Leipzig diskutiert nach OB-Wahl über Spaltung

Das Ergebnis der OB-Wahl hat ein Stadt-Land-Gefälle in Leipzig offenbart. Die Innenstadt wählt rot, die Außenbezirke schwarz. Der neue und alte Oberbürgermeister erkennt darin eine Verpflichtung.

Leipzig (dpa/sn) - Nach dem knappen Sieg des SPD-Amtsinhabers Burkhard Jung bei der Leipziger Oberbürgermeisterwahl sieht er sich vor der Aufgabe, Gräben zu schließen. «Zur Wahrheit gehört: Wir haben in der Tat eine gespaltene Stadt», stellte Jung mit Blick auf das Wahlergebnis fest. Unterdessen sorgte der Leipziger CDU-Chef Thomas Feist mit einer Äußerung zur Zugehörigkeit zugezogener Bürger zu Leipzig für Empörung.

Der langjährige Rathauschef Jung hatte die Wahl am Sonntag im zweiten Wahlgang knapp gewonnen. Er kam auf 49,1 Prozent und lag damit hauchdünn vor seinem Hauptkontrahenten von der CDU, dem sächsischen Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (47,6 Prozent). Die dritte, überparteiliche Kandidatin Ute Elisabeth Gabelmann, kam auf 3,3 Prozent.

Man müsse auf die Menschen zugehen, die offensichtlich Schwierigkeiten damit hätten, dass das linke Lager in Leipzig Vielfalt feiern und leben wolle, sagte Jung. «Ich möchte der Oberbürgermeister aller Leipzigerinnen und Leipziger sein.»

Der nach einem klassischen Lagerwahlkampf unterlegene Gemkow sagte, er wünsche dem neuen und alten Rathauschef, «dass es ihm gelingt, die Stadt ein Stück mehr wieder zusammenzubringen». Gemkow will sich nach seiner Niederlage auf seinen Job als Wissenschaftsminister konzentrieren. Der 41 Jahre alte Jurist kann für sich in Anspruch nehmen, das beste Ergebnis eines CDU-Kandidaten in Leipzig bisher erzielt zu haben.

Der Politikwissenschaftler Hendrik Träger von der Universität Leipzig sagte, Jung müsse sich stärker um die Randbezirke kümmern. Es gebe in Leipzig «ein klassisches Stadt-Land-Gefälle, komprimiert in einer 600 000-Einwohner-Stadt», sagte Träger. Jung sei in einem innerstädtischen Kern stark gewesen. Aber die Randbezirke, die teilweise vor 20 Jahren erst eingemeindet worden seien, wählten traditionell konservativer. Um deren Anliegen müsse sich der Oberbürgermeister mehr bemühen.

Derweil hat der Leipziger CDU-Chef Thomas Feist mit Interview-Äußerungen für Empörung gesorgt. Der 54-Jährige hatte am Sonntagabend nach der OB-Wahl im Rathaus auf die Frage, ob der aus Siegen stammende Jung kein richtiger Leipzig sei, geantwortet: «Es gibt den schönen Spruch: Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt - sind das dann Fische?» Jemand, der in Leipzig aufgewachsen sei, habe ein anderes Verhältnis zu der Stadt als jemand, der seit 29 Jahren dort lebe. Die Geschichte Leipzigs fange vorher an. Zahlreiche Twitter-Nutzer kritisierten den Spruch als abwertende Parole.

Leipzig hat eine sehr lange Geschichte: Die Stadt hat 2015 das Jubiläum 1000 Jahre Ersterwähnung gefeiert. Feist war bis 2017 Bundestagsabgeordneter, verlor dann aber sein Direktmandat an einen Linken-Politiker. Er ist Beauftragter des Freistaates Sachsen für das Jüdische Leben.


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