Gerlach trennt sich vom Linienverkehr

Ende 2020 zieht der Reichenbacher Verkehrsbetrieb die Reißleine. Als Subunternehmer im Vogtlandnetz 2019+ wurde zuletzt die Luft knapp.

Reichenbach.

Der Reichenbacher Verkehrsbetrieb und Fahrschule Gerlach (RVB) steigt nach einem Jahr als Subunternehmer aus dem Vogtlandnetz 2019+ aus. Er trennt sich vom kompletten Linienverkehr, der bislang 70 Prozent des Leistungsvolumens ausmacht. "Wir mussten den Verkehrsleistungs-Vertrag zum 31. Dezember 2020 kündigen, um nicht das ganze Unternehmen zu gefährden", erklärt Geschäftsführer Siegfried Gerlach.

"Der Linienverkehr war meine Welt, eine Lebensaufgabe", sagt der 72-Jährige nicht ohne Wehmut. Seit 1968 ist er im Unternehmen tätig. Zunächst im VEB Kraftverkehr und seit 1994 nach der Privatisierung im Familienbetrieb. Von der Pike auf hat Siegfried Gerlach hier gearbeitet und, wie er erzählt, später auch als Chef Linien mitgefahren oder die Einsatzleitung übernommen. Als sein Steckenpferd gilt der Stadtverkehr Reichenbach, den er nach seinem Studium entwickelte und später zusammen mit der Stadt Reichenbach umgesetzt hat. Doch auch die Stadtlinien fahren künftig andere. Eine Ära geht zu Ende.

Dass es so weit kommen musste, hängt für Gerlach mit der 2018 unter Landrat Rolf Keil (CDU) erfolgten europaweiten Ausschreibung des öffentlichen Busnahverkehrs im Vogtlandkreis zusammen. Er nennt das "den schlechtesten Weg" und "gnadenlosen Wettbewerb". Unter Keils Vorgänger Tassilo Lenk (CDU) sei für die in den 1990er-Jahren privatisierten Kraftverkehrsbetriebe "eine Rekommunalisierung vorbereitet" worden. Vergeblich. Das Vogtlandnetz 2019+ wurde, obwohl einzelne Lose ausgeschrieben waren und sich der RVB mit dem Göltzsch-tal-Verkehr Rodewisch um Los 3 beworben hatte, letztlich als Gesamtpaket vergeben. Die Bietergemeinschaft aus Plauener Omnibusbetrieb (POB) und Verkehrsgesellschaft Vogtland (VGV) gewann. Um nicht ganz außen vor zu sein, bot sich der RVB als Subunternehmer an, schloss im Mai 2019 einen Vorvertrag ab, ohne dass Details feststanden. Als am 8. Oktober 2019, fünf Tage vorm Start des Vogtlandnetzes, der endgültige Kilometerpreis vorlag, habe man sofort bei POB/VGV Veto eingelegt, die "Nichtauskömmlichkeit angemahnt" und mit Vertragsauflösung gedroht, erklärt Gerlach. Ein Fakt, den POB-Geschäftsführer Thomas Schwui bestätigt.

Die Gewerkschaft Verdi hatte im Frühjahr 2019 einen neuen Tarifvertrag mit dem Arbeitgeberverband Nahverkehr (AVN) mit mehr als fünf Prozent Lohnsteigerung abgeschlossen und pochte auf die Umsetzung. Zumal die Vogtlandnetz-Ausschreibung im Punkt Sozialstandards Regelungen aus dem AVN-Rahmentarifvertrag in der jeweils aktuellen Fassung als Mindestanforderung vorschreibt. Als im Mai 2020 die erste Anpassung des Verkehrsvertrages, eine sogenannte Dynamisierung, erfolgen sollte, ging der RVB indes leer aus. "Wir erhielten keine Erhöhung auf den Kilometerpreis", hält Siegfried Gerlach fest. Kerstin Büttner, Sprecherin des Verkehrsverbundes Vogtland, erklärt auf Anfrage, dass es im Verkehrsvertrag sehrwohl "Bestimmungen zur Preisgleitung" gebe. Diese würden auch Veränderungen der Personalkosten in Anknüpfung an Tarifverträge beinhalten. Auf die nicht erfolgte Preisanpassung für den RVB geht sie nicht ein. Die Konsequenz schildert Siegfried Gerlach so: "Wir könnten entweder nicht Tarif zahlen oder müssten im Jahr rund 80.000 Euro aus unseren eigenen Rücklagen zuschießen. Deshalb ist jetzt Schluss."

Im Oktober hat der RVB mit der VGV einen Vertrag zur Übernahme des Linienverkehrs ab 2021 abgeschlossen. "Die VGV übernimmt unser Linien-Fahrpersonal zu 90 Prozent: 35 Busfahrer, zwei Einsatzleiter und zwei Lehrlinge. Hinzu kommen die gesamten geförderten Fahrzeuge inklusive Technik, die am Standort Reichenbach verbleiben. Die VGV nutzt Teile unseres Objektes und unseres Anlagevermögens. Auch die betriebliche Altersversorgung läuft weiter", listet Siegfried Gerlach auf. Laut Thomas Schwui handele sich um einen Betriebsübergang nach Paragraf 613a des Bürgerlichen Gesetzbuchs. "Deshalb müssen keine neuen Verträge abgeschlossen werden", sagt Schwui.

Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang. Der RVB wird sich auf andere Geschäftsfelder konzentrieren. Erstens ist da die Fahrschule in der Albertistraße 11 - vom Traktor- bis zum Busschein mit eigenen Fahrzeugen. Zweitens werde der Fahrzeug- und Baumaschinen-Mietservice in der Rosa-Luxemburg-Straße 27 vom Bagger über Lkw bis hin zur Hebebühne ausgebaut. Drittens bleiben Reisebüro und Busanmietung in der Albertistraße 11 bestehen. "Wir könnten uns auch vorstellen, für Ausschreibungen im Schülerverkehr zur Verfügung zu stehen", sagt Siegfried Gerlach. "Die drei Generationen der Familie Gerlach sind zuversichtlich und werden die Firma in Reichenbach weiterführen - nur ohne Linienverkehr", lässt das Unternehmen wissen.

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