkunft offenbart ein Problem für die Integration: Das Schicksal der Flüchtlinge ist einigen Verantwortlichen im CDU-geführten mittelsächsischen Landratsamt augenscheinlich nicht sehr wichtig. Wer Landrat Matthias Damm unter anderem bei seiner Neujahrsansprache 2015 in Mittweida erlebt hat, den überrascht nicht, dass sie nun hin und hergeschoben werden. Die Kritik daran ist berechtigt. Überkapazitäten müssen abgebaut werden, aber mit Bedacht. Wenn schon der Wille zu Gesprächen mit lokalen Akteuren fehlt, kann Integration als gesellschaftliche Aufgabe nicht gelingen. Und Politik verliert Glaubwürdigkeit.

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3Kommentare
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  • 2
    1
    DerMichel
    13.09.2016

    Was mich an solchen Berichten stört:

    "Sein Deutsch weiter verbessern und dann eine Ausbildung machen - das wünscht sich Shaibullah Sultani. Daher feilt der 20-Jährige mit seinen Kumpels aus dem Rochlitzer Wohnheim bei Integrationskursen und täglich nach der Schule an seinen Sprachkenntnissen. Verständigen kann sich der Afghane ganz gut."

    Deutschkenntnisse werden von A1 bis C2 bewertet. Welches Niveau haben den die Herren nach ca. 1 Jahr? Wieso verbleibt man da immer im nebulösen? Für was gibt es eigentlich solche Bewertungen von A1 - C2? Doch um den Fortschritt objektiv beurteilen zu können?

    "Die meisten der noch etwa 30 Flüchtlingeerinnern sich mit Grauen an Zustände in Massenunterkünften..."

    Wäre da eine genaue Anzahl nicht möglich? Bis 100 sollte wirklich jeder zählen können!

    ""Es ist laut, es wird geklaut, das Klima ist rau", unterstreicht Mohamad Jamshi." Wer klaut? Wer ist laut?

    "Nicht nur den Flüchtlingen fehlt dafür das Verständnis. Ein Damen-Quartett bringt den Rochlitzer Asylbewerbern täglich Deutsch bei - und das schon seit Monaten. "Es ist sehr traurig und unverständlich. Viele haben Freunde gefunden, sich eingelebt und fühlen sich wohl", schildert Ursula Barz. Einige sind im Fußballverein und spielten Volleyball. "Sie sind auf einem guten Weg, sich zu integrieren."

    Welches Sprachniveau haben die Damen und Herren zwischenzeitlich erreicht?
    "Viele haben Freunde gefunden..." Auch unter Deutschen? Und bei ca. 30 sollte die Zahl doch genau feststellbar sein? Wenn ich solche Formulierungen wie: "viele" schon lesen muss. Was ist: "viele"? Bei ca. 30 sollte eine genaue Zahl möglich sein!

    ""Sie sind auf einem guten Weg, sich zu integrieren. In einer Massenunterkunft wird dies nicht funktionieren", glaubt Barz"

    OK, Frau Barz glaubt also... Glauben gehört in die Kirche! Wie zeigt sich dieses: "Sie sind auf einem guten Weg..."?

    ""In Rochlitz gibt es für die Flüchtlinge heimische Strukturen. Alles ist eingespielt", so Dehne" Wie sehen solch: "heimische Strukturen" aus?

    "Die Rochlitzer haben ihre Bedenken Landrat Matthias Damm (CDU) mitgeteilt - auch Mittelsachsens Linke. "
    Wurde in Rochlitz eine repräsentative Umfrage gemacht? Wie ist das genaue Ergebnis? Alle einer Meinung? Fast wie in Zeiten der DDR!

    "Grünen-Politiker Wolfram Günther aus Königsfeld verweist auf einen Widerspruch. Wenn gesellschaftliches Engagement gefordert werde, müsse dies auch bei Standortentscheidungen berücksichtigt werden. "Das ist ein Schlag ins Gesicht vieler Helfer. Der Landrat hat kein Interesse, diese Aufgaben zu organisieren", so Günther."

    Herr Günther, geht es da um den Egotrip einiger Grün_Innen oder geht es um Gelder der Allgemeinheit? Offensichtlich auch nicht um "Flüchtlinge"....

  • 2
    1
    1953866
    13.09.2016

    @Pixelghost, volle Zustimmung! Der Geldgeber (Steuerzahler) darf aus "vertragsrechtlichen Gründen" nicht wissen was mit seinem Geld gemacht wird und wie diese Verträge aussehen. Da käme womöglich mache Mauschelei heraus, wenn Ross und Reiter bekannt würden. Transparenz sieht anders aus und in einem Rechtsstaat wären Behördenmitarbeiter verpflichtet, darüber Auskunft zu erteilen, bzw. müssten aus "vertragsrechtlichen Gründen" mit Konsequenzen rechnen. Und dann wundern sich noch Leute, dass viele Bürger von dieser Selbstherrlichkeit und Bürgerferne die Nase voll haben!

  • 5
    1
    Pixelghost
    13.09.2016

    Aha. Aus "vertragsrechtlichen Gründen" darf der Steuerzahler nicht wissen, wie hoch die Aufwendungen an öffentlichen Geldern sind. Na das ist ja mal eine lächerliche Erklärung.

    Könnte es vielleicht sein, dass die Kosten dem einen oder anderen Steuerzahler zu hoch wären, diese dann mit den Umzug so gar kein Problem hätten und dies der Intension dieses Artikels zuwider laufen würde, nämlich Unverständnis gegenüber der Entscheidung des Landratsamtes zu erzeugen?



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