Noch fast 700 Lehrstellen frei im Kreis

Schülerumfrage zeigt: Youtube und Facebook dienen Jugendlichen als Orientierungshilfe - Arbeitsagentur rät zu mehreren Berufswünschen

Rochlitz.

Der Start ins Ausbildungsjahr zeigt: In manchen Branchen fällt es Betrieben schwer, Lehrlinge zu finden. Was für Unternehmer schlecht ist, ist für Jugendliche gut. Das geht aus den Antworten zu wichtigen Fragen zum Ausbildungsmarkt hervor, die Steffen Jankowski zusammengetragen hat.

Wie ist die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Die Agentur für Arbeit in Freiberg hat am 31. Juli 691 freie Lehrstellen gemeldet: 180 in Freiberg, in Rochlitz und Döbeln je 149, in Hainichen 146 und in Flöha 67. Zugleich seien 393 Bewerber ohne einen Ausbildungsvertrag gewesen. Rechnerisch habe es 0,84 Stellen für jeden der insgesamt 1765 Bewerber gegeben. Weil sich einige davon aber noch für Studium, Freiwilliges Soziales Jahr oder ähnliches entscheiden, blieben am Ende Stellen frei, heißt es.

Wie war die Situation vor einem Jahr gewesen?

2017 hatte es Ende Juli in Mittelsachsen 566 unbesetzte Lehrstellen und 469 Bewerber, die keinen Ausbildungsbetrieb gefunden hatten, gegeben. Bis Ende Oktober waren davon laut Antje Schubert 154 freie Stellen und 48 Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag übrig geblieben. Letztere seien, so die Sprecherin der Freiberger Arbeitsagentur weiter, unter anderem in berufsvorbereitende Maßnahmen vermittelt worden. "Es hat sich davon keiner arbeitslos melden müssen." Auch dieses Jahr werde sich noch einiges auf dem Markt bewegen.

Welchen Rat gibt es für junge Leute, die noch keinen Ausbildungsplatz haben?

"Besonders wichtig ist, dass sich Jugendliche Alternativen zu ihrem Wunschberuf überlegen", sagt Susan Heine als Chefin der Freiberger Arbeitsagentur. Gute Chancen gebe es im Metallbereich, im Hoch- und Tiefbau, im Maschinenbau, im Großhandel und in der Gastronomie. Bei Verkäufern, Kfz-Mechanikern und Büromanagern dagegen gebe es weniger Stellen als Ausbildungskandidaten.

Worauf achten Betriebe bei der Auswahl ihrer Lehrlinge?

Eine große Rolle spielen die weichen Faktoren wie Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Kommunikationsfertigkeiten, Interesse, Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit weiß Andrea Tippmer von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelsachsen. Die fachlichen Anforderungen der Unternehmen seien auch der IHK-Lehrstellenbörse im Internet zu entnehmen: www.karriere-rockt.de

Was erwarten die Jugendlichen von den Betrieben?

Dominik Siegmund, Schüler am Beruflichen Schulzentrum "Julius Weisbach" in Freiberg (BSZ) hat für seine Facharbeit dazu 150 Schüler des BSZ und der Eppendorfer Oberschule befragt. Ganz oben steht ein gutes Betriebsklima, gefolgt von abwechslungsreichen Tätigkeiten, eingebunden werden und Übernahmechancen. Das Lehrlingsentgelt rangiert dahinter. Die Größe des Betriebes ist nur für wenige entscheidend.

Wie finden Bewerber und Betriebe zusammen?

Laut der Umfrage des 20-jährigen Flöhaers nutzen Jugendliche neben der Agentur für Arbeit vor allem Youtube und Facebook. Die IHK rät den Jugendlichen bei der Berufssuche unter anderem auf Ausbildungsmessen, Tagen der offenen Tür und Schülerpraktika zu setzen.


Das sagt der Ausbilder - Das sagt der Auszubildende

Martin Ferkinghoff ist Geschäftsführer der Saxonia Bildung Halsbrücke: "In unserem Ausbildungsverbund ist noch etwa die Hälfte der fast 70 Lehrstellen zu besetzen. Das Gymnasium ist von der Politik zum Maß aller Dinge gemacht worden - das rächt sich jetzt. Das Mittelfeld bei den Schulabgängern dünnt aus. Und die Studienabbrecher, die sich dann für einen Ausbildungsberuf entscheiden, haben oft mehrere Jahre verloren. Kritisch sehe ich auch die Einstellung mancher Jugendlicher beziehungsweise Eltern zur Arbeit. Ein plakatives Beispiel dafür ist die Vorstellung, man könnte doch als Youtuber via Internet leichtes Geld verdienen." (jan)

Rick Priebs lernt Mechatroniker am Freiberger Brauhaus: "Zuerst wollte ich Erzieher, dann Polizist und schließlich Brauer werden. Die

Freiberger haben mich zwar nicht für diesen Beruf genommen, aber mich gefragt, ob ich mir Mechatroniker vorstellen könnte. Das hat mich überzeugt, obwohl ich mit Technik nichts am Hut hatte. Ich wurde bei meiner Ausbildungssuche nicht im Regen stehen gelassen, doch muss man sich auch selbst kümmern. Ich habe Bekannte, die das nicht getan haben, und nun nicht in Ausbildung sind. Alle anderen hatten eine Idee von ihrem Beruf und haben was gefunden." (wjo)


Die häufigsten Lehrberufe

Im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Chemnitz, zu der die Kreise Mittelsachsen und Zwickau, der Erzgebirgs- und der Vogtlandkreis sowie die Stadt Chemnitz gehören, sind 3031 Ausbildungsverträge geschlossen worden. Die Top IHK-Berufe sind: Einzelhandelskaufleute, Zerspanungsmechaniker, Verkäufer, Mechatroniker, Industriemechaniker und Kaufleute für Büromanagement.

Im Handwerk gibt es laut Kreishandwerksmeister Jürgen Endmann aus Lunzenau viel zu wenige Bewerber. "Das will kaum noch einer machen, da muss man ja richtig arbeiten." Entscheidend sei, wie die Eltern zum Handwerk stehen. Im Friseur- und im Kfz-Bereich sei die Lage gut, aber bei Bäckern, Fleischern und Dachdeckern sehe es mau aus. (jan)

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