"In der Woche schlief ich kaum"

Geowissenschaften-Student verfolgt jedes Erdbeben

6000 Menschen folgen der Internet-Plattform "Erdbeben Deutschland", die auch die Schwärme im Vogtland beobachtet. Dahinter steckt Jens Skapski, Student der Geowissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Nicole Jähn sprach mit dem 24-Jährigen.

Freie Presse: Herr Skapski, Sie verfolgen die Erdbebenaktivitäten im Vogtland in einem eigenen Newsblog. Warum?

Jens Skapski: Erdbeben faszinieren mich. Deshalb habe ich vor fünf Jahren den Blog aufgebaut. Das Interesse der Leute zeigt mir, dass es eine gute Sache ist. Gerade die Vorgänge im Vogtland finde ich spannend, weil man nicht zu 100 Prozent weiß, was dort passiert.

Bei Ihnen laufen nach jedem Ruckeln Reaktionen aus der Bevölkerung zusammen. Wie ist der Tenor aus dem Vogtland?

In der heißen Phase des Schwarms gingen 100 Meldungen in der Stunde bei mir ein. In der Woche schlief ich kaum. Es gab Extremfälle, dass Leute ihr Haus verkaufen und das Vogtland verlassen wollten. Viele reagierten verängstigt, das kann ich in der Situation schon verstehen. Es gab die Wahrnehmung, dass die Beben vor allem nachts auftreten. Das ist dem Effekt geschuldet, dass man in der Ruhe der Nacht kleinste Beben spürt, die am Tag unbemerkt bleiben. Der Schlafmangel über zwei Wochen verursachte zusätzlichen Stress. Da würde ich mich auch nicht mehr wohlfühlen.

Können Sie den Menschen ihre Ängste nehmen?

Den meisten ja. Mir ist jedenfalls niemand bekannt, der wirklich das Vogtland verlassen hat. Man sollte schon den Respekt bewahren, denn letztlich gibt es keine Methode, die vorhersagen kann, wie die Beben sich entwickeln. Man sollte aber auch hektische Reaktionen nach unruhigen Nächten vermeiden.

Es existiert die These von abkühlenden Prozessen, aber auch von einem erwachenden Vulkan. Wo ordnen Sie sich ein?

Als Student stecke ich nicht in den aktuellen Forschungen drin. Aber anhand der mir bekannten bisherigen Ergebnisse erscheint mir die Theorie der abkühlenden Magmakammer plausibler. Zumal man weiß, dass es vor 200.000 Jahren aktiven Vulkanismus in der Region gab.

Sie übten im Internet öffentlich Kritik am jüngsten Beitrag zum Thema der "Freien Presse". Was hat Sie gestört?

Mir hat vor allem der konkrete zeitliche Bezug gefehlt. Das führt zu Missverständnissen und kann Ängste erzeugen. Wenn die Theorie stimmt, gibt es vielleicht in 10.000 Jahren eine Eruption. Ich weiß aber aus der Erfahrung, dass ein "er- wachender Vulkan" von manchen Lesern so aufgefasst wird, als ob morgen ein Lavastrom die Skisprungschanze von Klingenthal hinunterfließt.

Forscher haben ein Interesse daran, das Thema wach zu halten. Bohrungen sind teuer, das Vogtland ist aber eine vergleichsweise schwache Erdbebenregion. Warum sollte dort Geld hinfließen?

Es ist wichtig, dass überall dort, wo es offene Fragen und eine mögliche Gefährdung gibt, auch weiter geforscht wird. Durch bessere Überwachung kann auch ein besseres Verständnis für die Prozesse erreicht werden, gegebenenfalls Gefahrenzonen angepasst werden. Vorhersagen werden aber wohl nie möglich sein.

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