Wald soll bis heute Massengräber bergen

Die Enkelin lässt nicht locker bei der Suche nach ihrem 1945 hingerichteten Großvater. Jetzt bekommt sie dabei Unterstützung von Experten.

Auerbach/Mylau.

Zielsicher führt Heike Kramer (46) die kleine Gruppe zu einer kleinen Mulde zwischen Fichten, nur einen Steinwurf entfernt von der Schallerbachstraße zwischen den Auerbacher Ortsteilen Brunn und Beerheide: "Hier wurden die fünf oder sechs Toten vergraben, so hat es der Waldarbeiter dem Revierförster berichtet."

Besagter Waldarbeiter ist schon verstorben, zum Zeitpunkt seiner Beobachtung 1946 war er 17. Mit einem Lkw sollen Angehörige der damaligen sowjetischen Besatzungsmacht mehrfach Leichen, mutmaßlich deutsche Zivilisten, in das Waldgebiet gebracht haben. Der Augenzeuge sei "weggejagt" worden und habe sich auf der anderen Straßenseite im Unterholz versteckt, so gibt Heike Kramer die Angaben des Waldarbeiters wieder, die sie wiederum über den Förster erfahren hat. Die Frau aus Mylau sucht seit Langem nach ihrem Großvater Paul Petzold (geboren 1895), der als vermeintlicher Kriegsverbrecher im September 1945 von Sowjets hingerichtet und anschließend einige Kilometer von Auerbach entfernt verscharrt wurde. 2002 stellte ein russisches Gericht fest, dass Petzold zu Unrecht verurteilt worden war. Seine Leiche bleibt verschwunden. Liegt sie vielleicht an der Schallerbachstraße? Gleich nebenan, nur wenige Meter entfernt, sollen im Sommer 1946 sieben angebliche SS-Opfer exhumiert worden sein, Heike Kramer kennt auch diese Stelle. Waren sie in Wahrheit Opfer der Sowjets? Nach wie vor ist diese Frage völlig offen. Das Waldgebiet birgt etliche Geheimnisse.

Zum vermeintlichen Massengrab mitgekommen ist Stefan Nowack (51), der Geschäftsführer des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa. "Ein einzelner Zeitzeuge - das ist so eine Sache", sagt er zurückhaltend. "Natur verändert sich ständig. Es kann dieses Loch gewesen sein, vielleicht auch das daneben." Die Fichten, die jetzt hier stehen, sind nach Schätzung von Jens-Herbert Weck vom Sachsenforst, der ebenfalls vor Ort ist, 30 bis 40 Jahre alt. Der Wald sah 1946 also völlig anders aus. Dennoch: Nowack sagt seine Unterstützung zu, er will mit einem Team an der Schallerbachstraße Probegrabungen vornehmen, sobald alle Genehmigungen eingeholt worden sind. Darum will sich Heike Kramer kümmern. Der Mann vom Sachsenforst versichert, man sei als Eigentümer sehr interessiert an der Aufklärung des Falls. Wenn alle Papiere vorliegen, sei das Ganze mit drei, vier Leuten "recht schnell bearbeitet", meint Nowack. Sein Verein sucht seit 1992 nach Kriegstoten, zunächst vor allem in Russland, inzwischen eher im nördlichen Polen, in Brandenburg oder im Saarland. Etwa 7700 Leichen habe man inzwischen exhumiert, sagt Nowack: "3300 Deutsche, 4400 Tote anderer Nationen, vor allem natürlich Russen." Der Verein arbeitet ehrenamtlich und unentgeltlich, eigentlich geht es um gefallene Soldaten. Doch Nowack ist beeindruckt von Heike Kramers Engagement: "Es ist immer schön, wenn sich jemand so einsetzt." Deshalb verdiene sie Hilfe. Zudem sei es ein spannender Fall. Warum buddelt er in seiner Freizeit nach den Knochen toter Soldaten? "Das macht man einfach", meint Nowack. Und es habe wohl auch damit zu tun, dass seine eigenen beiden Großväter bis heute vermisst seien: "Viele Enkel fangen an, sich für das Thema zu interessieren."

Heike Kramer will eine weitere Spur verfolgen: Die der erwähnten sieben angeblichen SS-Opfer. Denn einer der Toten war laut damaliger Beschreibung etwa so alt wie ihr Opa und trug ein Gebiss wie dieser. Das lässt ihr keine Ruhe. Begraben wurden die exhumierten Leichen anschließend in Beerheide. Wo genau, ist unklar. Heike Kramer will nicht locker lassen, bis sie alles weiß.

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