Gewalt im eigenen Heim: Auch Frauen schlagen zu

Die Partnerin demütigt ihn. Er duckt sich weg: "Still halten, keine Blöße geben" - auch Männer sind Opfer von häuslicher Gewalt. Nur, sie reden selten - auch, weil Ansprechpartner fehlen. In Sachsen soll sich das ändern.

Chemnitz/Dresden.

"Männer haben's schwer, nehmen's leicht" "Männer weinen heimlich." Der Grönemeyer-Song verrät einiges über das sogenannte starke Geschlecht, deckt Probleme auf. Zu weit hergeholt? Kaum. Denn auch Männer leiden, nur sind sie im Gegensatz zu Frauen oft nicht bereit, darüber zu reden. Manchmal jedoch schweigen sie auch, weil niemand da ist, mit dem sie reden könnten. "Während Frauen im Alltag über Netzwerke verfügen, über die sie sich austauschen, tun Männer sich schwer, mit ihren Problemen auf andere zuzugehen", weiß Frank Scheinert aus seiner rund zehnjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit im Verein "Lemann", einem Netzwerk für Jungen- und Männerarbeit in Leipzig. "Frauen können zudem mit ihren Kindern in Schutzhäuser fliehen, Männer nicht, obwohl sie oft die gleichen Dinge erleben wie Frauen. Denn auch Frauen schlagen, sie beißen, kratzen, gehen mit dem Messer auf den Partner los."

Um die Situation der Männer in Sachsen zu ändern, ist im Herbst 2015 die bundesweit erste Landesfachstelle für Männerarbeit in Dresden an den Start gegangen. Die Mitarbeiter beschäftigen sich mit Männern, Vätern, Geliebten, Ehepartnern und ihren Problemen. Dabei können sie sich durchaus auf sächsische Erfahrungen stützen. Denn es gibt bereits Projekte der Männerarbeit. Neben "Lemann" in Leipzig sind das etwa die Koordinierungs- und Interventionsstellen, die Opferhilfe Sachsen, sowie das Männernetzwerk Dresden. Diese und ähnliche Projekte will die Fachstelle vernetzen.

Frank Scheinert hat als geschäftsführender Bildungsreferent das Steuer übernommen. Spricht er über seine Arbeit, erntet er oft ein Lächeln - manches Mal verstört, manches Mal höhnisch, oft ungläubig. Aber meistens folgt der ersten Reaktion Neugierde. "Viele wollen nicht glauben, dass Männer in der Familie von Gewalt betroffen sind. Da ist wohl ein Klischee in den Köpfen: Körperliche Überlegenheit wird meistens mit Dominanz gleichgesetzt - der starke Mann schlägt die schwache Frau. Doch auch eine schwächere Person kann zum Täter werden", sagt Scheinert. Und Bildungsreferent Enrico Damm fügt hinzu: "Die Gewalt hat viele Gesichter. Auch ein wirtschaftliches, psychisches und sexuelles. Männer werden beschimpft, vor Freunden abgewertet. Sie werden ignoriert, kontrolliert. Die Frauen haben die Handy-Hoheit, teilen Geld zu, üben sexuellen Druck aus.

"Den betroffenen Männern muss ebenso geholfen werden, wie Frauen, die zu Opfern werden", sagt Gleichstellungsministerin Petra Köpping (SPD). Deshalb wird die Landesfachstelle auch vom Freistaat gefördert. Neben Beratung gibt es etwa Hilfe zur Selbsthilfe. Unter dem Slogan "Mann, gib Dich nicht geschlagen" will man sensibilisieren. Und es ist vorgesehen, in Dresden, Leipzig und Chemnitz je ein Männerschutzhaus einzurichten. "Dort können Betroffene mit ihren Kindern zeitlich begrenzt unterkommen", sagt Scheinert.

Die Landesfachstelle will mehr: Sie kümmert sich auch um Männergesundheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Männer in kritischen Lebensphasen sowie um Migranten und Flüchtlinge. Stichwort Gesundheit: Männer haben eine um fünf Jahre kürzere Lebenserwartung, sie gehen risikoreicher mit der Gesundheit um, treiben weniger Vorsorge. "Nötig sind auf Männer zugeschnittene Angebote, die die Gesundheit fördern", sagt Scheinert und verweist etwa auf das AWO Gesundheitszentrum am Spiegelwald im erzgebirgischen Grünhain-Beierfeld, einer Mutter/Vater-Kind-Vorsorgeklinik. Dort werden seit 2015 spezielle Maßnahmen für Väter und ihre Kinder nach einem qualitätsgeprüften Konzept angeboten. Denn: "Männer leiden anders als Frauen", sagt Therapeutin Barbara Jähn.

Weil das so ist, hat die 54-Jährige sich extra weitergebildet. Heute ist sie Stresstrainerin, hilft Männern, gelassener mit entsprechenden Situationen umzugehen. Jähn hat viel beobachtet, gefragt. Sie kennt kleine, feine Unterschiede. "Männer erleben Stress intensiver, können aber besser abschalten. Sie lassen sich mehr auf die Therapie ein und sind in ihrer Vaterrolle sehr offen für Tipps." Männer entspannen bei Barbara Jähn etwa bei Musik, progressiver Muskelentspannung und Konzentrations-Yoga. Das "Väterkonzept" wird in Grünhain-Beierfeld fortgeschrieben. "Mit diesen spezifischen Angeboten erhoffen wir uns, dass noch mehr Väter Mut fassen, und mit ihren Kindern zu uns kommen", so Chefin Elvira Kosuch.

23 Prozent der Opfer sind Männer

2014 registrierte das Landeskriminalamt Sachsen 3153 Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt. Frauen machen noch immer den Großteil der Opfer aus. 23 Prozent der Opfer sind Männer.

Entsprechende Umfragen unterstreichen, dass Männer das Geschehene eher unter den Teppich kehren. Auch wenn sie verletzt werden, gehen sie kaum zur Polizei. Experten gehen davon aus, dass es bundesweit eine Million Männer gibt, die regelmäßig häusliche Gewalt erleiden - in hetero- wie in homosexuellen Beziehungen. Sie kommen häufig aus der Mittelschicht. (fp/dpa)

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    Soundnichtanders
    05.06.2016

    Manche bezahlen sogar für gehauen werden.



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