Zu Ostern Abschied aus Adorf: Pfarrer begibt sich auf neue Wege

Am Montag, 14 Uhr wird Marcel Lepetit in der Michaeliskirche verabschiedet. Seit 2015 war er da. Er geht und nimmt sein Credo mit: "Nicht glauben, dass die eigene Perspektive die einzige ist".

Adorf.

Die Wohnung im Adorfer Pfarrhaus leert sich Tag für Tag. Ein untrügliches Zeichen, dass sich ihre Bewohner auf den Weg machen. Marcel Lepetit, seit 2015 Pfarrer in der Stadt, und seine Frau Annemieke van der Ploeg verlassen das Vogtland. Ihre neue Station wird Wernsdorf bei Glauchau sein. Es wird ein neuer Weg. Dem Pfarrer kommt "Befiehl du deine Wege" von Paul Gerhardt, den er sehr schätzt, in den Sinn. "Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann" heißt es darin. Es wird zu Ostern in der Matthäuspassion gesungen. Und trifft die Situation, in der Lepetit und seine Frau gehen.

Der Weg des 46-Jährigen in Adorf war mit dreieinhalb Jahren nicht lang, aber intensiv. Kurz bevor der gebürtige Köthener am Ostermontag in der Michaeliskirche verabschiedet wird, erzählt er von "vielen neuen Schritten". Der Gottesdienst, mit dem er 2015 in Adorf eingeführt wurde, trug das Motto "Neue Schritte wagen". Marcel Lepetit nahm das Motto an. Die sächsische Liturgie war für ihn Neuland. Er hat sie durch ihre Reichhaltigkeit schätzen gelernt - und durch die dankbar angenommene Unterstützung erfahrener Pfarrkollegen wie Johann Schaser und Jochen Bretthauer. "Adorf ist eine sehr aktive Gemeinde, in der viele Ehrenamtliche in guter Weise wirken. Es gibt einen sehr engagierten, starken Kirchenvorstand, einen Chor, ein großes Engagement für Kinder. Und es gibt den Verein für klassische Musik - so etwas habe ich nirgends so erlebt, eine ganz große Bereicherung für Adorf und sein ländliches Umfeld, dank des vielen Engagements von Familie Süßdorf."


Aber die Wege trennen sich nun. "Es war unser Wunsch. Ich habe darum gebeten. Ich bin der Landeskirche dankbar, dass sie eine Lösung gefunden hat", sagt der Pfarrer zu den persönlichen und familiären Gründen für den Wechsel. 2018 erkrankte Marcel Lepetit schwer, war ein halbes Jahr von seiner Gemeinde getrennt. Seine Frau singt am Theater Plauen/Zwickau. Von Wernsdorf, wo das Paar am 2. Mai ein Fachwerkhaus beziehen wird, ist es zu ihrem Arbeitsort nur eine Viertelstunde. Lepetit wird zusammen mit einem Glauchauer Kollegen arbeiten.

Wegemarken, die der Pfarrer in Adorf und in der Schwestergemeinde Marieney-Wohlbach gesetzt hat, gab es einige. Die Ehrung für Julius Mosen in Marieney, die Inbetriebnahme der Glocken in Marieney mit dem Bischof, die Ehrung jüdischer Familien in Adorf, die Arbeit mit Flüchtlingen - alles für Lepetit neue Punkte, die er nicht missen möchte. Die wiederbelebten Krankenhaus-Gottesdienste, die angeschobene Restaurierung der Schubert-Orgel in der Johanniskirche gehören auch dazu. All das wäre ohne verlässliche Partner nie gelungen, so Lepetit. Als "außerordentlich" würdigt er den Kontakt mit der Stadtverwaltung, wo es "immer ein offenes Ohr" gegeben habe. Offenheit und Grundrespekt gegenüber Jedermann, dies erwartet Marcel Lepetit, in einem kirchlich und musisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, von allen.

Sich auf den Weg machen, ist für den Pfarrer gerade im Alltag wichtig. "Wichtig ist, dass wir die Menschen besuchen. Dass wir wissen, was los ist an der Basis. Ich finde, eine moderne Kirche sollte offen sein und sollte vielfältig agieren. Um in einer Zeit, die durch Vielfalt geprägt ist, Ansprechpartner für alle zu sein", sagt Lepetit. Moderne allein, meint er, ist nicht die Zukunft. "Wir sollten nicht glauben, dass die eigene Perspektive die einzige ist. Um eine Tradition lebendig zu erhalten, muss man sie auch vermitteln. Das kann ein Pfarrer nicht allein", gibt er zu Bedenken. Dabei dürfe Kirche die Sicht nicht verengen auf die, die ihre Perspektive ohne Mühe artikulieren könnten. "Es müssen die Leute im Blick bleiben, die nicht stark sind, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Ich möchte nicht eine Kirche der Starken."

Wer seinen Weg weitergeht, nimmt von einer Wegstation auch mit, was sein Leben neben dem Beruf reicher macht. Im Fall von Marcel Lepetit steinreich. Als Mineraliensammler hat er den Reichtum des Vogtlandes auf diesem Gebiet schätzen gelernt. Verzichtet hätte er dagegen auf die ersten persönlichen Erfahrungen, wie sich ein Erdbeben anfühlt. "Ich fand die Stärke der Stöße nicht unbedingt angenehm."

Das Vogtland ist auch die erste deutsche Heimat seiner Frau Annemieke geworden, als sie aus den Niederlanden hierherzog, auf eigene Herausforderungen stieß. Die Musik ist das enge Band, welches den ehemaligen Kruzianer und die Mezzosopranistin vereint - sie hat sie bei den Bachfesttagen in Köthen auch zueinander geführt. Nein, leicht und einfach abgehakt ist Adorf nicht. Dafür lasse man zuviel zurück, auch Menschen, die zu Freunden wurden. "Wir haben das Vogtland sehr lieben gelernt. Wir wandern sehr gern, da hat das Vogtland unwahrscheinlich viel schönes auch landschaftlich zu bieten. Das werde ich sehr vermissen, das weiß ich jetzt schon."

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