Der Krieg im Oberland: Als Bomben auf Klingenthal fielen

Eine Woche nach den Ereignissen in Plauen wurden auch die Aschbergstadt und ihre Umgebung Ziel von Bombenangriffen. Die Augenzeugenberichte fallen jedoch sehr unterschiedlich aus.

Klingenthal / Schöneck.

Am 18. April 1945, kurz nach 17.30 Uhr, erlebte Klingenthal als letzte Stadt im oberen Vogtland einen Luftangriff, wahrscheinlich geflogen von US-Amerikanern. Getroffen wurden nach Angaben des Historikers Kurt Kauert und des späteren Stadtbaumeisters Paul Leonhardt Firmengebäude an der Markneukirchner Straße - F. A. Rauner, C. F. Reichelt und Präwak. Schäden entstanden auch an Wohngebäuden im Bereich der Markneukirchner und der Zwotaer Straße sowie in der Oberen und Unteren Döhlerwaldstraße, An der Huth und der Gartenstraße.

Der Angriff forderte zehn Tote. Dass es nicht mehr Opfer gab, war dem Umstand zu verdanken, dass der Werkleiter der Firma Rauner gegen Mittag die letzten Beschäftigten nach Hause geschickt hatte. Auf dem Werksgelände befanden sich deshalb hauptsächlich Militärs.

Unter den zehn Toten in Klingenthal waren mit Kurt Metz (29 Jahre) aus Brunndöbra und Carl Meisel (53) aus Sachsenberg-Georgenthal nur zwei Einheimische. Meisels jüngerer Bruder Alfred, ein Eisenbahner, hatte sich zwei Tage zuvor beim Luftangriff auf Zwotental noch rechtzeitig im Keller des dortigen Bahnhofs in Sicherheit bringen können. Der 33 Jahre alte Schlosser Georg Amlang stammte aus der Gegend von Gleiwitz, der Kupferschweißer Erich Steinke (20) aus Lettland. Unteroffizier Michel Conrad (29) war Elsässer. Weijs Tochtarow (20) kam von der Krim, er gehörte als sogenannter Hilfswilliger der exilrussischen Wlassow-Armee an. Beim Stabsgefreiten Alois Frim (31) sowie dem Obergefreiten Fritz Zicker (21) waren keine Heimatorte zu ermitteln, beim Gefreiten Johann Blasi konnten weder Alter noch Wohnort in Erfahrung gebracht werden. Bei Aufräumarbeiten am 4. Mai wurde in den Trümmern noch die Leiche des 18-jährigen Soldaten Franz Reiter aus Ulm gefunden.

Berichte von Augenzeugen zum Geschehen in den Apriltagen in Klingenthal und Umgebung fallen sehr unterschiedlich aus. Bereits am 15. April hatten US-amerikanische Flugzeuge die Bahnhöfe in der tschechischen Nachbarstadt Graslitz/Kraslice angegriffen. Ziel sollte wahrscheinlich ein Transport mit ungarischen Soldaten sein, getroffen wurden aber Waggons mit KZ-Häftlingen. Es gab 23 Tote. Dem späteren tschechischen Schriftsteller Arnost Lustig (1926-2011) gelang bei dem Angriff die Flucht aus dem Zug. Luftangriffe gab es am 15. und 16. April auch auf die Bahnhöfe Schöneck, Zwotental und Klingenthal. Der inzwischen verstorbene Musiker Herbert Gerbeth versah in den letzten Kriegstagen als Schüler Luftschutzwarndienst auf der Richard-Wagner-Höhe. Er war der Meinung, dass bei dem Angriff ein deutsches Jagdflugzeug eine Maschine vom Typ Bristol Blenheim abgeschossen hätte. Nach anderen Augenzeugenberichten sollen zwei Flugzeuge den Klingenthaler Bahnhof beschossen haben, wobei eines von einer Fliegerabwehrkanone getroffen wurde, die auf einem Eisenbahnwaggon montiert war.

Ein Flugzeug stürzte am 16. April im Schönecker Ortsteil Kottenheide ab. Der Zwotaer Ulrich Ebert ist sich sicher, dass es eine deutsche Focke-Wulf 190 war. "Wir wohnten damals in der Schule in Zwota-Zechenbach. Als sich die Nachricht vom Absturz verbreitete, sind wir natürlich auch nach Kottenheide. Ich stand auf der Maschine. Der Motor hatte sich etwa einen Meter tief in die Wiese gebohrt. Zur Kabine mit dem Piloten haben uns aber die Erwachsenen nicht gelassen - das sei nichts für uns, hieß es", erinnerte er sich.

Der Zwotaer Manfred Glaßl hatte beobachtet, wie die Maschine aus Klingenthal kam und über Zwota hinweg talaufwärts flog: "Dahinter war ein Flugzeug, das hat aus allen Rohren auf die Maschine geschossen. Die leeren Geschosshülsen sind haufenweise auf die Straße geprasselt. Der Motor der getroffenen Maschine hat über Zwota bereits gequalmt."

Am 17. April, also einen Tag vor dem Angriff auf Klingenthal, hatten US-Amerikaner das knapp 30 Kilometer von Klingenthal entfernte Falkenau/Sokolov bombardiert. Dabei war der historische Stadtteil "Butterscheibe" fast völlig zerstört worden. Der Angriff forderte nach Angaben tschechischer Historiker etwa 80 Todesopfer. Zum Beräumen der Trümmer wurden auch sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt. Zwei von ihnen entdeckten in den Ruinen Lebensmittelreste und aßen sie. Sie wurden zur Abschreckung am Marktplatz aufgehängt. Daran erinnerte später eine Tafel.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.