Historische Webstühle vor der Verschrottung bewahrt

Ihre Technik ist so robust, dass sie auch mit knapp 100 Jahren voll einsatzfähig sind. Genützt hat das nichts: Nur glückliche Umstände, das Internet und viel Einsatz retteten ein Stück Industriegeschichte vor dem Untergang.

Ellefeld.

Bis zuletzt liefen sie einwandfrei, die mechanischen Webstühle in einem Hintergebäude der Ellefelder Südstraße. An der Wand hängt noch der Kalender, der ihre letzte Arbeitswoche zeigt - er stammt vom Mai 1990. "Und wenn ich jetzt einschalten würde, könnte es sofort weitergehen", sagt Maria Schädlich (70) lächelnd.

Ihr Großvater Max Götz hatte die Maschinen 1924 für seine Weberei in Werda angeschafft, ihr Vater Werner Götz baute sie zu DDR-Zeiten auf seinem Ellefelder Grundstück auf. Dort webten sie zunächst für die PGH Raumtex, dann für die PGH Textilia, nach der Verstaatlichung in den 1970er-Jahren für den VEB Buntex. Insgesamt 20 Webstühle hätten damals auf dem Grundstück gestanden, berichten Maria Schädlich und ihr Mann Gerhard. Sie arbeitete hier bis zuletzt als Weberin, er war technischer Leiter bei Buntex in Oelsnitz, nachmittags reparierte er daheim in Ellefeld die Maschinen und hob die Ketten mit den Fäden in die Webstühle. "Die wogen 200 Kilo, das haben wir zu zweit gemacht", erinnert sich der 71-Jährige. Deswegen sei jetzt auch der Rücken kaputt.

Heute heben andere die schweren Maschinenteile: Ein Trupp von Helfern macht sich am Freitag daran, die verbliebenen fünf Webstühle zu demontieren und aus dem Hintergebäude zu schaffen. Sie gehören zur Interessensgemeinschaft (IG) Technische Zeitzeugen aus Greiz und zum Netzwerk Industrie-Kultur Ost, ehrenamtlich setzen sie sich für die Erhaltung der industriellen Erbes der Region ein.

Die Webstühle sollen zunächst alle in Greiz zwischengelagert werden, anschließend ist geplant, sie zwischen der IG, der Kulturweberei Zwickau und dem Industriemuseum in Chemnitz aufzuteilen. Das berichtet Sebastian Dämmler von Industrie-Kultur Ost. Dieses Netzwerk hat unter anderem schon die Robotron-Kantine in Dresden vor dem Abriss gerettet, macht sich stark für die Palla in Glauchau oder die alte Spinnmühle in Schlettau. Verteilt werden sollen die Webstühle vorwiegend nach der Herkunft: Viele stammen von der Firma Plarre aus Greiz, dort sollen die meisten auch wieder hin. Olaf Schreiber aus Zeulenroda ist Vize-Chef der IG und von Beruf Orgelbauer. Er hat sich intensiv mit dem Unternehmen Plarre befasst, das 1874 gegründet wurde und innerhalb von 50 Jahren 30.000 Webstühle produzierte, bis es offenbar in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 unterging. Man wolle in Vereinsräumen die Webstühle in Aktion vorstellen, sagt Schreiber, der auch privat einige dieser Maschinen sein Eigen nennt.

Dass sechs Webstühle - einer wurde bereits eher abgeholt - überhaupt überlebt haben, ist der Lage des Hintergebäudes und dem Internet zu verdanken. Denn 14 der Maschinen hat Gerhard Schädlich mangels Alternative seit 1990 bereits nach und nach verschrottet - weil sie in leichter anzufahrenden Gebäudeteilen standen. Doch das Hintergebäude ist per Transporter schlecht zu erreichen, wie sich auch am Freitag wieder zeigte: Es brauchte einige Anläufe, bis das Fahrzeug die Steigung und die nasse Wiese meisterte. Außerdem kam Patensohn David Böttiger auf die Idee, in sozialen Netzwerken auf die Webstühle hinzuweisen, so entstand der Kontakt zu den Rettern.

Für Maria Schädlich endete mit dem Aus des VEB zugleich die schönste Zeit ihres Berufslebens - danach sei nicht mehr viel gekommen, sagt sie. "Das Weben hat viel Spaß gemacht. Ich würde das sofort wieder machen."

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