Deutscher Lokaljournalistenpreis: Mut zu neuen Wegen

"Ambulant operieren" hieß eine Serie, die im vorigen Jahr in der Freien Presse erschienen ist - am Sonntag gab es dafür in Chemnitz den "Oscar" des Lokaljournalismus

Mit dem Fahrrad einfach nur fahren? Wie langweilig! Weltmeister Marco Thomä hüpfte und sprang mit seinem Trialbike wie ein Frosch durch den VIP-Bereich der Chemnitzer community4you-Arena. Vorzugsweise nur auf dem Vorder- oder Hinterrad. Sah kreuzgefährlich aus, aber bislang sei alles gut gegangen, sagt der Chemnitzer.

Sollte es doch mal schlimmer kommen: In seiner Heimatzeitung bekäme er hilfreiche Tipps, an welchen Arzt er sich vertrauensvoll wenden könnte. Denn vergangenes Jahr veröffentlichten "Freie Presse", "Sächsische Zeitung" und "Leipziger Volkszeitung" die Ergebnisse der größten Patientenbefragung zu ambulanten Operationen in Sachsen. Dafür gab es am Sonntag von der Konrad-Adenauer-Stiftung den Deutschen Lokaljournalistenpreis - auch als Oscar der Branche bezeichnet. "Ein datenjournalistisches Projekt, das seinesgleichen sucht", befand die Jury und vergab dafür den 1. Preis - unter 531 Einsendungen.

Zur Verleihung waren über 250 Gäste aus ganz Deutschland ins Stadion gekommen, darunter die insgesamt 15 Preisträger. Die Themen reichten von der Flüchtlingskrise bis zum Heimatchor. Nirgendwo sonst seien Journalisten so nah an ihren Lesern wie in den Lokalzeitungen, betonte Hans-Gert Pöttering, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. Daraus erwachse eine große Verantwortung. Pöttering: "Ich wünsche unseren Lokalzeitungen den Mut und die Kraft, die richtigen Antworten auf die schwierigen Fragen unserer Zeit zu finden und die komplizierten Zusammenhänge zu erklären."

"Alles, was Lokalzeitungen berichten, ist unmittelbar nachprüfbar", sagte Festredner und Ministerpräsident a. D., Professor Wolfgang Böhmer. Wenn Zeitungen sachlich und allumfassend berichten, erleichtere das den Lesern die Orientierung. Deshalb komme der Glaubwürdigkeit der Zeitungen entscheidende Bedeutung zu. Böhmer sieht dabei durchaus auch Parallelen zu Ärzten und Politikern: "Sie alle leben von einem Vertrauensvorschuss und ihrer Glaubwürdigkeit."

Ulrich Lingnau, Geschäftsführer der Chemnitzer Verlag und Druck GmbH, sieht in der Tageszeitung einen wichtigen Baustein der Demokratie. Trotz wirtschaftlichen Drucks dürfe es nicht passieren, dass die redaktionelle Qualität infrage gestellt werde. Lingnau: "Insofern muss es gelingen, die Tageszeitung aufrechtzuerhalten und zukunftsfähig zu machen."

Nach Meinung der Jury-Vorsitzenden Heike Groll könnten Lokalzeitungen ihre Stärke auf Dauer nur erhalten, wenn sie auch den Mut haben, neue Wege zu gehen. Groll: "Die Preisträger besitzen diesen Mut." Ein Satz, der Mut macht.

http://www.kas.de/wf/de/21.56

www.freiepresse.de/ambulant

Die gemeinsame Serviceredaktion

Die gemeinsame Serviceredaktion von "Freie Presse" und "Sächsische Zeitung" produziert seit September 2014 für die beiden größten ostdeutschen Regionalzeitungen die täglichen Ratgeber- und Verbraucherseiten. Das Themenspektrum reicht von Gesundheit und Ernährung über Techniktrends, Kind, Familie und Partnerschaft bis hin zu Finanzen, Recht, Mode und Lifestyle. Zusätzlich liefert die Redaktion die Seiten Reisen, Bauen & Wohnen, Auto sowie Beruf & Ausbildung. Bereits vor der Gründung der gemeinsamen Redaktionsagentur arbeiteten die beiden Zeitungen bei großen Gesundheitsserien zusammen. In einem von der TU Dresden wissenschaftlich begleiteten Projekt wurde mehrfach die Behandlungsqualität sächsischer Krankenhäuser ausgewertet und verglichen. Mit der jetzt von der Konrad-Adenauer-Stiftungprämierten Serie "Ambulant operieren" gelang es, mit der "Leipziger Volkszeitung" noch einen dritten Partner zu gewinnen. So konnte den Lesern ein Gesamtüberblick über die Behandlungsqualität im Freistaat Sachen gegeben werden. Foto: Ronald Bonss

Böhmer: "Das Patientenurteil ist wichtig"

 ... aber nicht alles, sagt Wolfgang Böhmer - er warnt vor zu viel Bürokratie bei der Qualitätskontrolle

Er stammt aus der Oberlausitz, arbeitete viele Jahre als Frauenarzt in Görlitz und Wittenberg - bis er nach der Wende in die Politik wechselte: Professor Wolfgang Böhmer. Am Rande der Preisverleihung in Chemnitz sprach Steffen Klameth mit ihm.

Herr Böhmer, wenn Sie Ihre Zeit als Arzt in der DDR mit der Gegenwart vergleichen: Wie hat sich das Gesundheitswesen verändert?

Hervorragend! Man muss sich nur den Zustand und die Ausrüstung in der DDR in Erinnerung rufen. Nach der Wiedervereinigung wurden über sieben Milliarden D-Mark in das Gesundheitswesen der neuen Bundesländer investiert. Heute gibt es kaum noch ein Krankenhaus, das so aussieht wie vor 25 Jahren.

Viele Leute meinen trotzdem, das DDR-Gesundheitswesen sei besser gewesen.

Das hängt sicher auch damit zusammen, dass solche Dinge wie Wartezeiten für die Patienten mehr zählen als das Behandlungsergebnis.

Hatten Ärzte denn damals mehr Zeit für ihre Patienten?

Manche Ärzte haben sich die Zeit genommen, andere nicht - so wie heute. Beim Thema Wartezeiten gehört aber zur ganzen Wahrheit, dass Ärzte heute einer Budgetierung unterliegen. Das heißt, sie werden nur für eine bestimmte Menge von Behandlungen bezahlt.

Im Mittelpunkt unserer Serie "Ambulant operieren" standen die Einschätzungen von Patienten. Können diese überhaupt Ärzte richtig beurteilen?

Durchaus, wenn es etwa um Service, Freundlichkeit und Zufriedenheit mit der Behandlung geht. Anders ist es bei der Frage, ob wirklich die beste Therapie gewählt wurde. Denn das können nur Experten anhand der Diagnose entscheiden.

Warum tut sich das Gesundheitswesen beim Thema Qualität so schwer?

Sie brauchen objektive Kriterien, eine vergleichbare Ausgangsbasis und eine sehr aufwendige Erfassung. Mit anderen Worten: Hier entsteht auch viel Bürokratie. Ein Institut soll ja jetzt entsprechende Vorgaben machen. Ich bin da eher skeptisch.

Also lieber Hände weg?

Qualitätskontrolle ist notwendig, man darf sie nur nicht übertreiben. Wenn, wie so oft, keine Konsequenzen folgen, kann man es auch lassen.

Statements

Torsten Kleditzsch, Chefredakteur der "Freien Presse": Das Schicksal des professionellen Journalismus entscheidet sich über dessen fachliche Kompetenz - und die Fähigkeit, eine ausreichende Anzahl Menschen von dieser Kompetenz und der damit verbunden Glaubwürdigkeit überzeugen zu können. Die von der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnete Kooperation der drei großen sächsischen Zeitungen ist ein Beispiel dafür, wie man als Redaktion auf diese Entwicklung reagieren kann. Drei Verlage. Drei Tageszeitungen, die sich ähnlich sind, aber bei Weitem nicht gleich. Drei Nachbarn, die durch ihr Miteinander dazu beigetragen haben, den Lesern ein überzeugendes Angebot zu machen - gutem Journalismus neue Möglichkeiten zu geben. Diese Art von redaktioneller Kooperation lässt unsere Fähigkeiten wachsen, ohne uns die Regionalität zu nehmen, die uns prägt.
 

 

Uwe Vetterick, Chefredakteur der "Sächsischen Zeitung": Die Zusammenarbeit von Reaktionen macht vor allem dann Sinn, wenn sie dem Leser etwas bringt: nämlich Vertiefung statt Verflachung. Das ist in diesem Fall den drei großen Redaktionen in Sachsen tatsächlich ausgezeichnet gelungen.

Jan Emendörfer, Chefredakteur der "Leipziger Volkszeitung": Es kommt darauf an, dass man gemeinsam Themen setzt, die Leser wirklich interessieren. Wenn drei Zeitungen aus einem Bundesland ein Projekt anpacken, dann decken sie über das eigene Verbreitungsgebiet hinaus die ganze Region ab. Die Kompetenz von drei Redaktionen zahlt sich nicht nur für die Leser aus, sondern auch für die beteiligten Partner der Aktion.

Gewinner 2016

1. Preis: Freie Presse, Sächsische Zeitung, Leipziger Volkszeitung für Serie "Ambulant operieren"

2. Preis: Süddeutsche Zeitung für Serie "Stadt der Frauen"

Kategoriepreise: Berliner Morgenpost, Braunschweiger Zeitung, Express (Köln), Mitteldeutsche Zeitung (Halle), Neue Presse (Hannover), Nürnberger Nachrichten, Südkurier, Vilshofener Anzeiger, Westfalenpost (Hagen), Zeitungsverlag Waiblingen

Sonderpreise für Volontärsprojekte: Pforzheimer Zeitung,Rhein-Zeitung Koblenz, Süddeutsche Zeitung

http://www.kas.de/wf/de/17.70287/

 

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