Als auf dem Friedhof die Inventur lief

Der Hauptfriedhof ist 100 Jahre alt. "Freie Presse" berichtet über den lebendigen Ort. Heute: Ex-Friedhofs-Chefin Elke Wagner

Obwohl Elke Wagner, Jahrgang 1951, Rentnerin ist, zieht es die ehemalige Chefin des Hauptfriedhofs immer wieder an den stillen Ort. Sie erfreut sich an der Bepflanzung, an Rosen auf der Gemeinschaftsgrabanlage zum Beispiel oder Blumenrabatten. Als Gärtnerlehrling beim VEB Grünanlagen und Bestattungswesen hatte Wagner angefangen. Den grünen Daumen bewahrt sie sich bis heute. Auch ihren eigenen Garten pflegt sie mit Hingabe.

"Ihren" Friedhof, den sieht die Plauenerin als Stätte der Besinnung, der Mahnung und Harmonie. Deshalb sprach sie sich gegen zunehmenden Autoverkehr auf dem parkähnlichen Areal aus. Als ein Angehöriger einmal zu ihr sagte, es gehe schlimmer zu als auf der Landstraße, ergriff sie die Initiative, ließ Poller installieren. Und regte Parkplätze an den anderen Eingängen an. Besucher können Fahrzeuge nun auch an der Sorgaer und der Tauschwitzer Straße abstellen. "Von dort kann man den oberen Bereich weniger beschwerlich erreichen", so Wagner.

Während ihrer Tätigkeit habe sie manchmal auch eine Kontrollfunktion gehabt, erinnert sie sich. Hatte da jemand eine Zuckerhutfichte aufs Grab gepflanzt? Oder war jemand ins Gemeinschaftsgrab gelatscht, um einen Teddy oder eine Riesenlaterne abzustellen? Auch Fotos auf Grabsteinen oder auffällige Goldschrift sind genau genommen nicht erlaubt. Seitens der Friedhofsverwaltung verfolge man die Philosophie, dass alle Gestorbenen gleich sein sollen. "Die Friedhofssatzung ist seit Beginn kaum geändert worden, darauf sind wir stolz", sagt Wagner. Dies zeige, wie umsichtig der Erbauer Wilhelm Goette und seine Mitarbeiter damals entschieden.

Andererseits seien Bedürfnisse der Trauernden eben unterschiedlich. Wagner weiß, dass sich die Trauerkultur verändert, schon rein äußerlich. Früher zum Beispiel waren Hinterbliebene mitunter monatelang schwarz gekleidet. Heute hält das jeder anders.

Erlebt hat sie viel, und wenn sie davon berichtet, scheint es, als wäre es gestern gewesen. Wagner fällt die Geschichte jener jungen Frau ein, die ihren Mann verloren hatte. "Über zwei Stunden bin ich mit ihr das Gelände abgelaufen, doch sie konnte sich nicht entscheiden, wo das Grab hin soll." Normalerweise habe sie dann empfohlen, dass Angehörige nochmals drüber nachdenken. Doch plötzlich habe die Witwe gesagt: "Hier soll mein Mann hin." Im Nachbargrab habe ein junges Mädchen geruht. Da könne sich ihr Mann wenigstens unterhalten. Die Anekdote hat die Friedhofschefin nie vergessen. Zu den prägenden Ereignissen gehörte ebenfalls eine Vermessung und Inventur des Grundstücks. Seither weiß sie, dass der Friedhof 102 Bänke hat, 63 Brunnen, 33 Treppen sowie über 3200 Bäume.

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