"Für mich wäre dann Schluss"

Der Streit um das Vogelschutzgebiet an der Talsperre Pirk stellt Naturschützer vor eine Zerreißprobe. Doch eine Beschwerde nach Brüssel ist abgeschickt.

Oelsnitz/Klingenthal.

Der Flussuferläufer ruft. Drei Graureiher steigen über der Vorsperre Dobeneck auf. Stephan Ernst schiebt sich durch hüfthohes Grün, um bessere Sicht zu haben. Vor dem Fernglas des 68-Jährigen erstreckt sich auch der Schlamm, den die Landestalsperrenverwaltung ab Herbst aus dem Stausee herausholen will. Im Frühjahr nutzte der Haubenbrüter die angeschwemmte und inzwischen begrünte Masse. "Die Nistplätze werden dann verschwinden. Das müssen wir wohl hinnehmen", sagt der Hobby-Ornithologe. Als Gegner von Hochwasserschutz wollen der Klingenthaler und seine Mitstreiter nicht verstanden werden. "Es geht uns einfach um das Wie", sagt Ernst.

Seit anderthalb Jahren ringen Naturschützer mit der Landestalsperrenverwaltung (LTV) um jenes Wie. Neben der Abfuhr des eingespülten Schlamms aus der Vorsperre geht es um Arbeiten am Damm des Flächennaturdenkmals Vogelschutzbecken. Bis zur Krone soll das Bauwerk mit Steinen befestigt werden, auf der zur Weißen Elster gewandten Seite Bäume fallen. Unverhältnismäßig nennen sie das Vorhaben. Die Kritik: Der Schutzgürtel wäre beschädigt. Holunder, Schlehe, Weißdorn - was kaum Stammumfang hat, zählt nicht in Rodungsplänen. "Aber für die hier brütenden Vögel sind gerade Wildhecken als Rückzugsort wichtig", meint Ernst.


Die LTV besserte in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde nach, verlegte die Baustraße in die Aue des Flusses - statt den gesamten Damm abzuholzen. Weniger Bäumen droht die Axt. Geht es nach den Naturschützern, stellt der Plan, den sie nach langem Drängen einsehen durften, keine akzeptable Lösung dar. Denn der zweite Abschnitt der Baustraße führt direkt an der Ostseite des Schutzgebiets vorbei. Ernst fürchtet Baulärm und Belastung für das Refugium für mehr als ein Jahr. Das Areal, das fast so groß ist wie sieben Fußballfelder, ist der größte bekannte Starenschlafplatz im Vogtland. "Für Zugvögel hilft es nicht viel, dass die Arbeiten außerhalb der Brutzeit beginnt", erklärt der Vogelkundler.

Die Ornithologen haben wieder Briefe geschrieben, es sind Beschwerden, Forderungen, Stellungnahmen. Diesmal nicht nur nach Dresden an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), sondern auch nach Brüssel, an die Europäische Union. Sie fordern ein Planfeststellungsverfahren und betonen die Bedeutung des Gebiets als Teil des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000. Damit gelte das Verschlechterungsverbot, betonen die Umweltaktivisten. Ihr letztes Mittel: ein Gerichtsverfahren.

Federführend sind neben Stephan Ernst auch das Auerbacher Paar Thomas und Petra Schulz, die ungezählte Stunden im Gebiet verbrachten, tausende Beobachtungen dokumentierten und in Fachkreisen viel beachtete Fotos schossen. Vom Eisvogel, Fischotter, Neuntöter. Akribisch stellte die Arbeitsgruppe Berichte zusammen, dokumentierte alle Beobachtungen und lieferte die Daten neben Abdrucken im Fachblatt auch der Unteren Naturschutzbehörde zur Verwendung. Jetzt aber, droht der Bruch. Denn die Behörde teilt die Einschätzung nicht, dass das Gebiet durch die Arbeiten nachhaltig gestört wäre. Auch das Umweltministerium wertet die Verlegung der Baustraße als ausreichende Eingriffsminimierung. "Nie hätten wir gedacht, dass diesem Gebiet mit dreifachem Schutzstatus etwas passieren könnte, dass all die Arbeit nichts bedeutet", beklagt Ernst. "Es tut richtig weh." An eine weitere Zusammenarbeit mit der Behörde kann Ernst in dem Fall nicht denken. "Für mich wäre dann Schluss."

Nach der Wende taten sich die Ornithologen im Vogtland zusammen, nennen sich heute Arbeitsgruppe Vogtländischer Ornithologen und einen 50 Mitglieder. Ein Vororttermin mit dem Oelsnitzer Oberbürgermeister Mario Horn (CDU), der sich zuletzt auf die Seite der Naturschützer schlug, ist ausgemacht. Ernst hofft auf Rückhalt aus der Bevölkerung. Rückzugsorte wie der an der Pirk, drohen kleiner zu werden. "Ich höre oft das Argument, dass es anderswo schlimmer ist. Dass in Südamerika der Regenwald verschwindet, was zählen da ein paar Bäume an der Pirk", sagt Ernst. "Aber es ist wichtig, sich für das zu engagieren, was vor der eigenen Haustür liegt." Die Ornithologen haben Verstärkung von Nabu, BUND, Sächsischem Heimatschutz und der Grünen Liga. Ernst sieht als Lösung, den Schlamm direkt über den Damm der benachbarten Fischteiche auf die B 92 abzufahren. Ein Tor in der Lärmschutzwand existiert.

Die Landestalsperrenverwaltung will die Öffentlichkeit über das Vorhaben informieren, sobald alle Genehmigungen vorliegen. Landrat Rolf Keil (CDU), an den auch einige Briefe der Naturschützer gingen, sagt auf Nachfrage, dass er in dem Fall kein Schiedsrichter sein wolle. Die Auseinandersetzung laufe mit einer Landesbehörde, die gewisse Pflichten zu erfüllen habe, betont er. "Wir haben heute bei vielen Fragen das Problem, dass jeder nur seinen Standpunkt sieht", sagt Keil. "Es muss aber ein Kompromiss her."

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    Tauchsieder
    17.08.2019

    Von verschiedenen Varianten wählt die LTV die Schlechteste. Ein Zusammentreffen war seitens der LTV mit den Naturschutzverbänden nicht gewünscht. Somit bleibt den engagierten Bürgern nur noch der Weg an die Öffentlichkeit, um diesen Irrsinn anzuprangern. Dieser Staatsbetrieb gibt sich hier wie die Axt im Wald. Erst wollte man die Leute täuschen, dies wäre angeblich eine Gewässerunterhaltungsmaßnahme.Wahrscheinlich kamen sie aber selber auf den Trichter, dass man die Leute doch nicht für so "blöd" halten kann. Mit dem Thema Hochwasserschutz kann man scheinbar alle Regeln brechen, fallen alle Hemmungen und werden alle Gesetze scheinbar außer Kraft gesetzt. Sollte diese Aktion von der LTV so umgesetzt werden, hat sie jeglichen Stand bei der Bevölkerung verloren.
    Sedimentberäumung ist nachvollziehbar, diese hier geplante Umsetzung, also das "Wie", nicht. Die Tsp. Pirk für den Hochwasserschutz zu ertüchtigen ist völliger Blödsinn, dafür wurde sie nie gebaut. Sollte sie dazu einen Beitrag leisten, dann müsste sie an 365 Tagen im Jahr leer stehen, dann hätte man ein Hochwasserrückhaltebecken.
    Und letztlich die Aufforderung von Keil zu einem Kompromiss kamen die Naturschutzverbände nach. Dies interessierte aber die LTV nicht, sie ist eigentlich diejenige die mit ihrem Vorhaben kompromisslos ist.
    Warum sträubt sich die LTV so vehement gegen ein Planfststellungsverfahren und/oder Umweltverträglichkeitsprüfung. Sieht sie darin die Gefahr, dass diese Projekt so nicht rechtskonform ist, man dies nur bei Umgehung von Gesetzen und Auflagen durchführen kann?



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