Die Grenzschließung und ihre Folgen

Mit dem heutigen Samstag treten die Einschränkungen für Fahrten von und nach Tschechien in Kraft. Für viele tschechische Mitarbeiter und ihre vogtländischen Arbeitgeber eine schwierige Situation.

Oelsnitz/Klingenthal.

Schnell noch einmal billig tanken und Zigaretten kaufen: Das war für nicht wenige Vogtländer der erste Reflex, nachdem die Grenzschließung der tschechischen Behörden am Donnerstag bekannt wurde. Wie aufgefädelt fuhren die Autos etwa in Klingenthal, Wernitzgrün und Ebmath über die Grenze. Zeitweise bildeten sich Schlangen an den Tankstellen. Zigarettenstangen rollten manche dabei in ganzen Einkaufswagenladungen aus den Märkten, wie man am Freitag im Einkaufszentrum hinter Ebmath beobachten konnte.

Viele Menschen haben jedoch echte Sorgen in der Corona-Krise, die spätestens seit Mitte der Woche im Vogtland angekommen ist. Neben der Absage von fast allen Veranstaltungen an diesem Wochenende fragen sich vor allem obervogtländische Betriebe und ihre tschechischen Mitarbeiter, wie es weiter- gehen soll. Denn der kurze Weg zwischen Klingenthal und Kraslice/ Graslitz ist gesperrt. Für Pendler ist lediglich der Grenzübergang Schönberg offen, sofern sie eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers vorlegen können. Die entsprechenden Vordrucke gibt es über die Bundespolizeiinspektion in Klingenthal. Nach Zahlen der Agentur für Arbeit aus dem Herbst beschäftigen vogtländische Unternehmen 1700 tschechische Mitarbeiter.

Viele Unternehmen schneidern jetzt individuelle Lösungen. "Wir haben den tschechischen Mitarbeitern erst einmal bis Mittwoch Urlaub gegeben. Dann sehen wir weiter. Mehr kann man derzeit nicht sagen", meint André Karbstein, Geschäftsführer des Klingenthaler Unternehmens KMW. Beim Markneukirchner Blasinstrumentenhersteller Buffet Crampon Deutschland wurde intern ein Betrag als Anreiz für tschechische Mitarbeiter ausgelobt, dass diese weitere Wege zur Arbeit auf sich nehmen, erklärte Jochen Keilwerth von der Geschäftsleitung. Zudem erhielten alle tschechischen Beschäftigten das Angebot, in eine Vier-Tage-Woche zu wechseln. Auswirkungen auf die Produktion der beiden Werke in Markneukirchen haben die Einreisebestimmungen in der Coronakrise derzeit noch nicht. Betroffen ist auch die Hotel und Gaststättenbranche. 25 tschechische Mitarbeiter beschäftigt etwa das Hotel König Albert in Bad Elster. "Alle wurden zu einem Arzt geschickt und für gesund erklärt", sagt Hoteldirektor Mark Cantauw. Seinen tschechischen Mitarbeitern hat er eine Arbeitsbescheinigung ausgestellt. Über den Grenzübergang Schönberg können sie damit zwischen 5 und 23 Uhr den Weg von zu Hause zum Arbeitsplatz und zurück antreten. Hier müssten auch die vier tschechischen Busfahrer die Grenze passieren, die bei Herolds Reisen in Klingenthal beschäftigt sind. Geschäftsführerin Judith Metschnabel wusste am Freitagvormittag nicht, ob sie dieses Personal am Montag einsetzen kann.

Zusammengewachsen ist das Grenzgebiet aber nicht nur in der Wirtschaft. In Klingenthal werden beispielsweise tschechische Kinder, deren Eltern in hiesigen Unternehmen arbeiten, im Kindergarten betreut. Gibt es für sie ebenfalls eine Ausnahme? Klingenthals Oberbürgermeister Thomas Hennig (CDU) konnte für solche Fälle am Freitag nur mit den Schultern zucken. Gleiches gilt für einen Fall aus der Klingenthaler Firma S&S Electronic: ein Mitarbeiterpaar, er Deutscher, sie Tschechin. Er wohnt bei ihr. "Dafür gibt es keine Regelung", sagt Werkleiter René Dallmann. Er sieht die Grenzschließung, wie sie jetzt umgesetzt werde, kritisch. Das Ganze sei "halb gar gekocht" und schwer zu vereinbaren mit einem vereinten Europa. Als nicht praktikabel betrachtet er den Umweg für Pendler über Schönberg. Dallmann hat es mit dem Routenplaner ausgerechnet: Für einzelne Mitarbeiter aus der tschechischen Nachbarstadt verlängert sich der Arbeitsweg von zehn Minuten auf eine Stunde und 50 Minuten. "Ist das für die Leute tragbar?", fragt René Dallmann. "Es gibt Fragen, die einen verrückt machen."

Auch auf tschechischer Seite sind Verantwortliche ob der Probleme alarmiert. Dalíbor Blažek, Bürgermeister von Asch, hat in einem Brief ans tschechische Innenministerium auf die Probleme aufmerksam gemacht, die für die Pendler entstehen.

Die Vogtlandbahn wird in der Nacht zu Samstag ihren grenzüberschreitenden Zugverkehr nach Tschechien einstellen. Das Verkehrsunternehmen folgt damit einer Aufforderung der tschechischen Regierung. Die Linien RB 1 (Zwickau-Falkenstein-Kraslice) und RB 5 (Mehlteuer-Plauen-Falkenstein-Kraslice) verkehren nur noch bis Zwotental, von und nach Klingenthal verkehren Busse. Die Linie RB 2 (Zwickau-Plauen-Adorf-Cheb) verkehrt nur noch bis Bad Brambach.

Unterdessen gibt es im Karls- bader Kreis den ersten Corona-Fall. Es ist ein 65-jähriger Mann, der Anfang März aus Italien zurückgekehrt war. Er steht unter Quarantäne. (tb/tm/hagr/cbert)


Absagen im Überblick

Adorf: Die Berufsorientierungsmesse an der Zentralschule, geplant am Mittwoch, 18. März, wurde abgesagt.

Bad Brambach: Der Kur- und Fremdenverkehrsverein bietet bis auf Weiteres keine Wanderungen nach Tschechien mehr an. Zur Tour am 18. März, 14 Uhr, wird die Wanderstrecke über Bärendorf/Hohendorf gelegt.

Klingenthal: Die Karfreitagswanderung der "Freien Presse" am 10. April rund um den Medard-See bei Falkenau/Sokolov fällt aus. Die Karten für die Busfahrt können bei Herold's Reisen zurückgegeben werden.

Markneukirchen: Der 55. Internationale Instrumentalwettbewerb vom 7. bis 16. Mai ist abgesagt. Die Konkurrenz für Horn und Tuba soll nun im Jahr 2022 stattfinden.

Der Frühjahrsbasar des Familienzentrums Markneukirchen am 19./20. März in der Musikhalle ist abgesagt. Neuer Termin ist der 28./29. Mai.

Oelsnitz: In der Katharinenkirche wurden der Liederabend am 21. März und der Gottesdienst am 22. März mit Heiko Bräuning abgesagt.

Das für heute geplante Cat-Stevens-Konzert in der Katharinenkirche wurde abgesagt. Das Konzert wird am 4. Juli, 19.30 Uhr, in der Aula der Oberschule nachgeholt.

Siebenbrunn: Die 1. Sächsische Unkrautkonferenz und der Naturmarkt auf dem Gläsernen Bauernhof Siebenbrunn werden vom 21. März auf den 12. September verschoben.

Tannenbergsthal: Das Frühlingskonzert des Heimatvereins "Topas" Tannenbergsthal am 21. März mit Heidrun Colditz und Steffen Kosiolek im Herrenhaus findet nicht statt.

Tirpersdorf: Der Heimatverein hat das Kinderkino am morgigen Sonntag, 16 Uhr, im Vereinssaal abgesagt.

Triebel: Das Frühlingsfest des Vereins für Gemeindediakonie am 21. März im Kulturhaus Triebel fällt aus. Die Vorstandswahl und die Mitgliederversammlung des Vereins sind auf das Herbstfest 2020 verschoben.

Zwota: Das Konzerte mit Jürgen Just und Freunden am 20. März im Gasthof zum Walfisch ist abgesagt.

Plauen: Die Kinderuni Vogtland, die am heutigen Samstag im Kreistagssaal des Landratsamtes zum Thema "Und es werde Licht - Von der Taschenlampe zum Laserschwert" vorgesehen war, ist abgesagt.

Das für 27. bis 29. März geplante Freiträumer-Festival wurde auf den Herbst verschoben. (tb/tm/hagr/cbert)


Stadt Oelsnitz schließt Kitas und öffentliche Einrichtungen

Kindertagesstätten, Horte und öffentliche Einrichtungen der Stadt Oelsnitz werden ab Montag bis 19. April geschlossen. Das hat OB Mario Horn (CDU) am Freitagabend, 18 Uhr, mitgeteilt. Eine Notbetreuung für Eltern, die in einem Beruf zur Aufrechterhaltung der wichtigsten Infrastrukturen beschäftigt sind, wird sichergestellt. Gleiches gilt für die Evangelische Kita. Darüber hinaus werden die Jugendzentren ab Montag vorerst geschlossen.

Bereits ab Sonntag schließen die Museen Schloss Voigtsberg. Ab Montag sind die Stadtbibliothek und das Rathaus für den Besucherverkehr geschlossen.

In Klingenthal sind laut OB Thomas Hennig die Kitas am Montag geöffnet. Weitere Kita-Schließungen sind der "Freien Presse" bis Freitag, 18 Uhr, nicht bekannt geworden. Der Schülerverkehr im Vogtland fährt weiterhin planmäßig, so der VVV.


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