Stadt - Land - Flucht

Immer mehr Orte schlagen sich mit Abwanderung und ihren Folgen herum: Während Freiberg, Mittweida und wenige Kleinstädte vor allem durch junge Menschen wachsen, verlieren Dörfer. Doch wonach entscheiden Familien, wo sie leben wollen? "Freie Presse" hat Stadt-Eltern und Land-Eltern gefragt.

Stadtleben kommt für Volkmar Baumgart und seine sechsköpfige Familie nicht infrage. "Als wir 2010 unser Haus in Voigtsdorf gekauft und umgebaut haben, gab's noch die Grundschule. Jetzt müssen die Töchter mit dem Bus zum Unterricht", sagt der 37-Jährige, der die Landschaft des Erzgebirges liebt und dafür auch Nachteile in Kauf nimmt - wie die unzureichenden Busanbindungen.

Der Impuls, woanders hinzugehen, sei im Leben selten so ausgeprägt wie zum Zeitpunkt der Familiengründung, erläutert Angela Kunz vom Landesamt für Landwirtschaft. "Das Durchschnittsalter der Menschen, die sich in den Ortsteilen niederlassen, liegt stets unter 30 Jahren. Zuwanderungen und Zuzüge in Ortsteile gibt es vorwiegend im jungen und mittleren Lebensalter."

Die Expertin hat Stadt-Land-Bevölkerungsbewegungen in Oederan, Mügeln, Stolpen und Kirchberg untersucht. Fazit: "Mehr als 90 Prozent aller Personen, die sich in diesen Orten niederlassen, kommen aus Sachsen, mehr als 50 Prozent davon aus den Nachbargemeinden oder Gemeinden des eigenen Kreises." Zudem ist Kunz in den Kommunen aufgefallen, dass erst nach dem 75. Lebensjahr die Häufigkeit von Umzügen in Ortszentren nochmals deutlich zunimmt. Insofern "altern" auch Kleinstädte "doppelt": Einerseits durch die Abwanderung junger Leute, andererseits durch die Zuzüge hochbetagter Menschen.

Das bestätigt Alexander Müller vom Sächsischen Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (VDW): "Die Jugend zieht vor allem in die großen Städte - allerdings auch Senioren." Der Verbandssprecher führt das auf geringe Wohnkosten in Städten und fehlende "gehobene Senioren-Infrastruktur" in den Dörfern zurück. "Es gibt einen Trend zur Stadt", betont der 41-Jährige.

Das geht aus der Verbands-Studie zur Zukunft der sächsischen Kommunen hervor. Während Freiberg neben Leipzig, Dresden und Chemnitz als Wachstumsstadt bezeichnet wird, gilt Mittweida als "versteckte Perle". Als Hochschulstadt habe Mittweida zwar Chancen, müsse aber laut VDW aufpassen, sich nicht nur für eine Altersgruppe, also die Studenten, attraktiv zu halten.

Von dieser Entwicklung kann zum Beispiel Penig nur träumen. Gleichwohl stellt die Verwaltung ein wachsendes Interesse am Wohnen im Stadtzentrum fest. Neben Senioren, die vor allem aus den umliegenden Dörfern stammen und die Versorgungslage mit Supermärkten und Ärzten im Zentrum schätzen, würden sich auch junge Familien für die Kleinstadt entscheiden. "Unser innerstädtisches Wohngebiet ,Am Pfaffenbusch' mit elf Grundstücken füllt sich - bisher Familien mit Kindern", so Stadt-Sprecherin Manuela Tschök-Engelhardt.

Bei Antonia Milbert sorgt das kaum für Verwunderung. Die Expertin vom Bundesinstitut für Stadt- und Raumforschung beobachtet seit längerem, dass zwar Eltern überwiegend außerhalb der Großstadt nach dem Ideal suchen. Aber: Es werden weniger. Schon heute würden "zwei Drittel der Kinder in einem urbanen Umfeld aufwachsen". Familien würden zwar einen Teil ihres Wohlfühl-Pakets außerhalb der wohnraumumkämpften Zentren finden. "Gewinner dieser Familienbewegung ist aber nicht das Land, es sind Klein- und Mittelstädte", so Milbert. "Die Frage, die sich Familien stellen, ist nicht mehr: Stadt oder Land? Sondern Stadt oder Stadt, die sich ein bisschen wie Land fühlt?" Doch was macht Familien in der Stadt glücklich? Darauf gibt eine Studie des Rheingold-Instituts im Auftrag eines Bauträgers eine Antwort: Bei der Suche nach Haus oder Wohnung in der Stadt zählen für junge Familie Sicherheit, eine gute Verkehrsanbindung und eine nette Nachbarschaft.

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Land-Eltern: "Wir lieben das dörfliche Miteinander"

Voigtsdorf: Markus und Simone Baumgart leben mit den Kindern Jasmin, Marlen, Annika und Leonie (Foto: Walther) seit 2000 in dem Dorfchemnitzer Ortsteil. Dort hat die Familie ein Bauernhaus ausgebaut. "Wir lieben die Ruhe, das dörfliche Miteinander, haben eine Top-Nachbarschaft. Probleme werden beim Namen genannt", sagt Markus Baumgart, der aus Olbernhau stammt und sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Der 37-Jährige ist Kettensägerschnitzer und mit der Natur verbunden. "Hier hab ich meinen Sägeplatz. In der Stadt würde das nicht gehen", so der Erzgebirger, der auch Nachteile sieht: "Als wir hierher gezogen sind, gab es noch eine Grundschule im Dorf." (jwa)


Stadt-Eltern: "Die Lebenshaltungskosten sind okay"

Hainichen: Pierre Kruppik und Gerit Singer (Foto: Bernhardt) sind 2014 von Hamburg nach Hainichen zurückgekehrt, wo sich beide während der Schulzeit über den Weg liefen. "Hier haben wir Familie und Freunde, die Autobahn, schnelles Internet, und auch die Lebenshaltungskosten sind okay", zählt Gerit Singer auf, die Mutter eines fünfjährigen Jungen und eines einjährigen Mädchens ist. Zwar habe das Dorf den Vorteil der absoluten Ruhe, "aber auch wir sind in zehn Minuten im Wald". Dass die Kleinstadt über Schulen und Sportstätten verfügt, beschreibt die Mittelsächsin als großen Vorteil. "Und wenn wir doch noch mehr Trubel brauchen, fahren wir ganz einfach nach Dresden." (jwa)


Stadt-Eltern: "Nach der Arbeit brauchen wir unsere Ruhe"

Lunzenau: Heiko und Ulrike Voigt (Foto: Walther) hatten schon immer mit einem Haus geliebäugelt. Per Internet fanden sie das passende Grundstück in Lunzenau - mit Blick auf die Mulde. Ihr Traumhaus hatten sie vorher ausgesucht. Obwohl beide ihre Kindheit in der Stadt verbrachten und zuvor acht Jahre in Rochsburg gelebt haben, bevorzugen sie die Kleinstadt mit ländlichem Charme. "In der Großstadt sind zu viele Leute", sagt der 45-Jährige, der wie seine Frau einen Fulltimejob hat. "Nach der Arbeit brauchen wir Ruhe." Anstelle von Theater und Kino bevorzugen sie Wald-Spaziergänge und Spritztouren mit dem Quad. Und da darf Sohnemann Ben (5) nicht fehlen. (jwa)


Land-Eltern: "Hier wird mehr als in der Stadt getratscht"

Hennersdorf: Markus und Tabea Haußmann (Foto: Dohle) haben 2014 ein Haus in dem Augustusburger Ortsteil gekauft, zum Eigenheim umgebaut. "Wir suchten ein Grundstück, damals stand das Haus zum Verkauf", so der 26-Jährige, der in dem Dorf aufgewachsen ist. "Wir lieben die Idylle, Kinder können herumtoben, im Garten pflanzen wir Gemüse an", sagt der Familienvater, der bei der Berufsfeuerwehr Chemnitz beschäftigt ist. Zudem passen die Großeltern auf Sohn Alexander auf, da beide in Schichten arbeiten. "Hier wird mehr getratscht als in der Stadt", verrät Tabea Haußmann schmunzelnd. Nachteile: "Ohne Auto geht nichts, es gibt hier keinen Markt." (cdo)


Wo ist es günstiger? Pilotprojekt Wohn- und Mobilitätsrechner hilft bei der Entscheidung über den Wohnstandort

Der Bauch sagt Ja, wenn das Haus oder die Mietwohnung im Grünen zum erschwinglichen Preis in greifbare Nähe rückt. Der Kopf hinterfragt erst später, welche Kosten etwa für Bahn oder Auto entstehen. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, gibt's seit 2011 in München den Wohn- und Mobilitätsrechner (WoMo). Anhand von Daten kann jeder online ermitteln, wo es günstiger ist: Stadt oder Dorf.

Entwickelt hat den Rechner für die München das Hamburger Büro für Stadtentwicklung und Mobilität Gertz, Gutsche, Rümenapp im Auftrag des Münchener Verkehrsverbunds. Experte Martin Albrecht betont, dass die Kosten für die tägliche Mobilität an Orten mit schlechter Versorgungslage und einem unattraktiven Nahverkehrsangebot häufig hoch sind. Auch wenn Immobilien- oder Mietpreise geringer seien, sind diese Orte oft teurer, weil Autos gekauft und im Alltag weite Wege zurückgelegt werden. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen kann mit einem WoMo-Rechner nicht aufwarten. Ein derartiges Angebot sei auch nicht in Arbeit, heißt es. (jwa)

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