Die Judengräber im Vogtland

Der Jüdische Friedhof liegt im Norden von Plauen. Besucht wird er nur selten. Drei Ehrenamtler setzen sich dafür ein, dass er nicht vergessen wird. Wie sie den toten Juden, die dort ruhen, ihre Namen zurückgeben.

Plauen.

Manchmal wischen sie die Grabsteine ab. Sie tauchen Putzlappen in Wasser und wischen behutsam über die alten Steine, über den Dreck und den Vogelkot. "Wir scheuern nicht, um Himmels Willen", sagt Liane Kümmerl. Ehrenamtlich leitet sie den jüdischen Friedhof, der heute eine Gedenkstätte ist, und pflegt ihn zusammen mit zwei Gefährten: Waltraud Schmidt und Jens Bühring. Vor neun Jahren hat sie dafür vom Oberbürgermeister die Stadtplakette bekommen.

Aber eigentlich ist dieser Friedhof ein Ort, über den sich ein Moosteppich legt, der jedes Jahr grüner wird. Seine Geschichte ist selbst für Liane Kümmerl voller Lücken. Obwohl Waltraud Schmidt seit Jahrzehnten dazu forscht.

Er ist der einzige jüdische Friedhof im Vogtland. Ein Park im Norden von Plauen, kaum größer als ein Fußballplatz. Links und rechts stehen Einfamilienhäuser, davor die Plamag. Der Friedhof gehört heute dem Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Auch die Eigenheimgrundstücke, die nebenan liegen, gehörten früher der Gemeinde. Die Juden hatten dieses Waldstück 1898 für die Ewigkeit gekauft, um ihre Verstorbenen dort zu begraben. Als der Hass kam, verkauften sie die ungenutzten Flächen links und rechts an Plauener, die keine Nazis waren, sagt Liane Kümmerl.

Jüdische Gräber bleiben für immer. Sie werden nicht nach 20 Jahren Ruhezeit eingeebnet, wie es auf deutschen Friedhöfen üblich ist. Die Toten warten nach jüdischem Glauben auf die Auferstehung. Die meisten Gräber auf dem jüdischen Friedhof von Plauen sind über hundert Jahre alt, und das sieht man ihnen an. Auf den Steinen fehlen Buchstaben. Und wenn in Grabsteinen Buchstaben verschwinden, beginnt das Vergessen.

Die drei Ehrenamtler dieses Friedhofs wollen den toten Juden, die in Plauen ruhen, ihre Namen zurückgeben. Sie haben jetzt die Schriften zweier Grabsteine ausbessern lassen. Rund 2000 Euro hat das gekostet. Für ein Projekt wie dieses eine Menge Geld. Die Ehrenamtler brauchten 20 Jahre, bis sie es zusammen hatten. Besucher spendeten, Nachkommen der Toten, Schüler, Vereine und Wanderer. Der erste Grabstein gehört Regina und Louis Rosenbaum. Juden, die auf der Nobelstraße ein Restaurant hatten. In der hebräischen Schrift auf ihrem Stein fehlten Buchstaben. Welche, das hat ein Rabbiner aus Israel den Plauenern geschrieben und aufgezeichnet. Der Metallkünstler Peter Luban hat sie nachempfunden und so eingearbeitet, dass sie im Text nicht auffallen. "Jeder Buchstabe ist ein Einzelstück", sagt Liane Kümmerl, als sie davor steht und ihre Hände über die Schrift gleiten lässt. Der Zweite, dem sie den Namen zurückgaben, heißt Max Steinberg und war Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde in Plauen.

Die Geschichte dieser Gemeinde endet 1957 mit dem Tod des Kohlenhändlers David Stiefel. Denn nach jüdischem Brauch müssen ihr zehn religiöse Männer angehören, um Gottesdienste zu halten. 73 Jahre hat diese Gemeinde existiert, von der Liane Kümmerl sagt, dass sie gar nicht so klein war, wie es heute scheint. Zwischen 800 und 1000 Juden hatten ihr angehört. Sie lebten verstreut im Vogtland und kamen zum Beten in Plauen zusammen. Viele von ihnen zogen um 1900 in die Region, und viele waren vor Pogromen aus Osteuropa geflüchtet. Sie suchten Zuflucht im Vogtland, weil es hier Arbeit gab. Die Spitzenindustrie brauchte händeringend Leute. "Und sie hatten geglaubt, dass sie hier sicher sind", sagt Liane Kümmerl.

Heute existieren auf dem Friedhof etwa 130 Grabstätten. Man könnte hier noch begraben werden, wenn man das vor seinem Tod festlegt, sagt Liane Kümmerl. Sie weiß, auf welchem Stein sie als nächstes die fehlenden Buchstaben ersetzen würde, wenn sie Geld dafür hätte: "Joseph Beutler". Ihm gehörte eine Textilfabrik in Reichenbach.

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