Wahlforum mit emotionaler Diskussion

Drei Kandidaten wollen in Muldenhammer am Sonntag Bürgermeister werden. Die "Freie Presse" hat sie zusammen an einen Tisch gebracht. Der Zuspruch durch die Bürger war enorm.

Muldenhammer.

Mit viel Interesse hatte die "Freie Presse" gerechnet, einen derartigen Andrang aber dann doch nicht erwartet: Fast 200 Interessierte waren zum Leserforum am Freitagabend in den Gasthof "Frischhütte" in Morgenröthe-Rautenkranz gekommen, um die Bürgermeisterkandidaten Jürgen Mann (Freie Wähler), René Standke (AfD) und Wolfgang Schädlich (Einzelkandidat) im direkten Vergleich zu erleben. Ein Forum vor der Wahl nach der Gemeindefusion vor sieben Jahren zählte 60 Besucher. Es ist also Feuer unterm Dach vor der Wahl am Sonntag. "Freie Presse" fasst den Abend zusammen.

Schwerpunkt Tourismus: Wichtiges Thema aller drei Kandidaten ist der Tourismus. Den zu stärken, haben sie sich auf die Fahnen geschrieben. Wolfgang Schädlich beispielsweise mit einem Muldenhammer-Ticket - einer Eintrittskarte für alles. "Ein Bündeln der Attraktionen könnte bereits den ersten Schub geben", sagte er. René Standke kritisierte, dass es eine eigene Vermarktung der Einrichtungen kaum gebe. Er will deshalb das Online-Marketing ankurbeln, um auch im Erzgebirge und bundesweit präsenter zu sein. Amtsinhaber Jürgen Mann zauberte eine touristische Neuigkeit aus dem Hut. So soll in Schneckenstein ein 40.000 Euro teurer Geopark als weiterer Anziehungspunkt entstehen. "Auch ein Anbau an die Raumfahrtausstellung ist nicht vom Tisch", sagte er. Für den Bürgermeister ist Muldenhammer "Vorbild im touristischen Bereich", insbesondere für Nachbarkommunen. Kritisch wurde aus dem Publikum gefragt, warum das Eisenbahnprojekt Via Wilzschhaus durch die Gemeinde aufgegeben wurde. Mann begründete das mit zu hohem Risiko für Muldenhammer. Es seien beispielsweise Schienen und Brücken marode.

Schwerpunkt Jugend: Jugend voran, auch das wollen alle drei. René Standke schlägt vor, einen Jugendstammtisch zu bilden. Von dort aus sollen Forderungen und Ideen in den Gemeinderat getragen werden. Wolfgang Schädlich will die bisherige Herangehensweise hinterfragen. "Beziehen wir die Jugendlichen genug ein - oder geben wir ein Schema vor?", fragte er. Der aktuelle Bürgermeister will beim Thema Jugend weiter auf das Ehrenamt setzen. "Die Nachbarkommunen beneiden uns um unsere Vereine." 24 junge Leute seien in der Feuerwehr. "Das kann sich sehen lassen."

Schwerpunkt Ältere: Muss es ein Bürgerbus sein - oder braucht es etwas ganz anderes? Wolfgang Schädlich will zuallererst hören, was gebraucht werde. Die Etablierung eines Bürgerbusses hatte René Standke ins Spiel gebracht. Der AfD-Bewerber steht zudem für betreute Senioren-Wohngemeinschaften und sprach sich dafür aus, einen geplanten Blockabriss zu überdenken. Laut Jürgen Mann ist ein bisher nicht verwirklichtes Projekt "Seniorenresidenz" in Hammerbrücke noch aktuell. Rahmenbedingungen hätten sich geändert. "Wir sind noch dran."

Das Problem Kindergarten: Schon die erste Bürgerfrage hob das Thema auf die Tagesordnung. Vorwürfe stehen im Raum, früheres Personal sei gegenüber Kindern handgreiflich geworden. Die Polizei ermittelt. René Standke begründete, warum er Jürgen Mann angezeigt hat. "Der Bürgermeister war nicht einsichtig, wie wir das alle wollten." Mann wollte sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht äußern, warf Eltern jedoch vor, den falschen Weg gegangen zu sein. "Bevor man andere Wege geht, geht man in den Gemeinderat." Standke konterte, das habe einen Grund. Er sprach von einem "Vertrauensverlust". Man habe jemanden um Hilfe gebeten, stattdessen aber "auf den Kopf gehauen" bekommen. "Wir haben viel versucht, aber sie haben uns nicht gehört." Brigitte Pöhland, Oma eines betroffenen Kindes, klagte an, indem sie ein Protokoll eines mutmaßlichen Vorgangs verlas. Im Saal gab es anschließend Emotionen. Einige applaudierten, die Mehrzahl lehnte den öffentlichen Umgang mit dem Thema jedoch ab. Auch Kandidat Wolfgang Schädlich gehörte dazu. "Die Diskussion ist nicht angebracht", sagte er. So etwas müsse zeitnah gelöst werden.

Die Stimmung: Den schwersten Stand auf dem Podium hatte zweifelsohne René Standke. Kritische Fragen aus dem Publikum gingen fast ausschließlich an ihn. Manche waren zudem provokant gestellt. Die Vorgeschichte dafür lag zum Teil in Standkes eigenen Wahlveranstaltungen, "wo auch mal der Gaul mit ihm durchgegangen sei", räumte er ein und entschuldigte sich. Deutlich wurde jedoch auch, dass Quereinsteiger von außerhalb und kommunalpolitische Neulinge wie sie René Standke und Wolfgang Schädlich sind, von manchen kritisch gesehen werden. "Warum gleich Bürgermeister?", fragte beispielsweise Gemeinderätin Manuela Schwabe (Freie Wähler) aus Hammerbrücke. "Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich einzubringen. Für mich ist der Schritt zu krass."

"Hart aber fair", sei die Debatte gewesen, fasste "Freie Presse"-Redakteur und Moderator Thorald Meisel den Abend zusammen. Am Sonntag hat der Wähler das Wort.


Kommentar: TiefeGräben

Die Diskussion um die Vorwürfe zum Kindergarten in Tannenbergstahl macht betroffen. Denn ein Graben verläuft dabei nicht nur zwischen Bürgermeister Jürgen Mann und AfD-Herausforderer René Standke, sondern auch durch Teile der Gemeinde. Das wurde am Freitagabend sehr deutlich. Jene, die den Fall öffentlich aufklären wollen, sahen sich dabei in der Minderheit. Sie fühlten sich einmal mehr unverstanden. Sogar Tränen waren im Saal zu sehen. Die Fronten zwischen beiden Seiten sind verhärtet. Dabei scheint es mehr um den Umgang mit dem Fall zu gehen, als um die möglichen Ereignisse, die ihm zugrunde liegen.

Wie kann es für Muldenhammer weitergehen? Die polizeilich-juristische Aufarbeitung ist im Gange. Aber egal, wie sie am Ende ausgeht: Es werden Narben zurückbleiben - auf beiden Seiten. Die menschlich-moralische Aufarbeitung ist daher die ungleich größere Herausforderung für die Gemeinde. Sie muss ebenfalls angepackt werden. Gelingt das nicht, bleiben viele Verlierer zurück. Und das kann am Ende niemand wollen.

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