Tauziehen um Tafel-Text: Linke fürchtet Aufwertung von Nazi-OB

Auf der Tafel vor dem Rathaus, die an die Übergabe Reichenbachs an die Amerikaner erinnert, soll der damalige Oberbürgermeister erstmals namentlich genannt werden. Die Textabstimmung zieht sich.

Reichenbach.

Rolf Schneider, der als Gefangener im sowjetischen Speziallager Mühlberg mit dem dort ebenso inhaftierten Reichenbacher Ex-OB Otto Schreiber kurz vor dessen Tod 1946 gesprochen hat, platzt bald der Kragen. "Ich verstehe das Tauziehen um diesen Mann nicht. Ich will wissen, warum das immer wieder verzögert wird, ich lasse nicht locker", poltert der bald 91-jährige Reichenbacher los und meint damit die im Sommer vergangenen Jahres auf seine Initiative hin angeschobene Neufassung des Textes auf der Gedenktafel vor dem Rathaus.

Auf der Tafel erinnert die Stadt seit 2010 an die kampflose Übergabe Reichenbachs 1945 durch eben jenen OB an die Amerikaner. Auf der Tafel heißt es aber lediglich: Dank der "Zivilcourage mutiger Reichenbacher" seien "weitere Fliegerangriffe" verhindert und "das Leben vieler Menschen" gerettet worden. Die Namen Otto Schreibers, des Polizeileutnants Walter Schreiner und des Feuerwehrunterführers Hermann Thoss fehlen - beide hatten Schreiber zur Übergabe vor die Stadtgrenze nach Greiz hin begleitet.

Rolf Schneider hatte diese Formulierung noch nie geschmeckt. Im Vorjahr setzte er sich bei OB Raphael Kürzinger (CDU) für die Nennung Schreibers mit dem Argument ein, nicht namenlose mutige Bürger hätten eine Stadt übergeben können. "Nur ein Offizier oder der Oberbürgermeister haben das gekonnt." In einem Offenen Brief an den OB schrieb der 90-Jährige, Schreiber habe unter Einsatz seines Lebens im entscheidenden Moment das Richtige getan. An dieser Wahrheit komme keiner vorbei. Rolf Schneider: "Wer aber argumentiert, dass Schreiber Nazi gewesen ist, der hat auch recht. Dann muss eine Formulierung her, die beiden historischen Tatsachen Rechnung trägt."

Dies scheint schwierig, da die Stadtrats-Linke im Gegensatz zum Textvorschlag der Stadt beharrt, die Nazi-Vergangenheit Schreibers zu benennen. Mehrfach wurde bereits ein die Namen nennender, mit dem Stadtarchiv formulierter und bisher nicht öffentlich bekannter Text im Ältestenrat im Hinblick auf die Abstimmung in anderen Gremien vorberaten. In der Vorwoche erneut ohne Erfolg im Ältestenrat - zu einer für den gestrigen Montag geplanten Befassung des Verwaltungsausschusses kam es erst gar nicht. Wie OB Kürzinger sagt, solle den Stadtratsfraktionen "noch einmal Zeit" gegeben werden. In der März-Sitzung des Stadtrats soll es jedoch eine Beschlussfassung geben. "Der Stadt geht es nicht darum, jemand zu glorifizieren. Uns geht es um die Tatsache. Es soll eine Informations-, keine Gedenktafel sein", sagt der OB. Es sei schwierig, Schreibers Vergangenheit in diesem Zusammenhang angemessen zu benennen.

Nach Auffassung der Fraktion von Linke und SPD sei dies auch gar nicht nötig. "Der alte Text hat völlig gereicht", sagt Fraktionschef und Ältestenrat Henry Ruß. "Soll der Name aber genannt werden, muss rein, dass er ein Nazi-Bürgermeister und Überzeugungstäter war. Andernfalls würde er in einer Weise aufgewertet, die wir nicht mittragen. Darüber herrscht in der Fraktion Einigkeit." Dies bestätigt SPD-Stadtrat Oliver Großpietzsch. "Nur ein Beispiel: Schreiber hatte Reichenbachs erstes KZ quasi vor der Haustür und hat nichts dagegen unternommen. Er hätte ja auch zurücktreten können."


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