Viele Schulen in Bergbauregionen sind zu stark mit Radon belastet

Das radioaktive Edelgas übersteigt selbst in Klassenräumen den von der EU erlaubten Wert. Doch für Radonsanierungen gibt es kein Fördergeld.

Chemnitz.

In fast der Hälfte von 100 zuletzt untersuchten Schulen in Sachsens Bergbauregionen tritt das radioaktive Edelgas Radon zum Teil deutlich stärker auf als es der EU-Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter erlaubt. Der 2013 in einer europäischen Richtlinie zum Strahlenschutz vorgeschriebene Wert für jegliche Innenräume muss auch in Deutschland bis Anfang 2019 umgesetzt sein. Dann tritt das im April vom Bundestag nach vielen Querelen abgesegnete Gesetz auch für Deutschland in Kraft.

Wie aus einer Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Petra Zais hervorgeht, gab es an Schulen seit 2001 drei mehrjährige Messprogramme. Daran konnten sich Einrichtungen freiwillig beteiligen. Bei den jüngsten Messungen 2015/16 wurden in jeder zehnten der 100 Schulen mehr als 1000 Becquerel als Jahresmittelwert für alle Räume erfasst. Die größten Überschreitungen gab es mit 2200 Becquerel im Jahresmittel.

Wie das Umweltministerium in Dresden auf Anfrage mitteilte, laufe das Meßprogramm noch. Auch könnten sich Einrichtungen noch anmelden. Zais kritisiert allerdings, dass Eltern und Kinder, zum Teil nicht einmal die Lehrer ordentlich informiert worden seien. Auch würden die Kommunen als Schulträger mit den Resultaten alleingelassen. "Bei den zum Teil hohen Konzentrationen reicht es nicht, den Hausmeister anzuweisen, dreimal am Tag die Räume zu lüften", sagt Zais.

Überrascht gibt sich der Bürgermeister von Schneeberg, Ingo Seifert (Freie Wähler), dessen Stadt seit Jahren gegen das krebserregende Zerfallsprodukt des Uran in Gebäuden kämpft. An dem jüngsten Messprogramm hatten sich drei Schulen beteiligt, nur in einer war der ermittelte Durchschnittswert unbedenklich. In den anderen lag er bei 820 beziehungsweise 1300 Becquerel. "Wir kennen diese Ergebnisse gar nicht. Ich muss mich schon wundern, dass sie einer Abgeordneten eher vorliegen als den Betroffenen." Aus diesem Grund gebe es auch noch keinen Plan für Gegenmaßnahmen.

Anders sieht es in Bad Schlema aus, wo an der einzigen Schule im Ort ein Mittelwert von 670 Becquerel Anlass zur Sorge gab. "Ein Raum hat hier das ganze Messprogramm ruiniert", berichtet Bürgermeister Jens Müller (parteilos). An der Schule würden alle Räume mit einer Wärme-Luft-Rückgewinnungsanlage beheizt und belüftet. Das betreffende Zimmer sei das letzte in dieser Versorgungskette gewesen. Inzwischen habe man eine Lösung gefunden. Auch bei der Sanierung der Turnhalle habe man das Radonproblem gelöst, indem unter dem Fußboden ein Dränagerohr zum Absaugen der Radonluft verlegt wurde. Ein Förderprogramm für Radonsanierungsmaßnahmen in Schulen gibt es laut Umweltministerium nicht. Allerdings seien solche Bauarbeiten über das Schulhausbauprogramm förderfähig.

Lutz Schneider, Chef der Umweltfirma Stoller Ingenieurtechnik Dresden, kritisiert, dass man sich in der EU auf einen Referenz- und nicht auf einen Grenzwert geeinigt habe. Der werde "weniger scharf" gesehen und sei vergleichbar mit der Richtgeschwindigkeit auf Autobahnen. Ebenso kritisiert er, dass Kommunen und Vermieter nicht finanziell bei der Radonsanierung unterstützt würden, dafür umso mehr bei der energetischen Sanierung ihrer Häuser. Das "Abdichten" von Gebäuden begünstige aber oft die Radonkonzentration. Laut Schneider hätten Langzeitstudien gezeigt, dass bereits ab 140 Becquerel ein erhöhtes Krebsrisiko bestehe.

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