Hospiz: Kuratorium äußert sich zum Suizid einer Mitarbeiterin

Wer ist verantwortlich für den Tod einer Pflegekraft der Einrichtung? Das vom Betreiber eingesetzte Fachgremium verweist auf Defizite in der Führung.

Falkenstein/Auerbach.

Das Hospiz Vogtland wird im Mai 2017 unter großen Erwartungen eröffnet, ein Jahr später steht der Betreiber, die Diakonie Auerbach, vor einem Scherbenhaufen: Eine Pflegekraft nimmt sich am 4. Mai 2018 das Leben. In drei Abschiedsbriefen, die der Redaktion vorliegen, erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die führenden Diakonieköpfe; sie seien schuld, sagen auch zwei Ex-Mitarbeiterinnen - fast ein Jahr später, in dem sie "keine Ruhe gefunden haben", wie Bärbel Ehrhardt diese Woche in einem Brief an die Redaktion schreibt. Nachdem "Freie Presse" am 14. März über den Suizid berichtete, hat sich am Donnerstag das Kuratorium des Hospizes schriftlich zu den Vorfällen in der Einrichtung geäußert.

Das Gremium räumt darin "Defizite in der personellen Führung des Hospizes in der Aufbauphase" ein und betont, dass dies vom Vorstand der Diakonie erkannt und behoben worden sei und dass diese Zustände mit der aktuellen Situation nichts mehr gemein hätten. "Mit der Berufung einer neuen Hospiz- und Pflegedienstleitung wurde daraufhin eine Neuausrichtung in der Philosophie und Mitarbeiterführung vorgenommen", heißt es weiter.

Torsten Kleditzsch

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Unterm Strich bedeutet die Erklärung, dass die ursprüngliche Hospizleiterin, Claudia Rücker, und die erste Pflegedienstleiterin indirekt verantwortlich gemacht werden. Das wirft chronologische Fragen auf. Denn wie die Ex-Mitarbeiterinnen Janine Böttcher aus Theuma und Bärbel Ehrhardt aus Jößnitz berichten, sei der ersten Pflegedienstleiterin bereits Ende 2017 gekündigt worden. Und Rücker war seit März 2018 beurlaubt, was Diakonie-Vorstand Sven Delitsch gegenüber "Freie Presse" im Juli 2018 bestätigt hatte, als es um den Chefwechsel im Hospiz nach Querelen ging.

Delitsch hatte vor Wochenfrist eingeräumt, dass es innerhalb des Teams Differenzen um das Wie der Hospizarbeit gegeben habe, was auch zum Zerwürfnis mit dem Initiator und Hauseigentümer, Robert Herold, führte. Herold darf das Hospiz nur noch nach Anmeldung betreten. Delitsch nannte "Abgrenzungsprobleme" als Grund, Herold verzichtet mit "Blick auf die Gäste" auf einen Kommentar.

Als das Hospiz 2017 eröffnete, hieß es: Wer ins Hospiz kommt, sei austherapiert und benötige vor allem Zuwendung auf dem letzten Weg. Leben bis zum Schluss - daran spaltete sich das Team. Nebst Leiterin war der Betrieb mit fünf Pflegekräften, einer Köchin und drei Hauswirtschaftern gestartet. Inzwischen zähle das Team 31 Köpfe, und es habe sich gefunden, betont Delitsch.

Recherchen ergaben, dass im Sommer 2018 neun ursprüngliche Mitarbeiter nicht mehr im Hospiz arbeiteten. Der stellvertretende Pflegedienstleiter sei Anfang 2018 wegen Differenzen mit der Diakonie gegangen, so Böttcher und Ehrhardt. Ihrer toten Kollegin habe vor allem die Beurlaubung von Rücker, Mobbing und schließlich eine "schlimme Teamsitzung" zwei Tage vor ihrem Suizid zugesetzt. Die Ex-Mitarbeiterinnen werfen der Diakonie "Führungsversagen" vor.

Die Diakonie-Vorstände Sven Delitsch und Alexander Flachsbart erwidern, dass "eine kleine Gruppe" andere Teammitglieder gemobbt habe und deshalb in andere Einrichtungen der Diakonie versetzt wurde. Zudem hätten dieselben das alleinige Wissen über die Hospizarbeit beansprucht. Zum Suizid äußern sich die Diakonie-Vorstände aus "Pietätsgründen" nicht. Dieser habe zudem im privaten Umfeld stattgefunden.

Die "kleine Gruppe" umfasst laut Janine Böttcher und Bärbel Ehrhardt vier Pflegerinnen, darunter sie selbst, und eine Hauswirtschafterin. Die beiden sprechen von "Zwangsversetzung", weil sie eine Aufarbeitung der Geschehnisse gefordert hatten. Inzwischen arbeitet keine der Frauen mehr bei der Diakonie.

Die Abschiedsbriefe der toten Kollegin richteten sich auch an Janine Böttcher und Christian Wilke, den Nachfolger von Rücker. Dort wird unter anderem die Vernachlässigung von Patienten angeprangert und gebeten, dass diese Informationen an die Presse gelangen.

Das Kuratorium erklärt, im August 2018 von der Diakonie über die Vorfälle informiert worden zu sein, kritisiert jedoch den Gang an die Öffentlichkeit. Die Kritik sei verständlich, in ihrer Form aber zurückzuweisen, heißt es. Vogtlandweit vertreten sind in dem beratenden Fachgremium Palliativmediziner, Kirchen, ambulante Palliativversorgung, Hospizvereine, Caritas, Stadtmission und Diakonie. Namentlich beispielsweise Delitsch, Flachsbart und Herold.

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