Rochlitzer Pflegeheim rüstet auf

Die Lage der städtischen Gesellschaft ist solide. Im kommenden Jahr sind bis zu zwölf Neueinstellungen geplant. Allerdings sind die Kapazitäten in allen Bereichen nahezu ausgeschöpft. Und auch bei der Personalakquise deuten sich Probleme an. Ein Pflegenotstand droht.

Rochlitz.

Übervolle Auftragsbücher und ein weiter wachsender Markt: Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung scheinen in der Pflegebranche wie aus dem Lehrbuch. Dies verdeutlichen zumindest Kennzahlen der Rochlitzer Sozialservicegesellschaft, die Geschäftsführer Knut Bräunlich während der jüngsten Stadtratssitzung präsentierte.

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet er wieder mit Gewinnen - wie fast immer in der 20-jährigen Firmenhistorie. Die Liquidität, also das Verhältnis von flüssigen Mitteln zu kurzfristigen Schulden, steige. Die Pflegeplätze im Heim sind restlos ausgebucht; es gibt eine Warteliste mit einer Zahl von Interessierten im oberen zweistelligen Bereich. Auch für die Wohngruppe an der Geithainer Straße und den ambulanten Pflegedienst offerierte Bräunlich während der jüngsten Stadtratssitzung einen Auslastungsgrad von jeweils 99 Prozent. Und: Die städtische Gesellschaft wächst weiter. Bis zu zwölf Neueinstellungen im ambulanten Pflegebereich unter anderem im neuen Stützpunkt Genera-tionenbahnhof Erlau sowie der hauseigenen Betriebskita stehen 2017 an. Die SSG, bisher schon einer der größten Arbeitgeber in der Stadt, soll damit auf bis zu 130Beschäftigte wachsen.

Soweit der aktuelle Sachstand. Der Blick in die kommenden Jahre macht Manager Knut Bräunlich allerdings nachdenklich. "Die Personalfrage", nennt er als Grund dafür. Gelinge es perspektivisch nicht, ausreichend Pflegekräfte zu akquirieren, auszubilden und im Beruf zu halten, drohe ein Pflegenotstand. "Ich kann Ihnen heute nicht sagen, ob wir die Nachfrage in zwei, drei Jahren noch befriedigen können", so Bräunlich. Hintergrund der Aussage ist der viel zitierte demografische Wandel - der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung nimmt stetig zu. Damit steigt das Potenzial für die Pflegebranche. Aber gleichzeitig gibt es weniger junge Menschen und erst recht solche, die überhaupt in der Pflege arbeiten wollen.

Andere Einrichtung, die gleichen Herausforderungen: Die Managerin des Rochsburger Pflege- und Betreuungsgesellschaft BSVS schätzt die Lage ähnlich ein. Auch bei ihr gibt es eine Warteliste im stationären Bereich, der ambulante Dienst sei ebenfalls ausgelastet. Birgit Völkel-Egerland spricht ebenfalls davon, dass der Job attraktiver werden müsse. Ausländisches Personal wie die beiden Vietnamesen in Rochsburg könnten zwar punktuell helfen, aber nicht die Lücken schließen. "Das kann nicht die Lösung sein. Der Beruf muss in Deutschland aufgewertet werden", so Völkel-Egerland. Dazu gehöre neben Ansätzen, Beschäftigte länger fit im Unternehmen zu halten und Beruf und Familie zu vereinbaren zu können, eben auch die Entlohnung.

Und die ist laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie drastisch geringer als in den alten Bundesländern. Bräunlich: "Gelingt es nicht, diese klaffende Lücke zu schließen, wird es schwer werden." Hier seien die Kassen gefordert, die Pflegesatzzahlungen an das Westniveau anzugleichen, betonen die beiden Geschäftsführer unisono. Eine AOK-Sprecherin verweist indes darauf, dass bei Vergütungsverhandlung die individuelle wirtschaftliche Situation jeder Pflegeeinrichtung und insbesondere auch deren Personal- und Lohnkosten berücksichtigt würden. Allerdings sei es auch Aufgabe der Kassen, eine "hochwertige Versorgung zu wirtschaftlich angemessenen Preisen für unsere Versicherten" zu ermöglichen.

Vor diesem personellen Hintergrund sind Expansionsentscheidungen gut zu überlegen. Die Rochlitzer SSG und die Stadt verlieren diesen Kurs dennoch nicht aus den Augen. So rückt das Areal der Ingenieur- gesellschaft List an der Seminarstraße wieder in den Fokus. Der Staatsbetrieb will Ende 2017 ausziehen; danach soll der Plattenbau abgerissen werden. Laut Knut Bräunlich soll ein Projekt vorbereitet werden. Dabei sollen auch Chancen und Risiken abgewogen werden. Denkbar sei ein Wohnhaus mit barrierefreien oder -armen Wohnungen und diversen Dienstleistern im Objekt.

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