Wolkenbruch lässt Flucht mit dem Ballon ins Wasser fallen

Schon in der Kindheit war der Dresdener Jan Hübler fasziniert von Ballons und Luftfahrt. Kurz vor der Wende 1989 startete er mit seiner damaligen Frau den letzten Ballon-Fluchtversuch aus der DDR.

Bad Elster.

Man muss nicht unbedingt abergläubisch sein, aber vielleicht sagt es einiges aus: Der 13. Oktober 1989 war ein Freitag. Das aber kam Jan Hübler nicht in den Sinn. Vielmehr hatten er und seine Frau Petra akribisch geplant, bei Lauscha in Thüringen mit dem Heißluftballon abzuheben und bei Westwind mit acht Meter pro Sekunde Richtung Bayern zu treiben, um so die ungeliebte DDR hinter sich zu lassen. An alles hatten sie gedacht, mit einem aber nicht gerechnet: An diesem Tag ging ein Wolkenbruch über Lauscha nieder, was dazu führte, dass der mit Latex imprägnierte Stoff des Ballons sich quasi "auflöste" und als schlabbrige Masse auf dem Boden lag - der letzte Ballon-Fluchtversuch aus der DDR fand ein tragisches Ende, noch bevor er begonnen hatte.

Alle, die Jan Hübler am Mittwoch im Kurhaus Bad Elster bei seinem Bericht wie gebannt an den Lippen hingen, fühlten auch noch 30 Jahre später mit ihm mit. Er nahm sie mit in sein Leben, erzählte von den zwei Jahre andauernden Vorbereitungen, der DDR heimlich auf dem Luftweg den Rücken zu kehren. Schon als Kind war der Dresdener fasziniert von Ballons und Luftfahrt, hatte mit seinem Vater aus Spaß Drachen gebastelt, aus eigenem Interesse kleinere Ballons konstruiert und fliegen lassen. Bis aus dem Spaß nach und nach ernst wurde. Jan Hübler und seine Frau Petra entschlossen sich zur Flucht. Jan Hübler: "Es gibt Punkte, wo das eigene Leben nach Lösungen und Entscheidungen verlangt."

In ihrer kleinen Wohnung baute das Paar einen Heißluftballon. Jan Hübler schilderte auf zu Herzen gehende und beeindruckende Weise den dramatischen Verlauf und zeigte Bilder von geplanten waghalsigen Aktion: von den Berechnungen für den Ballon mit dem Namen "Big Brother", vom Besorgen trotz der Mangelwirtschaft von einem Dutzend Propangas-Flaschen und 480 notwendigen Bettlaken, aus denen er genäht wurde, vom abenteuerlich anmutenden Imprägnieren des Stoffes mit literweise Latex-Bindemittel (fatal, wie sich am Ende zeigen sollte, weil es wasserlöslich ist), vom wochenlangen Nähen auf einer Textima-Maschine.

Jan Hübler erzählte auch von der Ängsten, dem ständigen psychischen Druck und den sorgsam getroffenen Vorsichtsmaßnahmen, bei den Vorbereitungen nicht erwischt oder gar verpfiffen zu werden. Und dann war der Ballon fertig - in jenem Sommer 1989, als in Ungarn die Grenze geöffnet wurde: "Da haben wir uns schon ein bisschen verarscht gefühlt. Aber wir wollten es trotzdem wissen, es uns beweisen und mit 'Big Brother' elegant nach Bayern fahren und in der Freiheit landen. Es konnte doch keiner wissen, wie sich alles entwickelt."

Der Wolkenbruch schwemmte alle Hoffnungen fort. Als am 2. November die Tschechen die Grenze öffneten, machten Jan Hübler und seine Petra sechs Tage später über den Böhmerwald nach Bayern rüber und lebten in Würzburg. "Ende 2000 ist unsere Ehe geplatzt, obwohl ich immer dachte, dass unsere Erfahrungen und Erlebnisse für drei gemeinsame Leben reichen. Seit 2001 bin ich wieder in Dresden."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...