Wie eine Jüdin den Holocaust überlebt hat

Die 84-jährige Renate Aris hat in der Wiederauer Kirche über die Demütigungen in der Nazi-Zeit erzählt. Der Bombenangriff auf Dresden rettete sie vor dem KZ.

Wiederau.

Die Winterkirche der St. Pankratiuskirche in Wiederau war bis auf den letzten Platz besetzt, als am Mittwochabend die Holocaust-Überlebende Renate Aris aus Chemnitz in der Reihe "Kultur in der Kapelle" zu Gast war. Die 84-Jährige freute sich über den großen Zuspruch und besonders darüber, dass auch viele jüngere Zuhörer im Publikum saßen. "Es ist sehr wichtig, immer wieder über die Vergangenheit zu sprechen, gerade in Anbetracht der aktuellen Geschehnisse wie die versuchte Erstürmung der Synagoge in Halle. Ich gehöre zur letzten Generation, die am eigenen Leib die Pogrome erlebt haben", begann Renate Aris ihren Vortrag. Sie erklärt, dass bereits ab 1933 Pogrome gegen die Juden erlassen wurden und das Konzentrationslager Dachau entstand.

Renate Aris wurde am 25. August 1935 in Dresden geboren. Ihr Vater Helmut Aris stammte aus einer alt eingesessenen jüdischen Fabrikantenfamilie und war mit der christlichen Susanna Reinfeld verheiratet. Alle Kinder ab sechs Jahren mussten einen Judenstern tragen und eine Kennkarte bei sich führen. Das Foto auf der Kennkarte zeigte auch das linke Ohr. Für die Nationalsozialisten (Nazi) war es ein jüdisches Kennzeichen und angeblich anders als bei Deutschen. Alle Frauen bekamen neben ihrem Namen den Zusatz Sarah und alle Männer Israel eingetragen. Die Kinder durften nicht in die Schule gehen und auf der Straße spielen. Nur heimlich besuchten sie andere Familien, was jedes Mal Lebensgefahr für alle bedeutete. Der Vater musste Zwangsarbeit leisten, durfte zwar Lebensmittelkarten abholen, die wurden jedoch mit "Jude" gekennzeichnet, und somit konnte er sie in keinem Geschäft einlösen.

Dann erhielt die Familie Aris am 13. Februar 1945 die Papiere für den Abtransport ins KZ Theresienstadt. Aufgrund der Bombardierung Dresdens am 15./16. Februar konnten die Züge nicht fahren. "Der letzte Zug in die Hölle fiel aus. Es ist ein Wahnsinn, dass der Tod von etwa 35.000 Menschen uns Juden das Leben rettete", resümierte die Seniorin nachdenklich. Ihren ersten Schultag erlebte sie am 15. Oktober 1945 in einer 4. Klasse. Sie war besessen vom Lernen, schaffte 1950 einen guten Abschluss und ging aufs Gymnasium. In den 60er-Jahren zog Renate Aris nach Karl-Marx-Stadt und trat der dortigen jüdischen Gemeinde bei. Sie wurde eines der aktivsten Mitglieder. In den 90er-Jahren siedelten über 600 russischsprachig-jüdische Zuwanderer nach Chemnitz. Sie gründete unter anderem den Jüdischen Frauenverein.

Renate Aris verbringt viel Zeit in der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem berichtet sie in Schulen von ihrem wechselvollen Leben. In der neuen Chemnitzer Synagoge organisiert sie zudem regelmäßig Führungen, und an der Volkshochschule bietet sie Kurse an. "Keine Stunde ist zu schade, um darüber zu sprechen, damit sich nicht wieder falsches Gedankengut in den Köpfen wieder verfestigt", sagte sie.

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