Fotograf sammelt und erzählt Geschichten mit der Kamera

Eine Wanderschau im Rodewischer Rathaus arbeitet die Wendezeit in der DDR und den Ostblock-Staaten auf. Die Macher wählten für das Erstellen eine eher untypische Herangehensweise.

Rodewisch.

Knallhart, fast schon unbarmherzig meißelt der Fotograf Details heraus. Sein großformatiges Schwarzweiß zwingt geradezu zum Eintauchen und Nachdenken. Es sind Aufnahmen von Leipziger Montagsdemos, Studentenprotesten in Prag, tristen Häuserfassaden, abziehenden Panzern und flüchtenden Menschen. Von Trabant-Lawinen, Kerzen, Rechtsradikalen, Bürgerkriegsszenen und Soldaten beim Sonntagsspaziergang.

Eingefangen hat sie Mirko Krizanovic von 1989 bis 1993 in Ostdeutschland, Rumänien, Jugoslawien und der CSSR. Seit kurzem sind etwa 50 Werke mit Begleittexten im Rodewischer Rathaus zu sehen. "1989 - Zeitenwende: Osteuropa zwischen friedlicher Revolution und Gewalt" heißt die Wanderausstellung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Was in der einstigen DDR als friedliche Revolution begann und endete, lief wenige hundert Kilometer entfernt ganz anders ab. Selbst in der Tschechei habe es Verletzte gegeben und einen oder zwei Tote", sagte Roland Löffler, Direktor der Landeszentrale. Aus Rumänien und Jugoslawien habe Mirko Krizanovic Bilder von zaghafter Hoffnung, vor allem aber von Brutalität und Verzweiflung mitgebracht. "In Ostdeutschland ist dagegen kein einziger Schuss gefallen."

Bewusst entschied sich die Landeszentrale für eine eher unübliche Herangehensweise der Aufarbeitung jener "Zeitenwende". Denn deutsche Geschichte sei auch immer eine Geschichte in europäischen Bezügen, erklärte Roland Löffler. Auch die subjektive Note, die bildliche Erzählung eines einzelnen Fotojournalisten, macht einen anderen Zugang möglich. Krizanovic wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und wuchs in Westdeutschland auf. "Er ist ein Geschichtensammler", sagte Löffler.

Seit einem Jahr tourt die ausleihbare Wanderschau durch Sachsen. Ihren Einstand gab sie in der Prager Botschaft. "Es ist wichtig, dass sie nicht in Galerien und Sälen steht, sondern dort, wo die Menschen im Alltag hingehen", so Roland Löffler. Das können auch Schulen sein.

Zur Eröffnung schauten sich die Exposition über 20 geladene Gäste an. Beim Betrachten mancher Abbildungen stockte auch Silke Fischer der Atem. Anderes wirkte vertraut. "Ich war zu der Zeit 18", sagte die Sängerin aus Beerheide. "Jetzt würde ich mir wünschen, dass ich damals mehr aufgeschrieben hätte - und Fotos gemacht für später." Dann kamen persönliche Erinnerungen hoch: zuerst an den roten Lada ihres Vaters. "Hinten auf der Ablage hatten wir Schafwolle", erzählte Silke Fischer. "Und man konnte da drin vom Fußboden essen."

Service Die "Zeitenwende"-Ausstellung im Rodewischer Rathaus kann bis 6. November zu den Öffnungszeiten und nach telefonischer Absprache unter 03744 36810 besucht werden.

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