Zwei Drittel halten Wiedervereinigung für unvollendet

Hat sich die deutsche Wiedervereinigung zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt? 30 Jahre nach ihrem Vollzug gibt es dazu in Ost und West eine ziemlich klare Einschätzung. Und auch zu der Frage, ob die Einheit vollendet ist.

Berlin (dpa) - 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands halten knapp zwei Drittel der Deutschen das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht für abgeschlossen. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sagten 64 Prozent, dass dafür der Unterschied der Lebensverhältnisse noch zu groß sei. Nur 24 Prozent meinten dagegen, die Einheit sei vollendet. 12 Prozent machten keine Angaben.

In den Gebieten, die früher zur DDR gehörten, halten sogar 83 Prozent die Wiedervereinigung für unvollendet. In Westdeutschland sind es dagegen nur 59 Prozent. An diesem Samstag jährt sich die Vereinigung der westdeutschen Bundesrepublik Deutschland und der ostdeutschen Deutschen Demokratischen Republik zum 30. Mal.

60 Prozent halten die deutsche Einheit für eine Erfolgsgeschichte, fast jeder Dritte (29 Prozent) sieht das nicht so. Zwischen Ost und West gibt es hier kaum einen Unterschied. Im Westen würden 60 Prozent sagen, dass die Wiedervereinigung eher ein Erfolg war, im Osten sind es 61 Prozent.

Unter denjenigen, die zur Wendezeit noch nicht geboren waren, ist die positive Sicht auf die Einheit am weitesten verbreitet. Von den 18- bis 24-Jährigen sehen 65 Prozent die Einheit als Erfolgsgeschichte und nur 15 Prozent nicht.

Bei der Frage, wer am meisten von der Wiedervereinigung profitiert hat, gibt es wieder deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Von den Westdeutschen meinen 40 Prozent, die ehemaligen DDR-Bürger hätten am meisten profitiert und nur 7 Prozent sehen den Westen als Hauptgewinner der Wende. Umgekehrt sehen von den Ostdeutschen nur 13 Prozent die ehemaligen DDR-Bürger als Hauptprofiteure, dafür aber 30 Prozent die Westdeutschen.

66 Kommentare
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    Nixnuzz
    02.10.2020

    @censor: Alles das was nach : "Aber:" geschrieben steht finde ich Ok. 1 grüner. Es war zum einen die Masse an Fragen, die der runde Tisch und alles drumrum klären sollte/musste. Zum anderen war es die Vertrauensweise der Menschen hier, die solchen Missbrauch nicht gelernt und erwartet hatten. Kapitalistische Marktwirtschaft: Kosten-Nutzen-Rechnung. Ein weiterer Punkt war die "Umorientierung" des comecon mit dem physischen/praktischen Aufkündigen von Lieferverpflichtungen und deren Abrechnung. Wieviele West-Produkte schwemmten alte DDR-Stammprodukte vom Ostblock-Tisch? Wieviel DDR-Ost-Produktion wurde nicht absetzbar - aber Lohn oder Rechnungen liefen weiter. Bis zur Entlassung oder Schliessung. Der bisherige DDR-Arbeitsvertrag ohne Arbeitslosigkeit war geplatzt. Nur wenige Betriebsleiter oder ähnlich kannten das Westgeschäft und konnten Firma/Jobs erhalten. Verschuldet zwecks Firmen-Kauf bis über alle Verwandschaftsgrade. Ansonsten gen Westen, in den nächsten "Job" oder Arbeitsamt zwecks Unterstützung zum Leben. Oder Hilfe untereinander nach alter "VEB-Manier". ...Wieviel Zeit stand da zur Abwendung zum totalen Zusammenbruch des Gesamtsystems zur Verfügung? Hätten die Westbanken und Firmen das abfedern können für welchen politischen Verhandlungszeitraum? Sachwerte füttern keine Menschen. Aller Hände Arbeit schon. Aber auch nur wenn diese Handarbeit gebraucht wird. Nachfrage gegen Angebot. Massenproduktion West gegen Spezialitäten Ost? Marktgesetze gegen Produkt-Zuordnungs-Plan? Hätte, wenn, dann ...ist nicht. Es braucht Handel und Wandel um durch Arbeit zu Leben. In Summe: Bruttosozialprodukt aller erzeugter Leistung. Aufbau als auch Abriss. Ok - andere können das besser..

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    Lesemuffel
    01.10.2020

    Man darf es ruhig im Klartext sagen: Es war der stümperhafte Anschluß der ostdeutschen Bundesländer, die sich übrigens noch nicht gebildet hatten, weil man sich noch um Grenzen und den Sitz der jeweiligen Landesregierung gestritten hat. Alle Problembehaftungen der alten BRD wurden als das Nonplusultra in die erweiterte Republik übernommen. Bonn ist de facto mit 6 Ministerien weiterhin mitregierend. Homeoffice findet vielleicht in kostspieligen Flügen zwischen Berlin und Bonn auch die nächsten dreißig Jahre statt. Koste es, was es wolle.

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    censor
    01.10.2020

    klapa, genauso ist es. Und der Vermieter schreibt nunmal die Hausordnung.

    Aus westlicher Sicht kann man da natürlich wesentlich zufriedener sein.

  • 6
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    klapa
    01.10.2020

    Wenn 83% der Ostdeutschen die deutsche Einheit für unvollendet halten, darunter Hunderttausende, die die DDR nie erlebt haben, dann muss das doch seinen Grund haben.

    Liegt es an der Art und Weise, wie DDR-Geschichte isoliert 'aufgearbeitet' wurde, ohne die Wechselwirkung mit dem historischen Partner und Gegner in irgendeiner Weise miteinzubeziehen?

    Ost und West leben in einem vom Westen vollständig designierten gemeinsamen Haus, zu dem der Osten nichts als durch seinen Einzug, sprich von West und Ost unter Druck ausgehandelten Beitritt mitwirken konnte.

    Die Ostdeutschen scheinen hier immer noch Mieter, statt Miteigentümer zu sein.

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    Malleo
    01.10.2020

    Klar
    Die Menschen in Westen bekamen eine neue Postleitzahl.
    Das war's.

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    censor
    01.10.2020

    Wie bei jeder Sache gibt es Vor- und Nachteile. Die Frage bei der deutschen Einheit ist, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen oder umgekehrt.

    Jeder beantwortet diese Frage aus seiner eigenen, persönlichen Erfahrung heraus, was auch davon abhängt, welche Erwartungen man an die Einheit hatte.

    Wenn im Osten mehr als 3 von 4 Bürgern die Wende für unvollendet erachten, dann bedeutet das nicht anderes, dass in großem Maß Erwartungen nicht erfüllt wurden.

    Wenn dagegen im Westen nur 59% dieser Ansicht sind, dann waren die Erwartungen an die Einheit dort offenbar niedriger.

    Wesentlich ist auch, dass die Menschen im Osten zT tiefste Einschnitte in ihre Existenz, ihre Weltanschauung und ihr soziales Empfinden erleben mussten, während sich im Westen die Einheit weniger oder gar nicht gravierend auswirkte, wenn man vom Soli-Zuschlag auf die Einkommensteuer absieht.

    Für viele Westdeutsche ist der Osten noch heute "weit weg", während ein großer Teil der Ostdeutschen dort auf Arbeitssuche gehen musste.

    Auch herrschen offenbar immer noch ziemlich irrige Ansichten über die Frage, wer am meisten von der Einheit profitiert hat.

    Sicher, wir haben dank des "Gemeinschaftswerks Aufbau Ost" inzwischen eine moderne Infrastruktur, einen weitgehend modernisierten bzw neu gebauten Gebäudebestand - alles Dinge, die der Osten hätte ohne "Westgeld" nie finanzieren können.
    ABER:
    Von dem ehemals volkseigenen Grundvermögen, das immerhin mit über 600 Mrd. DM beziffert wurde, sind nach der Wende 85% an westdeutsche Neueigentümer gegangen, 10% an nichtdeutsche Erwerber und nur 5% an ostdeutsche Investoren.(mdr-Doku: Wem gehört der Osten?)

    Man sieht also: die Sahnestücke der ostdeutschen Mitgift in die dt. Einheit gingen an Westdeutsche, und das ist auch etwas, was zuweilen die Menschen hier "wurmt", denn vieles wurde für die "symbolische Mark" an Immobilienhaie verschleudert, während der Ostbewerber ein Finanzierungskonzept seiner Hausbank vorlegen sollte, was er natürlich mangels Eigenmitteln nicht konnte.

    Was ich demnach als am meisten aufarbeitungswürdig erachte, ist das Vorgehen der Treuhand - und damit gleichzeitig das Kapitel, bei dem es schier unmöglich ist, nachzubessern, denn "was weg ist, brummt nicht mehr."