Streit um den Wolf gipfelt in Morddrohungen gegen Landrat

Der Waldbesitzerverband bot Schafzüchtern und Wolfsschützern auf der Forstmesse ein Podium zum Austausch. Eine Liebesehe gibt es wohl nicht.

Leipzig.

Sie mögen nebeneinander auf einem Podium sitzen, ohne laut zu werden. Doch auf einen Nenner kommen Wolfsschützer und Wolfsgegner nicht. Das zeigte ein "Wolfs-Forum", zu dem Sachsens Waldbesitzerverband am Wochenende auf die Forstmesse Agra nach Leipzig geladen hatte. Rund 100 Gäste verfolgten den Schlagabtausch.

"Sollen wir ganze Dörfer einzäunen, weil der Wolf nachts hindurch streift?", fragte Regina Walther vom Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverband. Sie machte keinen Hehl daraus, dass es keine "Liebesehe" zwischen ihr und dem Wolf geben werde. Zwar werden in Sachsen Schutzvorrichtungen wie Elektrozäune zu 80 Prozent gefördert und Entschädigungen für von Wölfen gerissene Tiere gezahlt. Doch betonte Walther psychische Folgen für Züchter, die ihre Tiere gerissen vorfinden. Auch kritisierte sie Diskussionen mit Gutachtern darüber, ob Schutzmechanismen ausreichend seien. Laut Walther muss der Schutzstatus des Wolfs europaweit auf den Prüfstand. Für "verhaltensauffällige Wölfe" forderte sie "konsequente und rasche Entnahme", was im Klartext Abschuss bedeutet. "Wenn erst ewig lange Diskussionen geführt werden, ist der Wolf längst weg", sagte Walther - um nach einer Pause zu ergänzen: "Wenn er nicht wiederkommt, ist es ja gut."

An der Stelle hakte Markus Bathen, Wolfsexperte des Naturschutzbundes Nabu und selbst Waldbesitzer, ein. Um zu sachlicher Diskussion zu finden, müsse man bei Fakten bleiben. Für den Wolf als Fleischfresser sei es kein atypisches Verhalten, wenn er ein Weidetier reiße. Er unterscheide nicht zwischen Wild und domestiziertem Tier. Auch die Kritik an Gutachtern wollte er so nicht stehen lassen. Natürlich müsse die ordnungsgemäße Sicherung der Weide überprüft werden. Das hatte zuvor bereits Ullrich Klausnitzer betont, der fürs Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie als Herdenschutzbeauftragter arbeitet: "Es gibt Tierhaltungen, da muss man sich nicht wundern, dass etwas passiert." Um Wirkung zu zeigen, müsse ein Elektrozaun "bis in die letzte Ecke 2500 Volt führen".

Dennoch mahnte Michael Harig, Landrat des Kreises Bautzen, dass seine Region zur wolfsreichsten Europas geworden sei. Züchter würden wohl gelassener mit der Situation umgehen, wenn es eine wirksame Regulierung gäbe. Der Landrat erwähnte den Widerstreit von Interessen, der sich in einer Protestwelle niedergeschlagen habe, als im Nachbarkreis eine Abschussgenehmigung für einen "Problemwolf" erteilt wurde. Dieser hatte sich Menschen genähert. Es habe Morddrohungen gegen den Landrat gegeben. Ihn andererseits riefen besorgte Eltern von Kindern an, die an einer Haltestelle auf den Bus warten müssten, in deren Nähe ein vom Wolf gerissenes Tier gefunden worden sei. Angesichts des Populationswachstums der Wölfe prognostiziert Harig: "In zehn bis 15 Jahren wird es Prämien dafür geben, dass Wölfe geschossen werden."

Experte Markus Bathen rückte erneut Fakten zurecht. Die ostsächsische Wolfsdichte sei keineswegs die größte in Europa. Territorien hiesiger Rudel messen etwa 220 Quadratkilometer, laut Monitoring gebe es in Europa Gebiete, in denen sich auf der gleichen Fläche viereinhalb Rudel drängen. Die deutsche Wolfspopulation wird auf bis zu 600 Tiere geschätzt, im Nordwesten Spaniens gibt es 2400 Wölfe. Bathen räumte eine Belastung von Züchtern ein, die mittelfristig ein Problem darstelle, aber langfristig die Akzeptanz der Wiederkehr des Wolfs nicht verhindere. "Das zeigen andere Länder, in denen Wölfe nicht ausgerottet wurden. Da spielen ja auch Kinder draußen." In Norwegen trugen Forscher 2002 alle Erkenntnisse über Wolfsangriffe auf Menschen zusammen. Laut der Studie gab es bei bis zu 20.000 wilden Wölfen in Europa in den letzten 50 Jahren neun tödliche Angriffe. Fünf waren durch Tollwut ausgelöst. Die Mehrzahl der anderen resultierte daraus, dass man Wölfen ihre Scheu abgewöhnt hatte.

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1Kommentare
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  • 5
    2
    cn3boj00
    08.05.2017

    Statistisch gesehen dürfen wir etwa mit einem Todesfall eines Menschen durch Wölfe in den nächsten 100 Jahren rechnen. Dagegen sterben in Deutschland jährlich 3 Menschen durch Hundebisse. Darf ich da jetzt den Abschuss von Hunden fordern?



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