Tribunal zum NSU-Fall nimmt regionales Netzwerk ins Visier

Die bundesweite Aktion zum "Nationalsozialistischen Untergrund" bündelt Infos zu Helfern der vormals in Chemnitz und Zwickau abgetauchten Terroristen.

Chemnitz/Zwickau.

Während seiner Anschlags- und Mordserie lebte das Kerntrio des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) zunächst in Chemnitz, dann in Zwickau. Eingebunden waren die aus Jena abgetauchten Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in ein "Netzwerk von Kameraden", wie sie im Bekennervideo selbst festhielten. Nach "Freie Presse"-Recherchen war das Netzwerk in Chemnitz so dicht wie nirgends sonst in Deutschland. Viele Mitglieder dieses Netzwerks sind bis heute aktiv. Vor diesem Hintergrund widmet die deutschlandweite Aktion "Tribunal: NSU-Komplex auflösen" von Freitag bis Sonntag drei Tage den örtlichen Geschehnissen und dem hiesigen Umfeld des Terrors.

Gemeinsam mit regionalen Partnern geht man offenen Fragen nach, sagt Tim Klodzko, Sprecher der Tribunal-Initiative. Man will - daher der Name Tribunal - durchaus auch anklagen - wenn möglich namentlich. "Es gibt Personen, die sind mitverantwortlich, aber strafrechtlich nicht zu belangen. Die benennen wir", sagt Klodzko. Als Beispiel nennt er "Lothar Lingen". Der Mann mit diesem Tarnnamen stammt zwar aus dem fernen Köln. Als Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz hatte er die vertuschende Schredder-Aktion NSU-relevanter Akten veranlasst, die just an jenem Tag anlief, als die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernahm. Doch gibt es nicht nur in der Ferne Mitverantwortliche. In Zwickau war da der Rechtsextremist Ralf Marschner, den man, ausgelöst durch einen Bericht der "Freien Presse", im Zuge der NSU-Ermittlungen als V-Mann des Bundesamtes enttarnte. Zum Zeitpunkt der Mordserie hatte er das Trio in mehreren seiner Zwickauer Firmen beschäftigt. In Chemnitz gibt es Hendrik L., Betreiber einer Boutique für rechtsextremen Chic, der Mundlos im Untergrund finanziell unterstützte und jenes Rechtsrock-Label gegründet hatte, das 2010 das Lied "Dönerkiller" produzierte. Der Text des Liedes verhöhnte die Opfer der bundesweiten Mordserie, noch bevor man die Serie dem NSU zuschrieb.

Gemeinsam mit einer vom Kulturbüro Sachsen initiierten Geschichtswerkstatt gibt es am Wochenende Rundgänge zu Orten des Geschehens. Tatorte von Überfällen werden angesteuert und frühere Unterschlupfadressen des Trios.

Aber auch allgemeinere Fragen werden angesprochen, sagt Klodzko. Als Beispiel nennt er die Filmveranstaltung mit anschließender Diskussion unter dem Titel "Der zweite Anschlag". Gemeint ist mit dem Titel das Unter-Verdacht-Stellen der Opfer. "Der Begriff ist nach dem Bombenanschlag auf der Kölner Keupstraße von Opfern geprägt worden", sagt Klodzko. "Aber solche Verdächtigungen haben im Grunde alle Opferfamilien erlebt. Das ist es, weshalb wir von strukturellem Rassismus reden."

Die Sicht der Hinterbliebenen von NSU-Opfern findet in den Tribunalveranstaltungen ebenfalls Platz. Die Nebenklage-Anwälte Antonia von der Behrens und Alexander Hoffmann bringen ihre Sicht aus dem Strafprozess ein, der von 2013 bis 2018 am Oberlandesgericht München gegen Beate Zschäpe und vier NSU-Helfer lief.

In Zwickau geht es am Sonntag nicht zuletzt um die Frage nach einem dauerhaften Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex. Dem örtlichen Sozialarbeiter Jörg Banitz, der die rechte Zwickauer Szene um V-Mann Ralf Marschner noch aus eigenem Erleben kennt, schwebt ein mobiles NSU-Infozentrum vor, das durch die Region touren könnte. Bisher konnte sich die Idee im Zwickauer Stadtrat nicht durchsetzen.

Das NSU-Netzwerk im Überblick: www.freiepresse.de/nsunetzwerk

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    Distelblüte
    02.11.2019

    Auf Twitter kann man unter dem Hashtag #TRBNL der Aktion folgen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...