Kajakunfall wirft Fragen auf

Kanuten bemängeln nach dem Todesdrama in Mulda, dass sie beim Planen von Arbeiten an Flüssen nicht einbezogen werden. Und es gibt noch weitere Kritikpunkte.

Mulda.

Woran lag es? Wolfgang Tuch lässt der tödliche Kajakunfall vom März auf der Freiberger Mulde im mittelsächsischen Mulda keine Ruhe. "Der Tod des Sportfreundes hat mich sehr betroffen gemacht", sagt der 76-jährige Berliner. Tuch hat vor 23Jahren an der gleichen Stelle, am Wehr des Sägewerks, einen Unfall eines anderen Kanuten erlebt, der zum Glück glimpflich ausging. Jetzt fuhr der Berliner extra nach Mulda, um die Örtlichkeit in Augenschein zu nehmen, wo sich am 17.März der Unfall ereignet hat. An jenem Sonntag hatten zwei Dresdner ihre Kajaks in Mulda zu Wasser gelassen, um bis nach Weißenborn zu paddeln. Während es der 44-Jährige über das Wehr am Sägewerk schaffte, verunglückte sein 62-jähriger Mitstreiter. Er starb drei Tage später im Krankenhaus.

Bei seinem Besuch suchte Wolfgang Tuch nach Ursachen für das Unglück. Bei dem Unfallwehr handelt es sich ihm zufolge um ein Kastenwehr, das zu einem Klappenwehr umgebaut wurde. Die Klappe könne abgesenkt werden. Bei erhöhter Wasserführung entstehe im Auffangbecken eine zum Wehr hin drehende Walze, die einen schwimmfähigen Körper nicht mehr loslasse. Tuch bezweifelt, dass die Umbauten mit dem Sächsischen Kanu-Verband abgestimmt wurden. Aber: Laut der zuständigen Landestalsperrenverwaltung erfolgten "keinerlei Umbaumaßnahmen". Vielmehr seien nur die hochwassergeschädigte Böschung und die Ufermauer am linken Ufer wieder instandgesetzt worden. Auch Anlieger können sich an keine Arbeiten an dem Wehr in den vergangenen 20Jahren erinnern.


Arend Riegel ist der Präsident des Sächsischen Kanu-Verbandes. Er sagt, dass die Wassersportvereine bei Arbeiten in Gewässern meist nicht so einbezogen werden, wie es wünschenswert wäre: "Wir würden gern unsere Expertise einbringen, zum Beispiel, was Ausstiegsstellen und Wehre betrifft." Die LTV wiederum verweist auf das Planfeststellungsverfahren, bei dem jeder seine Hinweise äußern könne. Dies gelte auch für die Schutzmaßnahmen nach dem Augusthochwasser 2002 in Mulda, zu denen beispielsweise Ufermauern gehörten.

Tuch hat einen weiteren Kritikpunkt: Seines Erachtens steht das Befahr-Verbotsschild zu kurz vor dem Wehr. "Der Kanute hat nur wenige Sekunden Zeit für einen Ausstieg. Dazu muss er sein Boot im fließenden Gewässer wenden und flussaufwärts eine geeignete Ausstiegsstelle finden", so Tuch. Das sei beim Sägewerk-Wehr wegen hoher Stützmauern sowie Büschen und Bäumen im Uferbereich schwierig. "Wenn man doch das ,rettende' Ufer erreicht hat, landet man auf Privatgrund." Betreiber des Wehrs ist der Verein Technische Denkmale Mulda. "Bisher waren uns keine Probleme bekannt. Wir werden aber den Standort des Schildes prüfen", so Petra Schumann vom Verein.

Tuch ärgert sich über die wiederholt geäußerte Meinung, dass die beiden Kanuten leichtsinnig waren. Er hält dagegen: Bei den Kleinflüssen des Erzgebirges sei auf einer relativ kurzen Strecke mit vielen Wehren zu rechnen, wo die Wassersportler jeweils an Land gehen, das Boot bis hinter das Wehr tragen und wieder einsetzen müssten. Da dies aufwändig sei, würden die Wehre oft von "meist sehr erfahrenen Wildwasserkanuten" befahren. Die Gewässerführer des Deutschen Kanuverbandes (DKV) informierten, ob ein Wehr eventuell befahrbar ist. "Ungeachtet dessen prüft ein versierter Vorfahrer durch Augenschein, ob eine Befahrung machbar ist", sagt Tuch. Ein Kentern sei trotzdem nicht ausgeschlossen - beispielsweise bei minimalen Änderungen der Fahrtroute oder dem Paddel auf der falschen Seite.

AuchDieter Reinmuth, Geschäftsführer der Deutscher Kanu-Verband Wirtschafts- und Verlags GmbH, dem Herausgeber des DKV-Gewässerführers, sagt: "Kanusport eine sehr risikoarme Sportart." In Deutschland kämen auf 1,4 Millionen Menschen, die regelmäßig oder gelegentlich paddeln, etwa zehn tödliche Unfälle pro Jahr. Der Großteil der schweren Unfälle geschehe an Wehren, "deren Rücklauf gerade von Ungeübten oft unterschätzt wird." Die Gefahr sei stark vom Können des Paddlers, dem Bootsmaterial und dem Wasserstand abhängig. Bei Hochwasser beispielsweise stiegen die Gefahren "exponentiell" an. Am Unfalltag betrug der Pegelstand in Mulda laut Landeshochwasserzentrale 47 Zentimeter, wobei die Wassertiefe unterhalb des Wehres deutlich höher ist. Normal sind 21Zentimeter - also 26 Zentimeter weniger. Zudem floss fünfmal mehr Wasser pro Sekunde durch die Mulde als im Normalfall. "Aber es bestand kein Hochwasser", sagte Karin Bernhardt vom zuständigen Landesamt.

Im aktuellen DKV-Gewässerführer von 2017 wird das Wehr am Sägewerk nur genannt, weitere Infos gibt es nicht. Ulrich Clausing, Geschäftsführer Freizeitsport des DKV, verweist auf die Einleitung, wonach Wehre Gefahrenstellen sind und eine Besichtigung anzuraten ist. Der Chef der DKV-GmbH Reinmuth ergänzt, dass die Gewässerführer seit über 40 Jahren die von Kanufahrern in ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragenen Informationen sammeln. Der Datenbestand umfasse rund 4000 Flüsse mit geschätzt einer Millionen Fluss-Kilometern und 200.000 Objekten in ganz Europa. "Eine Gewähr für die Vollständigkeit kann aber nicht übernommen werden", so Reinmuth. Inzwischen weist die App "Canua" des DKV auf den tödlichen Unfall in Mulda hin und gibt an, dass eine Befahrung des fraglichen Wehres verboten und eine Befahrung nicht möglich ist. "Auch wird geprüft, eine Empfehlung zu geben, diesen Abschnitt der Freiberger Mulde nicht zu befahren", so Clausing. Die Hinweise würden auch in einer Neuauflage des Gewässerführers für Ostdeutschland berücksichtigt.

Unterdessen ermittelt die Polizei laut einem Sprecher noch immer zu dem Unfall.


Der Unglückstag

Am 17. März hatten zwei Dresdner kurz nach 11 Uhr ihre Kajaks am Wandererparkplatz in Mulda zu Wasser gelassen, um die Freiberger Mulde bis nach Weißenborn zu befahren. Zuvor hatten sie mit Anlieger Mario Kempe gesprochen. "Ich habe sie noch auf die beiden Staustufen hingewiesen", sagt er. Die Kanuten kamen nicht weit. Während es der 44-Jährige über das Wehr am Sägewerk schaffte, verunglückte sein 62-jähriger Mitstreiter. Dessen Kajak tauchte wie auch das erste ins Wasser ein, stellte sich aber durch die starke Strömung quer und wurde vom Strudel erfasst. Der Mann war im Strudel gefangen und wirkte laut Kempe völlig apathisch.

Augenzeuge Kempe rief Passanten zu, sie sollen Feuerwehr und Rettungsdienst rufen. Dann eilte er zu Georg Gläser, der am Wehr wohnt. "Ich gab Mario ein Seil und habe selber das Wehr runtergedreht, damit der Strudel nachlässt", so Gläser später. Letztlich konnten Feuerwehrleute den mit einem Neoprenanzug bekleideten Mann mit einem Einreißhaken aus der starken Strömung und über die mehr als zwei Meter hohe Ufermauer ziehen. Sofort begannen sie mit der Reanimation und übergaben den Mann dann dem Rettungsdienst. Der 62-Jährige wurde in eine Klinik gebracht, wo er drei Tage später starb. (cor/hh)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...