Traum von der Selbstständigkeit erfüllt

Die einen schätzen Ruhe, frische Luft und Natur direkt vor der Haustür. Andere schimpfen über Abgeschiedenheit, weite Wege und fehlende Infrastruktur. Wie lebt es sich in Dörfern mit nur rund 50 Einwohnern? Die "Freie Presse" stellt Familien vor. Heute: Familie Hinkelmann aus Zschaagwitz.

Zschaagwitz.

Frühmorgens krähen die Hähne, bellen die Hunde und gackern die Enten und Gänse. Wen das nicht stört, der kann ganz gut leben auf dem Lande in Zschaagwitz. Prägend für den Seelitzer Ortsteil ist der Geflügelhof von Familie Hinkelmann. Weit über hundert Jahre besteht der Bauernhof, der direkt an der Bundesstraße zwischen Rochlitz und Geringswalde liegt. Gerd Hinkelmann hat in diesem Jahr sein Geschäft in die Hände seines Enkels Nils Graichen gelegt. Seine Eltern hatten den Hof nach dem Krieg 1945 von seiner Großmutter übernommen. So wuchs Gerd Hinkelmann auf dem Lande auf.

"Nach der Schule stand schon Oma in der Tür und verteilte zu erledigende Aufgaben. Anders kannte ich es gar nicht. Ich fuhr als Zwölfjähriger mit Pferdewagen über Land, mähte Futter und brachte es in die Ställe", erinnert sich der 66-Jährige an seine Kindheit. Arbeit habe er immer gesehen und sie auch gern übernommen. Dennoch rieten ihm seine Eltern zur Lehre. Er lernte Fernmeldemechaniker bei Stern Radio Rochlitz. Inzwischen war der Hof von der LPG übernommen worden. "Schon in der Lehrzeit wollte ich raus aus dem Betrieb. Mich zog es zur Landwirtschaft. Ungelernt arbeitete ich dann in der LPG und qualifizierte mich zum Rinderzüchter", erzählt der Seniorchef. Viele Jahre war er dann als Rinderbesamer unterwegs.

Nach der Wende und nach einigen Qualifizierungen entschloss sich Gerd Hinkelmann für die Selbstständigkeit. Er baute einen Hühnerstall für 4700 Hühner und vertrieb im Haupterwerb die Eier. Später kam Mastgeflügel hinzu. Gern erinnert er sich an die Zeit, als auf dem Hof vier Generationen lebten. Er hatte noch zwei Geschwister. Seiner Frau, die aus Geringswalde stammte, gefiel auch das Leben im Minidorf. "Obwohl sie am Anfang sagte, dass sie mal keinen Bauern heiraten wollte, tat sie es doch. Leider verstarb sie 1995 an Krebs", erzählt der Witwer.

In Zschaagwitz gab es einen gut funktionierenden Gasthof. Seine Eltern waren dort öfter zum Tanz. Er und die Kinder aus der Gegend genossen die Kinoaufführungen am Wochenende. Im Konsum konnte alles eingekauft werden, was man so benötigte. In den 1990er-Jahren machte der Gasthof zu, auch der Konsum wurde geschlossen. Darin etablierte Hinkelmann 2005 seinen Hofladen und bietet seitdem dort seine Produkte sowie frische regionale Erzeugnisse an. Das Dorfleben habe schon immer gut funktioniert, auch durch die Initiative der Feuerwehr und deren Förderverein. Alle Gehöfte werden noch betrieben und sind dadurch nicht dem Zerfall preisgegeben. "Wir haben wenig Zugezogene, diese werden aber integriert, wenn Interesse besteht. Bei runden Geburtstagen und bestimmten Anlässen wird gesammelt", erklärt der Zschaagwitzer, der sich in seinem Ort so entfalten konnte, wie er es wollte.

"Ich war mein eigener Chef, das hat mir gut gefallen, und ich bin jetzt sehr froh, dass mein Enkel das Geschäft fortführt", sagt er.


Ortsteil mit 59 Einwohnern

1950 erfolgte die Eingemeindung nach Spernsdorf. Seit 1993 gehört Zschaagwitz zur Gemeinde Seelitz.

Zurzeit leben im Ortsteil 59 Einwohner. Die Bushaltestelle befindet sich direkt an der Bundesstraße, alle Häuser und Güter stehen eng zusammen und sind gut erreichbar. Der Ort ist an die zentrale Wasserleitung angeschlossen. Wer noch Brunnen betreibt, hatte in diesem Sommer das Nachsehen, denn durch die lange Trockenheit war das Wasser knapp. Das schnelle Internet wurde schon lange versprochen, ist aber noch immer langsam. (fun)

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