Eine Liebe fürs Leben beginnt im Oelsnitzer Teppichwerk

Anlässlich des Abrisses der alten Oelsnitzer Teppichfabrik hat die "Freie Presse" die Vogtländer gebeten, ihre Erinnerungen an den VEB Halbmond aufzuschreiben. Heute berichten Helga und Helmut Schneider aus Oelsnitz. "VEB Halbmond Teppiche hat auch den Lebensweg von uns beiden mit geprägt. Begonnen hat es bei Helmut mit Beginn der Lehrausbildung als Jacquardrutenteppichweber. Die ersten Lehrstunden bestanden aus dem Erlernen des berühmten Weberknotens unter Anleitung von Ausbilder Walter Dölling. In der dreijährigen Ausbildungszeit gab es dann ein Kennenlernen der verschiedensten Produktionsabteilungen und freundliche Kontakte zu den Mitarbeitern. Lehrausbilder wie Walter Dölling, Hermann Schlegel, den Berufschullehrern Roisch, Brand, Sportlehrer Schmidt und den Arbeitern in den Produktionsabteilungen halfen bei der Bewältigung der Ausbildung als Facharbeiter. Auch die Freizeitgestaltung war eng mit dem Betrieb verbunden. Beim Tanzkurs auf dem Dachboden der Berufsschule an der Steinmühle erlernten wir unter Anleitung von Tanzlehrerin Margot von Gehr die bekanntesten Gesellschaftstänze. Gemeinsamer Urlaub der Lehrlinge an der Ostsee werden in der Erinnerung wieder wach. Betreut vom Trainer Alfred Adler der BSG Fortschritt Oelsnitz spielten wir in den Jugendmannschaften. Und so ist unvergessen der Sieg auf dem damaligen Halbmond-Platz hinter dem Werkheim über die Jungen aus Eichigt, die in der zweiten Halbzeit beim Stand von 20:0 entnervt den Platz verließen.

Als Facharbeiter in der Rutenweberei lernten wir, die Helga und ich, uns kennen. Schüchtern als Aufsteckerin im Wollgatter sah ich die kleine hübsche Brambacherin Helga Krieglstein zum ersten Mal. Und wie es so sein sollte: Bei einem Tanzabend im damaligen Geschwister- Scholl-Heim kamen wir uns dann näher. Mit dem 3. April 1963 begann so unser gemeinsames Leben. Verlobung zu ihrem 18. Geburtstag in Bad Brambach bestimmten den weiteren Weg. Noch in der Ausbildung erlitt Helga im Januar 1964 einen schweren Arbeitsunfall mit dem Verlust zweier Finger der rechten Hand. Damit war ihre Ausbildung ebenfalls als Jacquardrutenteppichweber zu Ende. Doch der Betrieb ließ sie nicht im Regen stehen. Als Lohnrechnerin der Stopferei, einer Vorabteilung der Axminsterweberei, fand sie eine neue Beschäftigung.

Im Mai 1965 nutzten wir das Angebot der Betriebes, gemeinsam mit den Eltern, den Verwandten und Arbeitskollegen, im Klubhaus des VEB Halbmond, die zwölfte sozialistische Hochzeit zu feiern. Mit zu den Geschenken der Kollegen und des Betriebes gehörte auch die Übergabe eines Ferienplatzes für die Flitterwochen an der Ostsee in Prerow. Natürlich gegen Bezahlung.

Während Helga weiter im Betrieb arbeitete, fand ich das Angebot als Pionierleiter und Unterstufenlehrer an der Partnerschule tätig zu werden, recht interessant. Ab dem Januar 1966 war die Oberschule I, später Erich-Weinert-Oberschule, mein neuer Tätigkeitsbereich. Nach dem Wehrdienst bei der NVA konnte ich dann mit dem Lehrerstudium beginnen und erfolgreich abschließen. Helga hat in der Zwischenzeit den Betrieb verlassen und eine neue Tätigkeit in der Abteilung ÖVW des Rat des Kreises aufgenommen.

Doch die Halbmond ließ uns auch da nicht los. Auf die Bitte des Betriebes, sie bei der Durchführung des Betriebsferienlagers zu unterstützen, waren wir wieder Halbmonder. Helga als Wirtschaftsleiterin und ich als Stellvertreter von Walter Kuba organisierten wir den Sommerurlaub der Kinder in der Sehschwachenschule von Weimar. Im Rückblick war es eine erlebnisreiche und eindrucksvolle Zeit im Oelsnitzer Teppichbetrieb. Und so ist es immer wieder schön, wenn man ehemalige Freunde und Mitarbeiter trifft, die einen die Erinnerung an die Zeit wachrufen."

Erinnerungen gesucht: Welche persönlichen Geschichten verbinden Sie mit dem Werk, das jetzt abgerissen wird? Schreiben Sie uns Ihre Erinnerungen und Anekdoten vorzugsweise per E-Mail oder per Post an Freie Presse Oberes Vogtland, Wallstraße 1, 08606 Oelsnitz oder red.ovl@freiepresse.de

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Neideiteln
    08.12.2020

    Diese Idee, persönliche Erinnerungen der Oelsnitzer an das Halbmond-Teppichwerk zu sammeln, finde ich sehr sehr schön. Da könnte man doch eine Ausstellung auf Schloss Voigtsberg draus machen? Fotos müsste man dann auch sammeln.

    Schade ist halt, dass das alte Halbmondwerk komplett abgerissen wird. Es wäre großzügig vom neuen Halbmond-Werk gewesen, wenigstens einen der alten Bauten in Klinkeroptik zu übernehmen und weiter zu nutzen. Naja, wie immer geht es ums Geld.

    Ansonsten freue ich mich, dass das Vogtland auf den Trichter gekommen ist, nicht weiter riesige Flächen der freien Natur zu Industriegebieten zu versiegeln. Sondern alte Brachen abzureißen und bebauen zu lassen. Win-win.

    Mir fallen da auch noch etliche Brachen ein - allen voran das riesige Reichenbacher Bahnhofsgelände und -gebäude...