Für Traditionsgeschäft ist im Juni Schluss

Unterwäsche, Kurzwaren, Wolle - bei Gudrun Seidel wurden nicht nur die Falkensteiner fündig. Die Geschäftsfrau hört auf. Es ist ein Abschied ohne Groll.

Falkenstein.

Am 29. Juni endet in Falkenstein eine Ära: Nach 114 Jahren hat das Kurzwarengeschäft Rothe und Füger KG in der Schlossstraße 2 letztmalig geöffnet. Tags darauf, am 30. Juni - ein Sonntag - wird Inhaberin Gudrun Seidel 76 Jahre alt. "Zeit für den Ruhestand", sagt die Geschäftsfrau und lässt keinen Zweifel aufkommen, "dass es genug ist". Immerhin hat sie die Tradition von Rothe und Füger nach der Wende noch 30 Jahre fortgeführt.

Das Eckhaus ist ein Tor zur Schlossstraße, Falkensteins Fußgängerzone. Doch die hat schon bessere Zeiten erlebt, sagt Gudrun Seidel und weist auf die vielen Geschäfte, die dort leer stehen. Zur Jahresmitte gehört ihres dazu. Noch sucht die Inhaberin über einen Aufruf auf der Schaufensterscheibe jemanden, der das Geschäft weiterführen möchte. Doch bislang gab es kaum ernsthafte Interessenten - eher solche am Geschäftshaus. Aber das hat Gudrun Seidel bereits verkauft.

Sascha Aurich

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Seit sich in Falkenstein herumspricht, dass es das Traditionsgeschäft wohl bald nicht mehr gibt, hört Gudrun Seidel wieder häufiger "Machen sie das Geschäft bloß nicht zu". Die Frau hinter dem Ladentisch winkt ab. Von den paar Stammkunden, die das Wissen des Fachhandels und die Qualität der Ware noch zu schätzen wüssten, könne in Zeiten der übermächtigen Konkurrenz durch den Internethandel und durch immer neue und größere Einkaufsmärkte keiner mehr leben. "Ich bin Rentnerin, da konnte ich es mir leisten, im Laden zu stehen und auch mal wenig Umsatz zu machen", sagt die Geschäftsfrau und dankt ihrer Schwägerin Margitta Füger, mit deren Unterstützung sie das Geschäft in den letzten Jahren geführt hat. Weil auch die Nachfolge-Suche über die Industrie- und Handelskammer oder die Handelsvertreter, die noch regelmäßig aus alter Verbundenheit vorbeischauen, nicht erfolgreich war, startet Gudrun Seidel diese Woche den Abverkauf ihres umfangreichen Sortiments: "Die verschiedenen Warengruppen werden Schritt für Schritt reduziert - aber einen Ausverkauf mach' ich nicht. Gute Ware kann ich doch nicht verschleudern", sagt die Inhaberin und zeigt auf das Sortiment in den historischen Schränken und Regalen: Oberbekleidung, Nacht- und Unterwäsche, Strumpfwaren, Tapisserie- und Kurzwaren sowie Wolle und alles rund um Handarbeiten - das Angebot bei Rothe und Füger ist noch immer beachtlich.

Für Gudrun Seidel ist das selbstverständlich, schließlich steht sie in der Tradition der 1905 von Max Rothe und Albin Füger gegründeten Rothe und Füger KG, die mit Textil- und Kurzwaren handelte und in Falkenstein zeitweise fünf Läden betrieb. 1909 wurde Albin Füger alleiniger Inhaber. Nach dessen Tod 1948 führten Sohn Günther und Tochter Marianne das Geschäft weiter. Bis zur Wende, da übernahm mit Gudrun Seidel die Nichte von Günther Füger das Geschäft. "Der Kampf ums Überleben verbesserte sich, und auch nach der Wende konnten noch vier Halbtagskräfte beschäftigt werden", blickt Gudrun Seidel zurück.

Ihre Tochter, die in der Schweiz lebt, habe kein Interesse am Geschäft. Verdenken könne sie es ihr nicht, sagt Gudrun Seidel. Auch sie habe mit diesem Kapitel ihres Berufslebens, das vor 60 Jahren als Krankenschwester begann, inzwischen abgeschlossen. Doch es soll nicht das letzte Kapitel sein: Auf die "Die Gartenlaube", ein vor Jahren erschienenes Heft mit Gedichten und Geschichten aus ihrer Feder, illustriert von der in Zwickau lebenden Schwester, könnte bald ein neuer Band folgen: "Das Schreiben hat mir immer Spaß gemacht. Ich hab schon neue Geschichten in der Schublade", kündigt Gudrun Seidel an.

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