Kindesmissbrauch: Der Mann im Gebüsch

Mehrmals lauert ein 20-Jähriger Kindern auf und entblößt sich vor ihnen. Er ist Wiederholungstäter. Die Jugendrichterin lässt ihn einen Aufsatz schreiben und ordnet an, dass er zur Psycho- therapie geht. Hilft das?

Plauen/Mehltheuer.

Einmal fuhr er zum Dorfkindergarten von Mehltheuer, lief die letzten Meter und stellte sich an den Zaun. Er suchte den Blickkontakt eines Jungen, gab ihm zu verstehen, dass er zum Zaun kommen soll. Dort musste das Kind zuschauen, wie der damals 18-Jährige sich selbst befriedigte.

Das war im Juli vergangenen Jahres. Er hatte sich eine Fläche ausgesucht, von der aus er die Hortkinder beobachten konnte. Die Polizei vernimmt kurz darauf einen Neunjährigen. Kita-Chefin Angela Groh sagt, dass die Kinder glauben, der Mann habe uriniert: "Sie haben das nicht als sexuelle Handlung begriffen." Zum Glück, sagt sie. Weil der junge Mann sich kurz davor schon einmal vor Kindern entblößt hat, kommt die Polizei schnell auf ihn und verhört ihn. Doch es dauert nicht lange, bis er die nächsten Kinder belästigt.

Vier Monate später versteckt er sich in einem Gebüsch in Plauen. Er wartet zwischen den Sträuchern, die am Parkplatz auf der Hohen Straße wachsen. Eine halbe Stunde wartet er, morgens gegen sieben in der Novemberkälte muss er schon hier gewesen sein. Gegen halb acht kommen zwei Mädchen vorbei, weil der Weg ihr Schulweg ist. Die Friedensschule liegt in der Nähe. Sie laufen an ihm vorbei und er entblößt sich. Im selben Gebüsch steht er zwei Wochen später wieder. Es trifft dieselben Mädchen, zehn und elf Jahre alt. Sie rennen weg, und dieses Mal vertrauen sie sich ihrer Lehrerin an.

Vier Fälle sind insgesamt bekannt geworden, in denen der junge Mann Kinder belästigt hat. Mal in Plauen, mal auf dem Dorf. Jetzt stand er deswegen in Plauen vor Gericht wegen sexuellen Missbrauchs und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern. "Ja, ich gebe das zu, ich will das abschließen", sagt er zu Jugendstrafrichterin Ilona Stange. Sie weiß, dass ihr Urteil in der Bevölkerung wohl auf Unverständnis stoßen wird. Stange hat das Strafverfahren eingestellt und dem heute 20-Jährigen Auflagen erteilt. Er muss sich einen Psychotherapeuten suchen und soll sich bei einer Beratungsstelle für sexuell auffällige Straftäter melden. Außerdem muss er bis Anfang Oktober einen Aufsatz im Gericht abgeben, in dem er über seine Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren schreibt. "Ich möchte einen ehrlichen Aufsatz lesen, mindestens fünf Seiten handgeschrieben", sagt Ilona Stange. Sie begründet ihre Entscheidung mit dem Jugendstrafrecht. Darin steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Es soll verhindern, dass er weitere Kinder belästigt. Ihm Arbeitsstunden zu geben, würde an seinem Verhalten nichts ändern, so die These der Jugendrichterin: "Das bringt nichts auf lange Sicht."

Der junge Mann hielt das Gesicht zwischen den Händen vergraben. Ein unauffälliger Jugendlicher, der mit seiner Freundin zusammenlebt, eine Lehre macht und bis vor ein paar Jahren Leistungssportler war. Schon Anfang vergangenen Jahres hatte ihn die Jugendgerichtshilfe wegen seiner Neigungen zur sozialpsychiatrischen Behandlung geschickt. Dazu kam es aber nie, weil er wegen seiner Ausbildung keinen Termin habe wahrnehmen können. Durch seine Vorgeschichte war die Polizei in den aktuellen Fällen auf ihn gekommen.

Im Amtsgericht sind eine Reihe von Sexualstraftaten aktenkundig, bei denen Kinder die Opfer sind. "Was hier an Kinderpornografie abgeht, darüber bin ich entsetzt", sagt Ilona Stange. Sie will die Eltern sensibilisieren, ihre Kinder vor Missbrauch im Internet zu schützen. Über soziale Netzwerke suchen die Täter nach Aussagen der Jugendrichterin Kontakt zu Minderjährigen: "Wir sind nicht in der Provinz. Dem Internet ist es egal, wo man wohnt."

Einmal im Monat sind Mitarbeiter von Isona in Plauen. Isona ist ein sozialtherapeutisches Institut mit Hauptsitz in Leipzig, das darauf spezialisiert ist, Gewalt- und Sexualstraftäter zu resozialisieren. Torsten Klemm, habilitierter Psychotherapeut, ist Vorstandschef von Isona. Nach seinen Angaben liegt die Rückfallquote von Sexualstraftätern nach einer Therapie zwischen fünf und 15 Prozent. "Die Neigung ist nicht änderbar. Aber man kann lernen, damit zu leben, ohne dass man Straftaten begeht", sagt Klemm. Auslöser seien häufig Erlebnisse in der Pubertät. Den jungen Exhibitionisten aus Plauen will er nicht allein aufgrund des Verhaltens als pädophil einordnen: "Wir wissen nicht, was seine inneren Motive sind und was für ihn den Kick ausmacht. Diese innere Motivation ist aber entscheidend für den Therapieerfolg."

Klemm zufolge passieren heute weniger Sexualstraftaten als vor 30 Jahren. Er bezieht sich dabei auf Studien des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. "Dass die Fallzahlen sinken, hat sicher mit den besseren Sozialdiensten zu tun, die solche Menschen auffangen", sagt Klemm.

Friedensschulleiter Uwe Zimmermann rief die Polizei an, nachdem der junge Entblößer im Herbst zwei Fünftklässlerinnen belästigt hatte. Er bat darum, dass die Beamten morgens Streife fahren im Umfeld der Schule. Er schrieb einen Brief an alle Eltern, bat die Klassenlehrer, ihre Kinder aufzuklären. Zimmermann ist froh über die Offenheit der beiden Mädchen: "Das Schöne ist, dass die Kinder vertrauen zu ihren Lehrern haben." Seine wichtigste Botschaft ist die, die auch die Mehltheuerer Kita-Chefin Angela Groh sendet: Kinder müssen selbstbewusst sein und selbstbewusst reagieren. "Das kann ihnen überall passieren", sagt Klemm.

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.