Nicht genug behindert?

Frank Werner leidet an den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Ein blauer Parkausweis bleibt ihm dennoch verwehrt.

Mehr als 2000 Tage ist diese Nacht her, doch Elvira Werner aus Coswig kann sich noch genau an jenen schrecklichen Moment am 22. September 2013 erinnern. Es ist etwa vier Uhr, als sie aufwacht. "Mein Mann hatte komische Geräusche gemacht." Sofort begreift sie, dass es um Leben oder Tod geht. "Er war schon nicht mehr ansprechbar." Elf Minuten später hält ein Rettungswagen vorm Haus. Sanitäter bringen den Schlaganfallpatienten ins Krankenhaus nach Meißen. Noch am selben Tag wird Frank Werner ins Dresdner Uniklinikum verlegt.

Die erste Prognose sei denkbar schlecht gewesen, erinnert sich die 59-Jährige. "Die Ärzte haben gesagt, entweder er stirbt, oder er bleibt für immer bettlägerig." Doch keine der beiden Vorhersagen tritt ein. Im Februar 2014 kann ihn seine Frau aus der Reha nach Hause holen. "Er hat zu dem Zeitpunkt nichts mehr gegessen, hatte einen Klinikkoller", sagt sie. Vier Helfer tragen ihn die Treppe in die Wohnung hinauf.

Es bricht die nächste Phase eines Kampfes an, der bis heute andauert. Der Schlaganfall hat Frank Werner halbseitig gelähmt. Sprechen kann er kaum noch, sein Sichtfeld ist eingeschränkt. Je zweimal pro Woche kommen Ergo- und Physiotherapeuten ins Haus, die Logopädie sogar dreimal. "Natürlich erklären die behandelnden Ärzte, man müsse sich mit der Situation abfinden", sagt Elvira Werner. "Aber es geht doch immer wieder mal ein Stück vorwärts." Sie freue sich über jedes Wort, das ihr Mann spreche, über jeden Meter, den er mit ihrer Hilfe laufe.

Nur ein Problem hat die resolut wirkende Frau, die als Verkäuferin arbeitet, bisher nicht gelöst bekommen: das Parken. Denn anders, als es Laien vermuten, dürfen Werners ihren Minivan nicht auf Parkflächen mit Rollstuhlsymbol abstellen, wenn sie unterwegs sind. Den dafür nötigen blauen Ausweis könnten sie zwar bei der Straßenverkehrsbehörde beantragen, würden ihn aber nicht bekommen. Das hat mit Frank Werners Schwerbehindertenausweis zu tun. Auf der Karte ist ein Grad der Behinderung (GdB) von 80 vermerkt. Doch es fehlt das Kürzel "aG" für "außergewöhnliche Gehbehinderung". Eine Vergabe dieses Merkzeichens hat das Sozialamt Meißen zweimal abgelehnt - zuletzt am 6.März 2019. Berechtigterweise, wie die Behörde auf FP-Nachfrage mitteilt: Aus den Befundberichten von Frank Werners behandelnden Ärzten gehe nicht hervor, "dass das Gehen vom ersten Schritt an aufs Schwerste beeinträchtigt ist." Genau das aber sei entscheidend, nicht der hohe Behinderungsgrad, der auch durch andere Leiden zustande komme. "Herr Werner ist (...) in der Lage, mit Hilfsmitteln und Begleitperson bis zu 100 Meter zu laufen. Erst für längere Strecken wird ein Rollstuhl zu Hilfe genommen."

Der Kreis derer, die eine außergewöhnliche Gehbehinderung attestiert bekommen, ist ziemlich klein. Laut Deutschlands größtem Sozialverband VdK zählen Querschnittsgelähmte sowie doppelt Oberschenkel- oder Unterschenkelamputierte dazu, einseitig Beinamputierte nur unter bestimmten Bedingungen. Seit einer Gesetzesänderung vor gut zwei Jahren seien die Vorgaben "weniger beinlastig", sagt VdK-Referentin Dorothee Czennia. Demnach können nun auch Patienten mit anderen schweren Leiden den Vermerk erhalten. Allerdings nur, wenn sie ihre fast nicht mehr vorhandene Gehfähigkeit nachweisen.

Insgesamt habe es Ende 2018 in Sachsen nur rund 40.600 Anerkennungen des aG-Kürzels gegeben, sagt Reiner Henze vom Kommunalen Sozialverband (KSV). "Wie viele Betroffene davon dann tatsächlich den blauen Parkausweis besitzen, ist uns nicht bekannt."

Wer einen Ablehnungsbescheid vom Amt erhalten hat, kann noch versuchen, mit juristischen Mitteln zum Ziel zu gelangen. Sozialverbände wie der VdK helfen ihren Mitgliedern dabei, Widerspruch einzulegen, und vertreten sie auch vor Gericht. Für Elvira Werner kommt dieser Weg nicht infrage: "Das würde mich zu viel Zeit und Nerven kosten." Prüfen wolle sie aber noch, ob ihr Mann Anspruch auf eine Ausnahmegenehmigung habe. Dieser in Sachsen erhältliche "gelbe Parkausweis" räumt Inhabern Erleichterungen beim Abstellen des Fahrzeugs ein. Wozu er jedoch nicht ausdrücklich berechtigt, ist das Parken auf allen Parkplätzen mit Rolli-Symbol. Möglich ist immerhin, drei Orte anzugeben, wo man eine solche Parkfläche nutzen möchte. Diese vermerkt die Verkehrsbehörde dann auf der Ausnahmegenehmigung.

Verschlechtere sich der Gesundheitszustand ihres Mannes, könne Elvira Werner jederzeit einen Änderungsantrag stellen, heißt es beim Sozialamt Meißen. Ansonsten sei eine Nachprüfung der Verhältnisse erst im März 2022 vorgesehen.

Gut möglich, dass Frank Werner die Bedingungen für den Vermerk aG früher erfüllt. In den vergangenen Wochen hat sein Gehvermögen erheblich abgenommen. "Da waren es nur 25 Meter vom Auto bis zur Tür, und er ist trotzdem gestrauchelt", sagt seine Frau. Sie will ihn trotzdem weiter überallhin mitnehmen. "Wir sind über 40 Jahre verheiratet, uns gibt es nur zusammen. Stimmt's?" Frank Werner nickt wohlwollend, öffnet den Mund und formt einen kehligen Laut: "Joaaa". Dann knetet er weiter seine taube rechte Hand.

Am 14. Mai um 18.30 Uhr laden Peter Escher und Anwalt Michael Baczko zur Leserveranstaltung ins Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20, ein. "Ärger mit Behörden? So können Sie sich erfolgreich wehren" heißt ihr Vortrag. Leser können ihre Fragen stellen. Karten kosten 15 Euro, mit Pressekarte 13 Euro. Verbindliche Voranmeldung unter: leben@redaktion-nutzwerk.de

 


Der blaue Parkausweis 

Voraussetzungen: Merkzeichen aG (für außergewöhnliche Gehbehinderung) oder Bl (für Blindheit) oder beidseitige Amelie oder Phokomelie (z. B. durch Contergan-Schädigung) bzw. vergleichbare Funktionseinschränkung.

Berechtigt zum: Parken auf Behindertenparkplätzen (mit Rollstuhlfahrer-Zusatzschild); bis zu drei Stunden Parken im eingeschränkten Halteverbot (mit Parkscheibe); Überschreiten der erlaubten Parkdauer im Zonenhalteverbot; Parken über die zugelassene Zeit hinaus an Stellen, an denen Parken erlaubt, aber per Zusatzschild zeitlich begrenzt ist; Parken während der Ladezeiten in Fußgängerbereichen, in denen Be- und Entladen für bestimmte Zeiten freigegeben ist; bis zu drei Stunden Parken auf Anwohnerparkplätzen; Parken ohne Gebühr und zeitliche Begrenzung an Parkuhren und Parkscheinautomaten; Parken in verkehrsberuhigten Bereichen außerhalb markierter Parkstände, wenn dies den übrigen Verkehr nicht unverhältnismäßig beeinträchtigt.

Bedingung in jedem dieser Fälle: In zumutbarer Entfernung darf es keine andere Parkmöglichkeit geben. Höchstzulässige Parkdauer: 24 Stunden.

Alle Regelungen und Nutzungsfälle, auch die für den orangefarbenen bzw. den speziell in Sachsen gültigen gelben Parkausweis, sind hier als PDF-Datei abrufbar: www.freiepresse.de/parkausweis

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