Unister - Ein Tsunami an Verdächtigungen

Nach dem Tod Thomas Wagners wird seine Unternehmensschöpfung Unister nahezu täglich zum Gegenstand neuer Enthüllungen. Ist der größte ostdeutsche Internetkonzern auf Treibsand gebaut, wie Kritiker behaupten?

Leipzig.

Flegeljahre eines Firmenriesen: Spätestens 2012, im zehnten Jahr seines Bestehens, nimmt Unisters Ansehen öffentlich Schaden. Eine populäre Computerzeitschrift bringt eine alarmierende Story über Abzocke-Methoden auf Portalen der Firma. Wenig später nehmen sich Ermittler der Staatsanwaltschaft die Büros der Chefetage vor. Drei Manager kommen in Haft, darunter Thomas Wagner, der Takt- und Ideengeber Unisters, und Daniel Kirchhof, Mitgesellschafter der ersten Stunde. Das schreckt Banken auf, die sich bei Unister engagieren. Sie verlangen, das Management auf eine breitere Basis zu stellen, wenn damit zu rechnen sei, dass den jetzigen Chefs ein Zwangsurlaub im Gefängnis droht.

Damals kamen viele neue Leute, sagt ein Insider, der selbst einige Jahre in verantwortlicher Position bei Unister gearbeitet hat, der "Freien Presse". Die Leipziger Firma habe als attraktiver Arbeitgeber gegolten, in Spitzenzeiten stieg die Beschäftigtenzahl auf fast 2000. "Für viele war es der erste Job nach der Uni. Da ist man bereit, gewisse Härten zu übersehen", so der Informant. Wagner selbst habe auf den ersten Blick kumpelhaft und zugänglich gewirkt. Die "monströsen" Sommerfeste der Belegschaft im Beach Club dauerten bis in die Morgenstunden. "Es kamen aber auch Gehälter um Wochen verspätet. Die Finanznot war in den letzten Jahren chronisch. Die interne Kommunikation lief wie in der DDR. Da hieß es immer nur: Alles super, ein neues Spitzenjahr! Thomas Wagner hatte das Talent, viele Leute zu beeindrucken, sodass sie nichts infrage stellten."

Seit dem tödlichen Flugunfall von Wagner in Slowenien gibt es eine ganze Reihe ehemaliger Mitarbeiter, Manager und Gesellschafter, die mit ihrer kritischen Sicht auf den Konzern nicht mehr hinterm Berg halten. Mitgründer Daniel Kirchhof und Reinhard Rade haben sich gleich nach dem Absturz Mitte Juli geäußert. Rade ist ein Leipziger Immobilienkaufmann mit rechtsradikaler Vergangenheit, internationalem Aktionsradius und Legida-Verbindungen. Er behauptete in der "Leipziger Volkszeitung", dass er Thomas Wagner auf seiner letzten Reise nach Venedig habe polizeilich "hochgehen" lassen wollen, um Schaden von der Unternehmensgruppe abzuwenden. Weil er krank geworden sei, habe er die Anzeige nicht abgeschickt. Die "Sächsische Zeitung" mutmaßte am Donnerstag über einen vermeintlich "großen Einfluss" Rades und eines anderen, radikal rechtsextremistischen Geschäftsmannes auf Wagner. Insolvenzverwalter Lucas Flöther gab daraufhin eine Ehrenerklärung für Unister ab: Das Unternehmen, das Mitarbeiter aus 30 Ländern beschäftige, distanziere sich "stets klar" von rechtsextremem Gedankengut. Ein Kontakt Unisters zu Rade habe nur kurzzeitig 2013 bestanden.

Thomas Wagner, die verstorbene Schlüsselfigur, kann sich selbst nicht mehr äußern. Die Stimmung um Unister ist aufgeheizt: Neue Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen, zweifelhafte Geldbeschaffungsprojekte und Fälle befremdlichen Geschäftsgebarens kommen ans Licht. In einzelnen Medien wird seit einigen Wochen aus Unister-internen E-Mails zitiert. Im Internet ist der Twitter-Account "fluege_de" noch zu finden, in dem, wie ein früherer Unister-Beschäftigter behauptet, ein hochrangiger Mitarbeiter jahrelang anonym über Unister herzog. Jetzt, da sich alles zuspitzt, blieb der Account aber stumm.

Die Insolvenz der Holding und ihrer sechs Tochtergesellschaften setzte das Rennen der Bieter in Gang, die sich Filetstücke des Online-Imperiums sichern wollen. Es wäre ein Versäumnis, wenn sich die Interessenten dabei nicht des Wissens und der Kontakte von Unister-Insidern bedienten. Mit der Folge, dass wie in einem Agatha-Christie-Roman jeder Akteur des alten Imperiums, der um seinen Platz nach dem Zusammenbruch kämpft, womöglich eine eigene, verdeckte Agenda verfolgt. Zumal keiner weiß, was jetzt noch hochkommt.

Konstantin Korosides, früherer Unister-Pressesprecher und nach eigener Darstellung ein Wagner-Vertrauter, brachte eine angebliche Verschwörung gegen die Gründer ins Spiel. Für ihn ist Wagner eine Lichtgestalt, die wegen eines Komplotts ihr Leben verlor. Der "Leipziger Volkszeitung" sagte er: "Ich glaube nicht an einen normalen Absturz, das schließe ich aus." Wagner habe um seine Sicherheit gefürchtet.

Thomas Wagner war Mitte Juli in Venedig von Unbekannten mit Falschgeld betrogen worden, erstattete Anzeige und stürzte auf dem Rückweg mit einem gecharterten Kleinflugzeug ab. Was an jenen beiden Tagen geschah, wurde auf der Grundlage offizieller Angaben italienischer und slowenischer Behörden vorläufig rekonstruiert. Einige Indizien heizten Spekulationen über einen Anschlag an: Das gecharterte Kleinflugzeug war nicht in Europa, sondern in den USA registriert. Der Rückflug nach Leipzig verzögerte sich ungeplant durch den Betrug und die Polizeiformalitäten. Deshalb stand die Maschine über Nacht auf dem Marco-Polo-Flugplatz in Venedig, womöglich unbeobachtet. An der Absturzstelle wurde offenbar das Höhenruder nicht gefunden, dessen Zustand für die Ursachenermittlung aufschlussreich wäre.

Das alles sind keine Beweise für einen Anschlag mit nachfolgender Vertuschung. Auch jene Minderheit, die unterstellt, Wagner könne den Absturz selbst inszeniert, seinen eigenen Tod vorgetäuscht und sich damit der Verantwortung für das Unister-Desaster entzogen haben, hält keinerlei Beweise in der Hand. Niemand hat bis heute widerlegt, dass Wagners DNA von slowenischen Behörden zweifelsfrei identifiziert und der Unister-Boss in Deutschland beerdigt wurde.

Wagner und Unister hatten Gegner, Konkurrenten, Feinde. Die beiden Chefs Wagner und Kirchhof überwarfen sich spätestens nach ihrer Haft. Ihr Konflikt - das gängige Klischee lautet: eigenbrötlerisches Geschäftsgenie gegen kühl rechnenden Finanzer - soll für ein funktionsuntüchtiges Managament stehen, das zunehmend die Kontrolle über das Unternehmensgeflecht verlor. "Neue Portale wurden gebaut, weil einer die Idee dazu hatte und Wagner ihn machen ließ, Projektmanagement war ein Fremdwort", sagt ein Ex-Mitarbeiter. "Alles ging über Wagners Tisch. Es war nicht so, dass es keine Berater gab: Mit vielen technischen, finanziellen, juristischen Fragen befassten sich ausgewiesene Fachleute. Teure Gutachter wurden engagiert. Nur folgte niemand ihrem Rat."

Mit seinem wild wuchernden Geflecht an Tochterfirmen und Beteiligungen stellte die Unistergruppe ein Internetportal nach dem anderen hin. Statt 40 oder 60, wie häufig kolportiert, sollen es nach Insiderangaben gut 120 gewesen sein. Viele inselhafte, unverbundene Lösungen, manche nur geklont - neue Verpackung, gleiche Technik. Mit einem enormem Werbefeldzug und den populären Fernsehgesichtern Michael Ballack und Reiner Calmund wurden Webseiten wie ab-in-den-urlaub.de (gegründet 2003) und fluege.de (gegründet 2008) bekannt- gemacht. Dazu kamen auto.de, reisen.de, kredit.de, preisvergleich.de, shopping.de, hotelreservierung.de... Der eigentliche Firmenname blieb im Hintergrund. Unister im Internet war überall und nirgends.

Die Webportale aus Leipzig mischten die Branche der Reisevermittler auf, die im zurückliegenden Jahrzehnt mehr als 50 Prozent ihrer Umsätze an Unister verloren haben sollen. Die Firma ging nach Medienberichten ohne Skrupel vor. Wagner habe das energisch so verlangt: immer mehr, und noch mehr.

Zu wenig, um ein Mordkomplott herbeizudichten, genug aber, um die Fantasie anzuregen. Manche sagen sogar, der ganze Geschäftserfolg der Firma sei vor allem Fantasie gewesen. Das Wirtschaftsmagazin "Capital" brachte diese Woche eine Story, wonach eine der wichtigsten Erlösquellen Unisters schon 2011 weggebrochen sei: die Google-Arbitrage. Unister hatte bei Google eigene Seiten beworben, auf denen der Besucher dann auf Werbung Dritter stieß. An denen verdiente Unister mehr, als es an Google bezahlte. Ein Verstoß gegen die Geschäftsregeln der US-Amerikaner. Als nach jahrelanger Duldung Google diese Praxis unterband, sollen die Finanzsorgen Unisters begonnen haben.

Die Umsatzexplosion der Reise- und Flugbuchungsportale wurde zum großen Teil durch aggressives Direktmarketing erkauft: Unister flutete das Netz mit Werbemails. Die Zahl der täglich versandten Mails soll im zweistelligen Millionenbereich gelegen haben, sagen Branchenkenner. Spätestens als Kunden, die sich bei geld.de eingeloggt hatten, auch Werbemails von U-Deals erhielten, geriet Unister in Verdacht, es mit dem Datenschutz nicht so genau zu nehmen. Zusatzgeschäfte mit Kreditkartengebühren, Servicepauschalen und Versicherungen brachten Unister den Vorwurf der Abzocke ein. Dabei habe man auf unaufmerksame und überforderte Kunden geradezu spekuliert, wie nach Wagners Tod in der Presse veröffentlichte Mails und Aussagen früherer Beschäftigter belegen sollen.

Der Wert des Unternehmens dürfte heute vor allem in der Stärke seiner Marken, der erreichten Google-Reputation und den eigenen Datenbeständen liegen. Seit Montag können rund 20 interessierte Bieter die Bilanzen der insolventen Unister-Gesellschaften einsehen. Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...