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Halbemeile: In Sachsens abgelegenster Siedlung

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Zehn Menschen leben heute noch in einem schmalen Streifen Grenzland auf dem Erzgebirgskamm. Der winzige Ort erstreckte sich einst bis nach Böhmen. Ein Besuch auf der Halben Meile.

Halbemeile.

Wenn Gunter Krauß auf Post wartet, dann kann es schon mal etwas länger dauern. Zweieinhalb Wochen, so erzählt er, habe kürzlich ein eingeschriebener Brief aus Schwarzenberg bis zu ihm nach Hause gebraucht. Das private Postunternehmen, das das Schreiben zustellen sollte, hatte die Beförderung abgelehnt und das Kuvert an die Konkurrenz übergeben. Doch auch die sah sich außerstande, den Auftrag auszuführen. So landete der Brief bei der Deutschen Post, die ihn schließlich beim Adressaten ablieferte. Völlig beklebt mit Briefmarken und vollgestempelt war er da.

Gunter Krauß lebt in Halbemeile, gut 900 Meter hoch gelegen auf dem Erzgebirgskamm. Die kleine Siedlung ist Sachsens hinterster bewohnter Winkel - ein wenige Hundert Meter schmaler Streifen Grenzland, auf drei Seiten umschlossen von böhmischen Wiesen und Wäldern. Wer die Menschen auf diesem Außenposten besuchen will, muss einen der Forstwege nehmen, die von Breitenbrunn kilometerweit durch dichten Fichtenwald führen, vorbei an einem ehemaligen Kinderferienlager des VEB Sachsenring Zwickau und dem Naturdenkmal "Himmelswiese". Für die Durchfahrt mit dem Auto braucht man eine Sondergenehmigung.

Halbemeile hat zehn Einwohner und besteht aus vier Wohnhäusern mit einer Handvoll Nebengebäuden. Erst seit 1954 gibt es auf diesem Außenposten elektrischen Strom. Kühe und Schafe stehen auf der Weide, Hühner und Enten werden zur Selbstversorgung gehalten. Die Landwirtschaft wurde hier im Kommunismus nicht kollektiviert - zu abgelegen war der Zipfel, wo im Naturschutzgebiet "Halbmeiler Wiesen" auf moorigem Grund Arnika, Sonnentau und Wollgras wachsen.

An diesem frostigen, sonnigen Morgen wartet Gunter Krauß vor der Tür. Er ist Frühaufsteher, 4.30 Uhr beginnt für ihn der Tag, dafür geht er am Abend früh zu Bett. Der 56-Jährige kam vor über 40 Jahren aus Pöhla hierher, als seine Eltern das Anwesen kauften. Schon als Jugendlicher habe er sich nie nach dem Stadtleben gesehnt, erzählt er. "Hier hatten wir die Natur und das hat gereicht." Das ist heute noch so.

Gunter Krauß arbeitet für den Sachsenforst. Als seine beiden Söhne noch zur Schule gingen, wurden sie jeden Morgen mit dem Taxi abgeholt. Inzwischen wohnt der Große mit Frau und Kind im Nachbarhaus. Er arbeitet auswärts, kümmert sich aber als Landwirt im Nebenerwerb auch ums Vieh und die Wiesen der Familie. Und er sorgt dafür, dass alle Bewohner der Siedlung selbst nach einem Schneesturm noch mit dem Auto in die Stadt kommen. "Der Winterdienst ist hier gut organisiert", sagt Krauß. Jedes Jahr schreibe die Gemeinde Breitenbrunn, zu der Halbemeile gehört, die Leistungen neu aus. "Seit vier Jahren hat mein Sohn schon den Vertrag."

Schneepflug und Fräse stehen bereit. Bei Südwestwind haben sie hier besonders mit Verwehungen zu kämpfen. Im Winter 1986/87, berichtet Krauß, habe man auf dem Feld eine Schneehöhe von 2,30 Meter gemessen. "Knapp drei Wochen lang war Ruhe. Da sind wir mit dem Pferdeschlitten ins Dorf gefahren."

Das Kuriosum Halbemeile geht zurück auf den Prager Vertrag von 1546, in dem Herzog Moritz von Sachsen dem König Ferdinand von Böhmen für seine Waffenhilfe im Schmalkaldischen Krieg einen Teil der bergbaureichen Herrschaft Schwarzenberg versprach. So kamen die Bergstädte Platten und Gottesgab (heute Horní Blatná und Boží Dar) zu Böhmen. 1558 wurde der noch heute gültige Grenzverlauf festgelegt - vom Pöhlwasser den Mückenbach aufwärts bis zur Quelle, von dort aus in gerader Linie bis zur Quelle des damaligen Dorfbachs und schließlich im rechten Winkel gerade bis zum Schwarzwasser zwischen dem späteren Johanngeorgenstadt und Breitenbach (Potůčky).

Mit dem so geformten Entenschnabel wurde eine damals entstandene Bergwerkssiedlung am Mückenberg in einen böhmischen und einen sächsischen Teil zerschnitten. Der Landvermesser Matthias Oeder verzeichnete hier auf seiner Karte von 1592 zwei Häuser "uf der halben Meil", vermutlich weil der Ort eine halbe sächsische Meile - etwa 4,5 Kilometer - von Breitenbrunn entfernt liegt. Bis zum Jahr 1900 wurde hier noch Bergbau betrieben. Der letzte Eigenlöhner des Erzgebirges arbeitete allein mit Schlägel und Eisen. Seinen Stolln "Gott gib Glück mit Freuden" machte die Bergknappschaft Breitenbrunn wieder zugänglich.

Wenn Gunter Krauß spazieren geht, landet er heute schnell mal im Böhmischen. Früher war das anders. Der Trinkwasserbrunnen für die kleine Siedlung liegt auf tschechischer Seite. War zu DDR-Zeiten eine Inspektion nötig, mussten die Bewohner von Halbemeile das erst bei den Behörden melden. "Dann kam der Grenz-ABV auf dem Motorrad angefahren", erzählt Krauß.

Klaus Franke hat seinen Wagen an einem Grenzstein oberhalb der Zehn-Einwohner-Siedlung geparkt und begrüßt den "Bürgermeister" von Halbemeile. Als die Tschechische Republik 2004 Mitglied der Europäischen Union wurde, pflanzten Kinder von beiden Seiten der Grenze hier zwei Bäume. Der eine sieht etwas mickrig aus - weil er auf dem Schotter der alten Straße nach Böhmisch Halbmeil wächst. Die Vergangenheit ruht hier dicht unter der Oberfläche. Und Klaus Franke, Vorsitzender des Erzgebirgszweigvereins Breitenbrunn, will diese Geschichte bewahren und weitergeben. Damit die jungen Leute, die hier auf Mountainbikes über die Waldwege fahren, auch mal nach links und rechts schauen und fragen, was hier einst war.

Auf der halben Meile lebten lange Zeit Menschen diesseits und jenseits der Grenze, die hier mitten durch eine Wiese verläuft. Bis 1945 hatte der Flecken 65 Einwohner, die meisten auf der böhmischen Seite, wo der Ort, noch bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörig, mundartlich-beschaulich Halbmeil hieß. Hier gab es sogar eine Schule, die auch Kinder aus dem sächsischen Halbe-meile besuchten. Heute ist Böhmisch Halbmeil eine Wüstung. Von dem Dorf sind nur Grundmauern und Steinhaufen übrig geblieben. Klaus Franke kennt sie alle, die Reste von neun Häusern, "de Schul", "das Glöckl", das alte und das neue Gasthaus. Mit alten Fotos steht er an der einstigen Einkehrstätte für Sommerfrischler. Man sieht noch die Kellerräume, wo das Bier lagerte. Eis zur Kühlung wurde in einem Teich auf sächsischer Seite gesägt.

Als 1945 die deutschen Bewohner vertrieben waren, ein neues Unrecht nach Münchner Abkommen und NS-Terror in der besetzten Tschechoslowakei, errichteten die Tschechen noch vor Halbmeil einen bewachten Grenzstreifen. Der verlassene Ort blieb im Niemandsland liegen und verfiel. Man kann die Trennlinie heute noch gut erkennen, markiert von einer Reihe Fichten. Sie wuchsen wild aus Samen, die der Wind dorthin trug. Sie fielen auf den lockeren Boden, den man regelmäßig geharkt hatte, um jeden Grenzübertritt sichtbar zu machen.

Jenseits dieses Baumstreifens steht eine kleine Kapelle. Sie ist dem böhmischen Brückenheiligen St. Nepomuk gewidmet. Klaus Franke, gelernter Maurer und einst Vorarbeiter in einem Baubetrieb, hat sie mit tschechischer Unterstützung gebaut, nachempfunden dem Vorgängerbau, der hier zusammen mit den Wohnhäusern von Böhmisch Halbmeil 1953 abgerissen wurde. Es sei eine Idee beim Bier gewesen, erzählt der 66-Jährige, für deren Umsetzung er viel Geduld brauchte. Der Bürgermeister des Bergstädtchens Boží Dar, zu dem die Wüstung Halbmeil (tschechisch Mílov) heute gehört, besorgte ein paar EU-Fördermittel, es gab Spenden, Baufirmen aus Stützengrün und Chomutov (Komotau) arbeiteten Hand in Hand. Klaus Franke hatte die alten Granitgewände von Tür und Fenstern unter der Grasnarbe gefunden. Er zeigt Fotos von der Baustelle, wie er den Fußboden der Kapelle zusammenfügt aus Steinen von jedem der einstigen Häuser aus Halbmeil.

Im Juni 2014 wurde die Kapelle geweiht - von einem sächsischen und einem böhmischen katholischen Priester. Bis heute pflegt Klaus Franke das kleine Gotteshaus. Jede Woche ist er hier, stellt frische Blumen oder Zweige auf den Altar. In diesen Tagen hat er eine Weihnachtskrippe aufgebaut, für die Besucher läutet er die kleine Glocke. Die Kapelle, die jedem offen steht, sei ein Kleinod, ein Traum, der in Erfüllung ging, sagt Franke und blättert durch das Gästebuch. "Hier treffen sich Leute aus der ganzen Welt."

Zur Einweihung der Kapelle kam auch Christel Illing. Die 79-Jährige ist die letztgeborene Einwohnerin von Böhmisch Halbmeil, eine Enkelin des Gastwirts. Sie wohnt heute in Ursprung bei Lugau und erinnert sich schmerzvoll an die Vertreibung, die sie als Vierjährige erlebte. Noch immer besucht sie gelegentlich die alte Heimat. Halbmeil, sagt sie, das sei nichts Extravagantes. "Aber ein schönes Fleckchen."

Vielleicht kehrt ja eines Tages auch hierher Leben zurück. Das Bier im Halbmeiler Gasthaus kam einst aus dem nahen Seifen, jetzt Ryžovna. Dort wird heute wieder gebraut.

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