Jeder zweite Mittelsachse bezieht Niedriglohn

Löhne und Gehälter in Mittelsachsen gehören zu den niedrigsten in ganz Deutschland. Auch für Firmen kann das ein Problem werden.

Rochlitz/Freiberg.

Arbeit ist im Landkreis Mittelsachsen unterdurchschnittlich bezahlt. Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit liegen die durchschnittlichen Löhne und Gehälter von Vollzeitbeschäftigten in der Region bei 2111 Euro brutto - und damit sowohl unter dem ostdeutschen Schnitt (2449Euro), dem Bundesmittel (3084 Euro) und auch unter dem sächsischen Schnitt von 2323 Euro. Und: Demnach bezieht fast jeder zweite Angestellte zwischen Erzgebirgskamm und Rochlitzer Muldental einen statistischen Niedriglohn, der unterhalb der bundeseinheitlichen Niedriglohnschwelle von 2056 Euro brutto liegt. Dies geht aus der Entgeltstatistik der Agentur für Arbeit hervor.

"Die Entwicklung des mittelsächsischen Arbeitsmarktes ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte", sagt Bundespolitikerin Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin von Die Linke. Die hohe Auspendleranzahl deutet die Zwickauerin als "Flucht vor Arbeitslosigkeit und Niedriglöhnen" und fordert einen Kurswechsel für gute Arbeit. 12 Euro Mindestlohn sowie eine Stärkung von Tarifverträgen und Tarifbindung seien nötig, so Zimmermann.


Wirtschaftsexperten warnen: Eine Lohnuntergrenze in dieser Höhe würde in den neuen Bundesländern Jobs in Größenordnung kosten, betonen die Ökonomen Joachim Ragnitz, Vize-Chef des Dresdner Ifo-Institutes, und Karl Brenke vom Deutschen Institut der Wirtschaft in Berlin. Niedrige Löhne im Kreis haben demnach strukturelle Gründe - denn es gibt viele kleine Firmen und Jobs meist in den Bereichen Dienstleistung und Logistik. Doch Besserung scheint für Arbeitnehmer in Sicht. Denn mit Blick auf die Demografie und zunehmenden Mangel an Arbeitskräften dürften Löhne steigen. "Knappheit ist der Motor der Wirtschaft. Firmen, die nicht bereit sind, höhere Löhne zu zahlen, werden auf der Strecke bleiben. Und dieser Druck steigt weiter", sagt Brenke. Dies zeigt sich bereits heute. So gibt es laut "Freie Presse"-Recherchen beispielsweise Dachdecker-Firmen in Mittelsachsen, die bis zu 2000 Euro Monatsgehalt zahlen - netto.

Linken-Politikerin Sabine Zimmermann entgegnet der Kritik am Mindestlohn, dass Geschäftsmodelle, die auf Niedriglöhnen basieren, ohnehin nicht zukunftsfähig seien. Sie räumt aber auch ein, dass man Unternehmen nicht verpflichten kann, Tarife zu zahlen und wieder mehr Vollzeitstellen zu schaffen.

Laut Christoph Neuberg, Geschäftsführer Industrie/Außenwirtschaft der IHK Chemnitz, reagieren Unternehmen bislang nur punktuell mit Lohnerhöhungen auf die Lage auf dem Arbeitsmarkt, der von einer Verknappung bei qualifizierten Fachkräften geprägt sei. "Wir erwarten ein Ansteigen des Durchschnittslohns in den kommenden Jahren." Firmen müssten sich über die Entlohnung hinaus als attraktive Arbeitgeber positionieren. "Insbesondere jüngere Arbeitnehmer und Hochschulabsolventen sehen sich bei der Arbeitgeberwahl keinesfalls mehr als Bittsteller", so Neuberg. Die Industrie- und Handelskammer stelle immer häufiger fest, dass sich die Unternehmen auf diese neue Generation einstellen.

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