Vom Mut zur Wende

Herbst '89: Vor 30 Jahren fanden in Plauen die ersten Massendemonstration der Wendezeit statt. Im Vogtland knickte die Staatsmacht der untergehenden DDR bereits am 7. Oktober vor der Bevölkerung ein. Seitdem ringt man in der Stadt um Würdigung: Wer hat was und wie viel zur friedlichen Revolution beigetragen?

Plauen/Berlin.

Hätte Erich Honecker die DDR noch retten können? Zum vermutlich ersten Mal warteten am Abend des 6. Oktober 1989 weite Teile einer Bevölkerung, die ihren Staatschef spätestens seit dem "Sonderzug nach Pankow" weitgehend nur noch als "Honni" unernst nahm, auf eine seiner Reden mit echter Spannung: Das ganze Land fieberte, vibrierte nach einem Sommer, dessen Bürger-Exodus gen Westen aus den vielen, immer schlechter kaschierbaren Missständen allerorts offene Debatten entfacht hatte. Wahlbetrug. Miss- und Günstlingswirtschaft. Willkür-Entscheidungen. Und vor allem eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden: Dass Honecker Selbstkritik zum 40. Republikgeburtstag nicht aussparen konnte, schien auf der Hand zu liegen. Wurde die Festansprache der Zündfunke zu einer Wende?

So gesehen ja - denn der SED-Chef konnte: Die Ansprache, die am Vorabend der Feierlichkeiten zum 7. Oktober im Fernsehen übertragen wurde, war ein letzter Schock. Üblicher, kritikfreier Jubel. Ein letztes Zeugnis der Realitätsverweigerung. Keinen Millimeter ging Honecker auf Gorbatschow zu, der seitens des "Großen Bruders" Sowjetunion mit "Glasnost" und "Perestroika" vorgelegt und soeben seinen heute berühmten Satz vom Zuspätkommen gesagt hatte. Es war der Moment, in dem jeder, der bis dahin noch auf eine irgendwie intern verbesserbare DDR gehofft hatte, wusste: Das war's! So offen lagen die wunden Punkte - brauchte es da wirklich noch Mut, sie anzusprechen?

Der Plauener Jörg Schneider hatte zu diesem Zeitpunkt längst gehandelt: Der Wehrdienst als Grenzer war bereits ein Jahr zuvor sein persönliches "das war's" gewesen. In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober verteilte der Werkzeugmacher mit zwei Freunden 180 Flugblätter in seiner Heimatstadt, getippt auf seiner Robotron-Schreibmaschine. Zwar sammelten Volkspolizei und Stasi die Zettel an Telefonzellen, Kaufhallen, Kirchentüren und Bushaltestellen wieder ein - doch da war die Aufforderung einer fiktiven "Initiative zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft", sich inmitten der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung zu einer Demonstration auf dem Plauener Theaterplatz zu versammeln, bereits in der Welt: "Es geht um unsere Zukunft!" Wie viele Menschen würden den Mut aufbringen, dem zu folgen?

Der Zettel gilt heute ebenfalls als Zündfunke zur Wende: In der vogtländischen Stadt, die, keine 30 Kilometer vom bayerischen Hof entfernt, immer schon ein wenig anders tickte als der Rest der DDR, fand er seinen Zunder. Am 7. Oktober mischten sich auf dem Otto-Grotewohl-Platz im Stadtzentrum, von den meisten Plauenern hartnäckig wie vorm Krieg "Tunnel" genannt, die Besucher des offiziellen Jubiläums-Straßenfestes aus Musik, Wurst und Bastelstraßen mit potenziellen Demonstranten. Denn ironischerweise hatten alle staatlichen Organisationen und Betriebe noch auf Weisung der SED-Kreisleitung ebenfalls alle Mitglieder und Beschäftigten aufgefordert, in die Innenstadt zu gehen - der Feiertag sollte auf keinen Fall peinlich leer aussehen. Mut und Gehorsam waren da ebenso wenig zu unterscheiden wie die Menschen. Und kam nicht auch beides in vielen zusammen? Immerhin: Jene Mitglieder der SED (immerhin jeder siebente DDR-Bürger war in der Staatspartei), die im Land noch etwas zum Positiven bewegen wollten, hatten längst ebenfalls "mächtig Wut im Bauch", so Peter Seeburg, damals als Stadtrat für Kultur verantwortlich für die offizielle Feier: "Uns liefen die Menschen weg, aber keiner von der Parteiführung hat was gesagt!"

Eine unfassbare Menge - die Darstellungen schwanken zwischen 5000 und 30.000, als realistisch gelten heute 10.000 - war es schließlich, die gegen 15 Uhr trotz des passend miesen Wetters zu einem menschgewordenen Stimmungsbild der Zeit im Plauener Zentrum zusammenkam. Es war ein Tag, der auf der Kante balancierte: Was ging, wusste keiner - was nicht mehr, dafür jeder: Die Honecker-Rede, keinen Tag alt, hatte man ebenso im Ohr wie das Rattern der Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen, die in der Nacht vom 4. zum 5. Oktober von Dresden aus über Plauen nach Hof gefahren waren, das damals bereits Partnerstadt war. Die Friedensandacht in der Markuskirche vom 5. Oktober, die dem missglückten Versuch gefolgt war, in Plauen offiziell eine Gruppe des oppositionellen "Neuen Forums" zu gründen. In den aufkommenden Regen des 7. Oktober begann die Menge zu rufen: "Gorbi, Gorbi, Gorbi!" Angeblich, weil ein Kind damit angefangen hatte.

Der Tag begann, auf der Kante zu kippeln: Irgendwann bekamen in der Menge ein paar hilflos einzelne Stasi-Leute was auf die Mütze. Die überforderte Einsatzleitung im Rathaus schicke ein Spritzenauto von der benachbarten Feuerwache als Wasserwerfer in die Menge, das so ungeübt wie wahllos draufhielt. SED-Gegner wurden so nass wie Parteimitglieder. Eine Frontscheibe des roten W50 wurde eingeschmissen. Einsatzkräfte, mit bis dato in der DDR ungesehenen Knüppeln und Schilden ausgerüstet, schirmten das Rathaus ab. Da traf die Menge eine Entscheidung - sie wich der uniformierten Staatsmacht aus und formierte spontan einen Demonstrationszug, der einen Ring ums Zentrum abschritt, damit seine ganze Größe überhaupt erst zur Schau stellte und schon deshalb wieder vor dem Rathaus zusammenfloss, weil die Menschenmasse gar keinen anderen Platz gefunden hätte: Dort wurde erst einmal nur eins gefordert: Oberbürgermeister Norbert Martin sollte herauskommen - zur Diskussion. Ein tieffliegender Hubschrauber umkreiste die Szene: Gespenstisch, aber auch irgendwie surreal. Es war letztlich der damalige Superintendent Thomas Küttler, der einen Dialog zustande brachte zwischen der Staatsmacht im Rathaus und dem Volk auf der Straße. Mit dem Ruf "Wir kommen wieder" zogen die Plauener ab - vorerst.

Die Geschichte der ersten Massendemonstration, der die DDR-Staatsmacht nichts mehr entgegenzusetzen hatte, ist seitdem oft erzählt worden, aber selten zur Zufriedenheit der Plauener. Meist lag das an Leipzig: Die dortigen Wende-Demos produzierten zwei Tage später spektakuläre Fernsehbilder für den Westen - samt der berühmten "Wir-sind-das-Volk"-Rufe, die das Bild vom Herbst '89 lange allein prägen sollten. Die "Heldenstadt" bekam ein Zeitgeschichtliches Forum und gilt deutschlandweit als Ursprung der friedlichen Revolution, deren Demos nach dem dortigen Datum "Montagsdemos" heißen - Plauen dagegen musste lange damit zufrieden sein, als Punkt auf einer "Tagesschau"-Karte am Rande erwähnt zu werden. Viele Jahre rang die Stadt um eine Unterrichtungstafel an der Autobahn, die nun auf die erste Samstagsdemo am 7. Oktober 1989 hinweist.

2010 bekam die Stadt schließlich ein mit Spenden finanziertes Wende-Denkmal in Rathausnähe. Wie empfindlich der Vogtländer in dem Punkt sein kann, zeigt ein Vorschlag von Steffen Zenner, dem Plauener Bürgermeister für Kultur, Bildung, Soziales, Sport: Der CDU-Mann hat vorgeschlagen, das DDR-Auto, das am 7. Oktober 1989 als Wasserwerfer eingesetzt wurde, aus der Feuerwehrgarage zu holen und im Stadtzentrum in einem Glaspavillon auszustellen. Für Außenstehende mag das nach einer Mischung von ausgestopfter Jagdtrophäe und sowjetischem Panzerdenkmal klingen - in der Vogtlandstadt wird es durchaus erwogen.

Es sind solche gefühligen Details, die bis heute zählen. Deswegen spielen auch medial vermittelte Zeitzeugen-Geschichten eine herausragende Rolle bei der Reflexion der Wende mit Anekdoten und Erinnerungen, die den Mut immer wieder neu auflegen. Vor allem in einem immer wiederkehrenden "Was wäre gewesen, wenn". Hätte Honecker, der die DDR in seiner Rede nicht rettete, schießen lassen können? Stasi-Chef Erich Mielke? Generäle der Nationalen Volksarmee? Fest steht: Die Revolution blieb auf beiden Seiten so weitgehend friedlich, dass es in der Geschichte beispiellos ist. Doch von derlei Eventualitätsgrusel hat die Wende-Erinnerungskultur lang gelebt - auch in dem kürzlich auf Arte und im MDR gesendeten Dokudrama "Palast der Gespenster", welches die Ereignisse als Zusammenschnitt der letzten DDR-Geburtstagsfeier im Palast der Republik den Ereignissen in Plauen gegenüberstellt. Doch was davon zeigt die Wende wirklich?

Wissenschaftler, die sich um schlüssige Geschichtsschreibung bemühen, haben ein Sprichwort: "Der Hauptfeind des Historikers ist der Zeitzeuge." Das hat nicht einmal etwas damit zu tun, dass man den Schilderungen eines Einzelnen vielleicht nicht immer glauben kann, weil die Zeit Erinnerungen einfärbt oder weil niemand die eigene Rolle immer korrekt erzählt - es gibt immer selbstverliebte Über- wie bescheidene Untertreiber. Es sind vor allem die verzerrten Perspektiven: Natürlich ist das eigene Erleben für den Zeitzeugen unmittelbar relevant, ohne dass es dabei historisch beispielhaft sein muss. Wer Teil eines historischen Ereignisses war, will sich darin wiederfinden - näher kann man als einzelner Mensch spürbarer Relevanz kaum kommen. Daraus lässt sich privater Nektar saugen, man kostet immer wieder vom Mut, der der Sache wieder und wieder zugeschrieben wird. Das ist eine sehr gefühlige Sache, und das wird nicht besser, wenn die Zeit die Umstände zuspitzt, mystifiziert, zur Legende werden lässt. Die Frage, wie viel Mut letztlich wirklich nötig war, von wem und vor allem wo und wann, gerät dabei aus dem Fokus.

Vor allem in Plauen war die DDR Ende der 80er-Jahre wesentlich löchriger als anderswo im Land. Der Westen war hier gegenwärtiger, schon weil der Empfang bestens war: Fernsehtechniker stellten beim Einrichten der Geräte ganz selbstverständlich die ARD auf Kanal 1, ZDF auf 2 und Bayern auf 3. Dafür musste man nur einen Draht aus dem Fenster hängen. Für den Empfang von DDR 1 und 2 war zusätzliche Antennentechnik nötig. Durch die Grenznähe hatte fast jeder Westverwandtschaft - Schulkinder, die komplett mit Klamotten, Kassetten oder Spielsachen aus dem Osten klarkommen mussten, waren schnell Außenseiter. Daher hatte es Folgen, dass Westreisen Mitte der 80er seitens der DDR erleichtert wurden: Dass man plötzlich zu runden Geburtstagen von Verwandten zweiten Grades in die BRD durfte, führte im Vogtland dazu, dass aus enorm vielen Familien Vater, Mutter oder Tante lange vor dem Rentenalter immer mal "rüber" durften. Auch kulturell war die Stadt Ende der 80er weit offen: Die berüchtigte "60/40"-Regelung für Rockkonzerte oder Diskos lag in Plauen real bei rund null Prozent Ostmusik, rein englisch singende Bands erhielten ohne viel Federlesen eine Spielerlaubnis, und das Theater hatte in der Saison 1988/89 unter Intendant Peter Radestock mit offener Unterstützung von Kulturstadtrat Seeburg einen Spielplan hingetrickst, der Stücke enthielt wie Christoph Heins "Ritter der Tafelrunde", Michail Schatrows "Diktatur des Gewissens" oder "Die Richtstatt" von Tschingis Aitmatow, allesamt in der DDR quasi verboten.

Ein Versuch, die Ereignisse von damals unter einem geweiteten Blickwinkel zu ordnen, hat der Plauener Filmemacher Tino Peisker unternommen. Sein eben veröffentlichter Dokumentarstreifen "Aufbrüche" stellt eine sachliche, nicht künstlich emotionalisierte Darstellung der vogtländischen Wende wie der DDR-Verhältnisse neben eine Analyse der heutigen Lage in der Stadt, spannt den Bogen bis zu den aktuellen Aufmärschen der Nazipartei "Dritter Weg". Wo, fragt der Film, ist der Mut der Plauener geblieben? Wie hatte Bürgerrechtler Konrad Weiß im Februar 1990 gesagt? "Wir müssen wirklich aufarbeiten, was gewesen ist. Das ist uns nach dem Krieg nicht gelungen. Wenn uns das jetzt auch wieder nicht gelingt, dann kommt in 30 oder 40 Jahren dieselbe Scheiße wieder hoch."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 6 Bewertungen
10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    Malleo
    08.10.2019

    OlafF
    Danke, aber es gibt viele solcher Geschichten.
    Und es kommt nicht darauf an viel Glück zu haben sondern viel Zufriedenheit.
    Mein Lebensmotto war deshalb stets:
    "Wenig hervortreten, viel leisten, mehr sein als scheinen"
    von Schlieffen

  • 3
    0
    OlafF
    08.10.2019

    @Malleo: 10 Daumen, wenn ich hätte, für Ihre geschilderte Lebensleistung und Ihre Erfahrungen mit dem System. Für viele kommt die Anerkennung jedoch leider zu spät oder wurde nie geschätzt. Wie fühlte man sich als Ingenieur , wenn man an Technologien entwickelt und gebaut hat, die keiner mehr braucht, sei es durch Wegfall des Eisernen Vorhanges oder durch das Wegbrechen ganzer Industrien ?Abgewickelt, Vorruhestand oder Umschulung… Alle haben den Umstieg nicht geschafft. Diese Generation ist jetzt im Ruhestand, ihre Ratschläge verstummen in den lärmenden Räumen einer Welt, die dominiert ist von Romantik, Idealismus und Populismus. Kaum Raum noch Zeit um nach hinten zu schauen und eines Materialprüfers würdig zu sortieren, was tragfähig ist oder ersetzt werden muss. Also entweder weiter den Mund aufmachen oder abwarten was zusammenbricht.

  • 1
    0
    OlafF
    08.10.2019

    Wenn du ein gutes Werk und dem anderen wirklich wohl getan hast, warum bist du dann gar so töricht, ein Drittes zu begehren, nämlich den RUHM , ob solcher Tat oder irgend eine Vergeltung? (Marc Aurel)

    Ich glaube nicht, dass irgendjemand uns vorwerfen kann, wir könnten nicht mit Freiheit und Demokratie umgehen, weil wir es nicht gelernt hätten. Aber es ist auch kein besonderer Verdienst, am überall in der Welt gescheiterten Experiment „Sozialismus“ teilgenommen zu haben. Der Erfolg bei der friedlichen Revolution, lag bei vielen Einzelnen an der Basis. Schon im Vorfeld war klar, dass nur mit Weitsicht, Ruhe und Besonnenheit, Schritt für Schritt die Gefahr einer Eskalation vermieden werden konnte. Der Vorteil dabei war, dass Intellektuelle, Arbeiter, Selbstständige, ja selbst die meisten Staatsbediensteten wussten, dass der Staat am Ende war und es so nicht weitergehen konnte. Kaum Einer oder Eine hatten einen Plan, wie so etwas von statten gehen sollte. Man wohnte Tür an Tür und war es gewohnt zusammenzuhalten, warum sollte man dann für eine Sache kämpfen, welche längst verloren war? Die „bösen“ Mächte im kapitalistischen Ausland, die waren selbst überrascht und genauso unvorbereitet. Die Probleme unserer heutigen Gesellschaft, allein auf die Folgen der damaligen Ereignisse zu reduzieren, lenkt vom Thema ab, und den späten RUHM braucht keiner mehr.

  • 5
    0
    Malleo
    08.10.2019

    Es sind die persönlichen Erfahrungen und deren unbedingte Eingebundenheit in einen geschichtlich beispiellosen Vorgang, die mich bewegen, diesen Zeitraum einmal etwas ausführlicher zu reflektieren.
    Mit 39 stand man mitten im Leben und in der DDR sozialisiert.
    Bis heute setzen Familie, Arbeit, Reisen und Sport die Prioritäten- nicht zu vergessen das politische Engagement, heißt den Mund aufmachen.
    Die berufliche Entwicklung verlief unspektakulär- Gymnasium, Studium, wissenschaftliche Assistenz, Arbeitsaufnahme in der SDAG Wismut.
    Aufgrund der Ausbildung mit Schwerpunkt Werkstoffprüfung und Schadensdiagnostik lernte ich tiefste Schächte und Aufbereitungsanlagen dieses Industriegiganten kennen und die Überzeugung, dass es zum Betrieb all dieser Bergwerke viel Verstand, Kompetenz und einer „ruhigen Hand“ bedarf.
    Diese Zeit war spannend und unheimlich vielseitig.
    Der Umbruch des „gärigen Haufens DDR“ kündigte sich absehbar an, das Uran – immerhin 230.000 to für die Sowjets, brauchte man plötzlich auch nicht mehr.
    Ein ganzer Industriezweig war Geschichte.
    Als Teil der SDAG Wismut verblieb die Firma beim Bundeswirtschaftsministerium und wurde für Investoren herausgeputzt.
    Das Danach sollte aber noch viel spannender werden, denn viele neue Erfahrungen verändern bekanntlich auch überkommene Maßstäbe.
    Das Wort Wehleidigkeit, was vielen Mitteldeutschen immer wieder nachgesagt wird, ist in unserer Familie allerdings unbekannt.
    Wer aber 1989 so naiv war, dass er der Persil-Werbung ebenso viel glaubte, wie dem Versprechen nach blühenden Landschaften, wurde zweifelsfrei enttäuscht und fand sich, unabhängig von Bildung, Fleiß, Engagement oder all den Eigenschaften, die notwendig sind, um selbstbestimmt ein Leben für sich und die Familie zu gestalten, schnell in einer Umbildungsmaßnahme oder auf dem Arbeitsamt wieder.
    Es bedurfte viel Glück aber auch ein Stück weit jener benannten Eigenschaften und einer Firma, die sich mit dem Fachwissen der Mitarbeiter dem Markt erfolgreich stellte, um von der häufig wenig sozialen Marktwirtschaft gleichfalls zu partizipieren.
    Tief eingeprägt haben sich bei mir Situationen als in Stufen die Mitarbeiterzahl von ca. 1800 auf 600 reduziert wurde.(BAC Cainsdorf)
    Bis 1995(Privatisierung) konnte sich die Firma dank sehr guter Ausrüstung und kompetenter Facharbeiter mit einem breiten Produktspektrum am neuen Markt etablieren.
    Der Durchbruch gelang der „ehemaligen KMH“ (Hersteller des „Blauen Wunders“ in Dresden) 1995 mit der Lieferung des von Stararchitekt Calatrava entworfenen Mittelstückes der Oberbaumbrücke in Berlin.
    Der Berliner Senat kam mit Bus in die Firma, denn man konnte nicht glauben, dass in Sachsen dieses anspruchsvolle Bauwerk realisiert werden sollte.
    (Bei einer vergleichbaren Episode rutschte mir die Bemerkung heraus, dass man in Sachsen schon Autos baute als in einem benachbarten Bundesland Gummistiefel das bevorzugte Schuhwerk waren, weil die Landwirtschaft dominierte.)
    Als dann 1995 die Privatisierung folgte, war das erneut mit einer drastischen Mitarbeiterentlassung verbunden.
    Die Kompetenz jener Geschäftsführer stellte sich für das Marksegment als recht marginal dar, man führte bis dato „bessere Schlossereien“, die zweite Führungsebene ermöglichte aber ein wirtschaftliches Überleben von 10 Jahren.
    Seit 2005 realisiert die Firma an einem neuen Standort und Namen vorrangig anspruchsvolle Projekte der Verkehrsinfrastruktur für Schiene und Straße in Europa. (Stahlbrücken)
    An dieser Entwicklung durchgängig teilhaben zu dürfen, prägte mein Berufsleben nachhaltig.
    Viele, die nicht der Arbeit hinterherzogen und in ihrer Heimat blieben, durften sicher vergleichbare Erfahrungen machen sofern alle Mitarbeiter an den richtigen Stellschrauben drehten.
    Wieviel tausendfach gelang das aber nicht?
    Unabhängig davon haben all die Menschen mit teils gravierenden Brüchen im Leben, den unschätzbaren Vorteil, ob der Sozialisierung in zwei völlig verschiedenen Gesellschaftssystemen, sehr deutlich und sensibel (Fehl-)Entwicklungen erkennen zu können, die in keinem noch so hochkarätigen Seminar gelehrt werden.
    So kann jeder, der 1989 die Mauer in Berlin und am Eisernen Vorhang wegfegte, seine mehr oder weniger erfolgreiche Lebensgeschichte erzählen.
    Angesichts der epochalen Herausforderungen, denen sich dieses Land- nicht ganz unverschuldet- zu stellen hat, fahren die Menschen in Mitteldeutschland gerade heute ihr keineswegs durch Einheitsfeiern verschüttetes Sensorium aus, um zu sagen, wir wissen wie es geht, wenn von den sogenannten politischen Eliten die Realität verdrängt oder negiert wird.
    Deshalb ist es auch dringend geboten, dass man dieser Demokratie, die 1989 über die DDR und ihre Menschen gekommen ist, kritische Fragen stellen und Fehlentwicklungen benennen muss.
    Wenn das in Sachsen besonders ausgeprägt ist, nun, ihnen sagt man ja gern nach, dass sie sensibler, präziser und ingenieurmäßiger sind, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit und um die Einhaltung von Regeln geht.
    Da mich, wie erwähnt, auch der Uranerzbergbau in Sachsen geprägt hat, ist mir „ mente et melleo“ (Geist und Hammer oder „denke und schlage“) geläufig.
    In Abwandlung dessen wünsche ich mir von den Rechtsstaatverwaltern häufiger jenes- viel(!) denken und erst dann agieren!
    Sachsen und Bergbau gehören zusammen, begründen sich doch der Reichtum, die kulturelle Vielfalt(!) und die industrielle Entwicklung aus dieser Arbeit, eben -
    „Alles kommt vom Bergwerk her“

  • 10
    17
    Malleo
    07.10.2019

    distel
    Sprechen Sie immer im Plural, wenn Sie etwas von sich geben?
    Ich höre mir in einer Stunde ein interessantes Referat an und das im schönen Bad Schlema.
    Die FP berichtet sicher nicht davon, wird von der bösen WerteUnion organisiert!

  • 10
    18
    Distelblüte
    07.10.2019

    @malleo: Und ich dachte, Sie erfreuen uns erneut mit einem Adenauer-Zitat...

  • 15
    17
    Malleo
    07.10.2019

    distel ..
    Vertrauen Sie z.B. der Arbeit von IM Kahane und ihrer Stiftung!
    Das passt dann schon!!

  • 26
    3
    Echo1
    07.10.2019

    Was wollten wir DDR-Bürger zu dieser Zeit?
    Einige nur eine bessere DDR mit mehr Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und etwas mehr Freiheit ("Wir wollen doch nur mal sehen, wie der Westen ist. Wir kommen doch wieder"). Einige, aber nicht alle, wollten
    nur weg, in den Westen. Und dann wollten
    die Mehrheit schon die Einheit mit der
    D-Mark. Und wo stehen wir jetzt mit den errungenen Freiheiten weltweit?
    Eine ehrliche Analyse wäre wichtig.
    Bitte Vertreter des Neuen Forums, Bündnis 90, die wirklich Aktiven des Widerstandes
    äußert Euch. Wie ernst habt Ihr es gemeint
    mit Freiheit und Demokratie? Dieser Feiertrubel ist mir schon wieder zu viel Blendwerk.

  • 10
    4
    Nixnuzz
    07.10.2019

    Gute Idee!..aber haut den Wessies nicht alles auf einmal um die Ohren. Gibt den euch zugewandten Menschen die Chance, sich ihr Bild vom jetzigen "Neuen Deutschland" zu machen. Nennt man glaub ich Empathie... Manche haben ja auch eine eigene langfristige Historie, die schon mit Kriegsende auch für die beginnt..

  • 13
    11
    Distelblüte
    06.10.2019

    "Wir müssen wirklich aufarbeiten, was gewesen ist. Das ist uns nach dem Krieg nicht gelungen. Wenn uns das jetzt auch wieder nicht gelingt, dann kommt in 30 oder 40 Jahren dieselbe Scheiße wieder hoch."
    Vielleicht fangen wir jetzt mal damit an.



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