Mittelsachsen sucht den Ameisenretter

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Sie leben zu Tausenden zusammen und unterliegen besonderem Schutz: Waldameisen. Doch manchmal müssen sie umziehen. Wer dabei helfen will, sollte Frühaufsteher sein.

Rochlitz/Freiberg.

Das große Krabbeln findet meist an Waldrändern statt und wo Nadelbäume wachsen: Dort fühlen sich Waldameisen wohl. Doch zu finden sind die Insekten hin und wieder auch andernorts, in Gärten, auf Sport- und Spielplätzen sowie Friedhöfen. Oder etwa, wo Radwege und Straßen gebaut werden sollen. Dann wird es Zeit für die sogenannten Ameisenheger - Naturschutzhelfer, die den Umzug eines ganzen Ameisenvolkes organisieren.

Solche Ameisenheger im Ehrenamt sucht derzeit der Landkreis Mittelsachsen. Vor kurzem hatte er Interessenten aufgerufen, sich zu melden. Elf Männer und Frauen haben das bereits getan, weiß Bernd Oppermann. Er ist Forstoberrat und Sachbearbeiter im Referat Naturschutz beim Landratsamt und schätzt vor Ort ein, ob eine Umsiedlung nötig ist. Im Ausnahmefall kann auch Oppermann ein Ameisenvolk umsiedeln, aber sonst gibt es bisher nur einen ehrenamtlichen Ameisenheger in Mittelsachsen. Daher wird es laut ihm Zeit für Verstärkung. "Es wäre schön, wenn wir in den Regionen der Altkreise Mittweida, Freiberg und Döbeln je zwei Ameisenheger hätten", bemerkt Oppermann.

Etwa sechs- bis achtmal im Jahr ist im Landkreis ein Ameisenheger gefragt. "Die Anzahl der Fälle steigt. Wir vermuten, dass die Klimaveränderung dazu beiträgt, dass die Bestände zunehmen. Denn die Ameisen lieben Wärme und Trockenheit." In Sachsen gebe es sechs hügelbauende Waldameisenarten, erklärt Oppermann: Rote Waldameise, Kahlrückige Waldameise, Große Kerbameise, Strunkameise, Wiesen-Waldameise und Blutrote Raubameise. Die fünf zuerst genannten stehen laut dem Forstoberrat unter besonderem Schutz nach Bundesartenschutzverordnung und Bundesnaturschutzgesetz. Sie dürfen weder beeinträchtigt noch getötet werden. Ansonsten drohen Geldstrafen über 1000 Euro. Wenn das Nest also wegen eines Bauprojektes dem Untergang geweiht wäre oder sich die Insekten auf einer vom Menschen genutzten Fläche angesiedelt haben, können die Grundstücksbesitzer die Umsiedlung beantragen.

Oppermann begutachtet dann kostenlos die Lage. In den allermeisten Fällen sei es unzumutbar, dass das Nest an Ort und Stelle bleibt. Dann dürfen die Antragsteller umsiedeln lassen. Das kostet aber Geld.

Zur Umsiedlung hebt der Ameisenheger mit großen Schaufeln das Nestmaterial in Plastiktonnen, die verschlossen werden. "Wenn die Sonne aufgeht, muss das erledigt sein, denn am Tag krabbeln die Tiere raus und suchen sich Nahrung", erklärt Oppermann. Die Behälter werden an einen neuen Standort gefahren und entleert. "Dort müssen sich die Ameisen neu organisieren, das dauert einige Wochen", sagt der Fachmann. Nach zwei bis vier Wochen ist eine Nachumsiedlung nötig, für den kleinen Teil der Tiere, die nicht mitgekommen sind.

Umziehen mussten zum Beispiel schon Ameisen bei Wechselburg, in Dorfchemnitz, in Brand-Erbisdorf, vom historischen Donatsfriedhof in Freiberg und wegen des Gehwegbaus in der Friedrich-Gottlob-Keller-Siedlung in Hainichen. In Taura steht in diesem Jahr ebenfalls ein Umzug an. Häufig werden Tiere in den Freiberger Stadtwald gebracht, auch am Rochlitzer Berg haben Ameisen schon ein neues Zuhause gefunden. Die Umzüge finden in der Regel von Mai bis Mitte August statt.

Fitness ist für Ameisenheger von Vorteil. Manche Nester haben einen Umfang von bis zu drei Metern und sind über einen Meter hoch. Getragen werden müssen Handschuhe und feste Kleidung. Denn die Ameisen können sich festzwicken und Säure verspritzen. Doch bevor die Ameisenheger im Auftrag der unteren Naturschutzbehörde tätig werden können, müssen sie eine dreitägige, kostenlose Fortbildung zum Ameisenschutz absolvieren. Dabei lernen sie unter anderem, Arten unter dem Mikroskop zu unterscheiden, und haben eine praktische Prüfung. Die Erfolgsquote der Umsiedlung liege bei 70 Prozent, sagt Bernd Oppermann, der sich schon in seiner Diplomarbeit mit Waldameisen beschäftigt hat. Die größte Herausforderung: die Königin mitnehmen. "Die Kahlrückige Waldameise hat bis zu 50 Königinnen pro Volk. Die Rote Waldameise nur eine."

Wer Ameisenheger werden will, kann sich bei Manuela Ziegler vom Referat Naturschutz im Landratsamt unter Telefon 03731 7994160 oder E-Mail manuela.ziegler@landkreis-mittelsachsen.de melden.


Blattlaus ist eine Leibspeise

Waldameisen haben eine Größe

von etwa einem Zentimeter, sagt Fachmann Bernd Oppermann. Auf Nahrungssuche gehen sie in einem Radius von bis zu 50 Metern ums Nest. Nützlich sind sie zum Beispiel als Schädlingsvertilger. Denn sie

fressen Raupen und Käfer. Auch

die Ausscheidungen von Blattläusen ziehen sie an. Zudem bestäuben Ameisen Pflanzen, indem sie Pollen entweder vom Boden oder beim

Melken der Blattläuse aufnehmen.

90 Prozent der Ameisen können

einige Jahre alt werden. Königinnen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von bis zu fünf Jahren. (fmu)

Das könnte Sie auch interessieren

11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    3
    meynhard
    11.01.2021

    Bei aller Tierliebe aber wird hier nicht etwas übertrieben. Wenn jetzt im Ehrenamt Menschen gesucht werden die mal einen Ameisenhaufen begutachten ob es eine seltene Art oder eben nicht ist geht das noch in Ordnung.
    Für die Umsiedelung selbst gibt es da nicht so hervorragend ausgestattete Strassenmeistereien oder Bauhöfe ?
    Wo ist da das Problem ?
    Der frühe Arbeitsbeginn. In meinem Kfz hätte ich keine Möglichkeit die Krabbeltiere zu transportieren.