Wie das Reh aufs Kanapee kam

Für die Heiligabend-Ausgabe hatte die "Freie Presse" die Geschichte einer tierischen Freundschaft aus dem Jahr 1960 ausgegraben. Daraufhin hat sich ein Zeitzeuge gemeldet.

Mühlleithen.

Die 60 Jahre alte Geschichte vom Reh auf dem Kanapee in der Ausgabe vom Heiligabend hat ein Echo gefunden: Dieter Wohlrab aus Mühlleithen kennt die Geschichte hinter der Geschichte, denn es war die Familie seines Großonkels, in der sie sich abgespielt hat. Und er hat neben Erinnerungen auch Fotos aus dieser Zeit parat, die ihn als kleinen Jungen mit dem Reh zeigen.

Es war eine Zeit, so sagt Dieter Wohlrab, als die Winter im oberen Vogtland noch mit den Begriffen Schnee, Sturm, Frost und Kälte verbunden gewesen waren und auch Winterpause ein Fremdwort für Waldarbeiter gewesen sei. Wald- arbeiter waren es auch gewesen, die bei der Arbeit am 943 Meter hohen Kiel ein junges, stark ausgezehrtes Reh fanden, das sich durch den verharschten Schnee auch noch die Beine verletzt hatte.

Die Waldarbeiter brachten das Reh zu Otto Leonhardt und seinem Schwiegersohn Willy Meinel, die in der Winselburg wohnten. "Der Otto war zu Hause und konnte sich um das verletzte Tier kümmern. Es wurde in der warmen Küche gepflegt und versorgt", erinnert sich Dieter Wohlrab. Die Mitbewohner des Hauses, Hund und Katze, haben sich erst an den neuen Mitbewohner gewöhnen müssen. Jeder von dem tierischen Trio suchte sich seinen Platz. "Beliebt war das Kanapee. So entstand das bekannte Foto im ,Kulturboten' und dazu wurde dann das Gedicht verfasst."

Das Reh bekam im darauf folgenden Frühjahr seine Freiheit zurück. Es ging zunächst auf die Wiese am Haus und später in den nahen Wald, kam immer wieder zurück und auch ging im Haus aus und ein. "Es bekam ein breites, rotes Halsband zur Erkennung. Die Jäger wurden gebeten, nicht auf das Reh zu schießen. Ein Besuch bei meinem Großonkel war immer ein Erlebnis für mich. Ich konnte das Reh streicheln und füttern", erinnert sich der Mühlleithener. Eines Tages aber sei das Reh verschwunden gewesen. Spekulationen kamen auf. Wurde es geschossen? Lag es irgendwo? War vielleicht verletzt...? Dieter Wohlrab: "Es war eine längere Zeit vergangen. Da stand das Reh vor den Haus und wartete auf Otto und Willy. Es war nicht allein, es wollte ihnen sein Nachwuchs, das Kitz, zeigen. Es war scheuer geworden und ging nicht mehr in die Stube, wo es gepflegt worden war."

So bekamen Reh und Kitz einen Platz mit Heu in dem Schuppen. Dort verbrachten die Tiere die Zeit, und machten Ausflüge in die Wälder. Sie kamen immer zur Fütterung zurück. Nachdem Otto gestorben war, baute Willy eine größere Fütterung vor dem Haus. "Mit den Jahren wurden es dann immer mehr Rehe, die Willy versorgte", erzählt Dieter Wohlrab.

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