Der Wächter über die Schulbusse

Ein Vater aus Falkenstein wälzt seit Monaten Fahrpläne für Schulbusse. Warum er das macht, erklärt er "Freie Presse" bei einem Hausbesuch.

Dorfstadt.

Viel Zeit bleibt Jens Uhlmann nicht. Auf dem Familienkalender, der an der Küchenwand im Haus in Dorfstadt hängt, ist die Spalte des 52-Jährigen bis auf wenige Lücken ausgefüllt. Oft wird es Freitagabend, bis er die Füße in seine Pantoffeln steckt und mit seiner Familie beim Abendessen die Woche auswertet. Irgendwo ist immer eine Sitzung, zu der der Elektroingenieur nach seiner Arbeit in der Falkensteiner Erfal hin muss. Seine drei Kinder haben da mehr Luft. Doch für die macht er das ja auch, sagt Uhlmann. "Kinder haben keine Lobby. Bis sie die nötigen Kontakte aufgebaut haben, dass sie auch Gehör finden, sind sie aus der Schule raus."

Jens Uhlmann ist Mitglied im Vorstand des Kreiselternrats. Als Schulelternsprecher für die Falkensteiner Trützschler-Oberschule ist er entsandt. Uhlmann arbeitet ehrenamtlich aber auch als Stadtteilbeiratsvorsitzender für Dorfstadt und sitzt seit drei Legislaturperioden für die Linke im Stadtrat von Falkenstein. Als zur Jahrtausendwende die Abwasserentsorgung seines Straßenzugs aufs Tableau kam, spülte es den Familienvater in die Kommunalpolitik. "Ich mag es nicht, wenn man meckert, dann aber nichts tut, dass sich auch etwas ändert", sagt er. Es ist ein Grund, warum er sich im Kreiselternrat engagiert. In der Arbeitsgruppe zur Neuordnung des Schulbusverkehrs im Vogtland bekam er den Hut auf. Inzwischen steckt Uhlmann so tief drin, dass er die Busnummer mit Taktung und Umstiegen ausspuckt, wenn man ihm nur zwei Ortschaften nennt. Die Stunden, die er im Gesamtverzeichnis aller Linien vertieft war, lassen sich in Tagen ausdrücken. Zuletzt brachte Jens Uhlmann den Feiertag zum 3. Oktober samt Brückentag und Wochenende damit zu, die finalen 38 Änderungen vor dem Start des neuen Schulbussystems zu prüfen und für die Eltern im Internet aufzubereiten. Dank hört er kaum. Darauf warte er aber auch nicht, sagt er. "Ich freue mich, wenn die E-Mails weniger werden. Das werte ich als Zeichen, dass die meisten Verbindungen jetzt funktionieren."

Die unendliche Geschichte mit den Schulbussen begann für ihn nicht erst mit der Ankündigung des neuen Vogtlandnetzes. Die Probleme nahmen ihren Lauf, als sein Großer nach dem Oberschulabschluss in Falkenstein für eine Elektroniker-Ausbildung ans Berufliche Schulzentrum e.o. plauen wechselte. Die Hiobs-Botschaft folgte, als die Betriebstechniker wegen fehlender Klassenstärke in Plauen nach Chemnitz mussten. Die Erlösung kam mit dem Führerschein. Heute steht der 20-Jährige kurz vor dem Abschluss. Weiterstudieren will er in Zwickau. "Da habe ich kürzerer Wege", sagt er.

Jens Uhlmann versteht beim Thema Busse und öffentlicher Nahverkehr schon lange keinen Spaß mehr. Es ist ihm nicht nach Lachen zumute, wenn seine 17-jährige Tochter erzählt, dass sie und ihre Mitschüler an manchen Tagen im Bus zum Gymnasium nach Auerbach so eng gedrängt stehen, dass kaum eine Brotbüchse dazwischen passt. Was passieren würde, müsste der Busfahrer bremsen, daran mag der Vater nicht denken. 40 Minuten ist die Schülerin mit dem Bus unterwegs. Für eine Strecke, die Uhlmann mit dem Auto in acht Minuten fährt. Die Tochter träumt vom Führerschein, wenn sie von Falkenstein nach Hause läuft, weil sie auf den Anschluss nach Dorfstadt fast eine halbe Stunde warten muss. Dabei gehört sie schon zu den gut angebundenen. Bald ist sie endlich weg vom Bus, sagt sie.

Für Jens Uhlmann geht diese Rechnung nicht auf. "Wenn man junge Leute für den öffentlichen Nahverkehr gewinnen will, sollte man den Schülerverkehr so attraktiv gestalten, dass sie nicht mit dem Führerschein direkt abspringen." Es ist sein Anspruch, der Uhlmann antreibt: Schulwege sollten sicher sein, zeitlich überschaubar, zumutbar. "Wer bei den neuen Umstiegen die Aufsichtspflicht hat, ist noch immer ein Streitpunkt mit dem Verkehrsverbund", sagt Uhlmann.

Andere Wogen konnten geglättet werden. Auch, weil der Kreiselternrat nicht locker ließ. Über die Internetseite des Gremiums, die Uhlmann pflegt, machte er für Eltern früh öffentlich, wo Verbindungen künftig haken - aber auch, wo sich nach Absprachen mit dem Team des Verkehrsverbundes was bewegt. Es gab Zeiten, da machten sich der für seine Hartnäckigkeit bekannte Dorfstädter bei den Verantwortlichen nicht unbedingt beliebt. Das Thema gipfelte in einer Aussprache, an der sogar Landtagsabgeordnete teilnahmen. Am Ende konnten 50 Änderungen vor dem Start erarbeitet werden, finale Drehs nach den ersten Tagen. Die Bereitschaft, sich zu korrigieren, rechnet Uhlmann den Bus-Verantwortlichen heute hoch an. "Sie haben dann wirklich gut mitgezogen", sagt er.

Uhlmann will weiter machen. Auf Ebene der Elterngremien mindestens so lange, bis auch sein 14-jähriger Sohn einen Abschluss in der Tasche hat - oder zumindest einen Führerschein.

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